Flüchtlinge in der Ägäis Kollision in finsterer Nacht

In der Ägäis sollen Migranten mit enormem Personal- und Materialaufwand von Europa ferngehalten werden. Für die Flüchtenden wird das Meer zwischen der Türkei und Griechenland damit gefährlicher denn je.

Banges Warten: Geflüchtete auf einem Rettungsboot der türkischen Küstenwache
Sergen Sezgin/ Anadolu Agency/ picture alliance

Banges Warten: Geflüchtete auf einem Rettungsboot der türkischen Küstenwache

Aus Dikili berichtet


Exakt um Mitternacht legt das Schiff mit der Kennung TCSG 310 von seiner Basis in Dikili, einer Stadt im Nordwesten der Türkei, ab. Das 33 Meter lange Schnellboot der türkischen Küstenwache ist voll beladen mit modernster Überwachungstechnik.

In den nächsten acht Stunden werden die TCSG 310 und ihre 17-köpfige Besatzung das Ägäische Meer mit einer Geschwindigkeit von rund 45 Knoten (rund 90 km/h) durchkreuzen. Hin und her geht es entlang der türkischen Küste, unweit der griechischen Insel Lesbos.

In dieser Nacht hat die Crew zwei Anweisungen: Sie soll Boote mit Asylsuchenden identifizieren und aufhalten, bevor sie griechische Gewässer erreichen. Und sie soll, wenn nötig, als Seenotretter agieren. In dieser milden Oktobernacht muss die Besatzung beides tun. Die TCSG 310 ist Teil einer Flotte, mit der Griechenland, die Türkei und die Europäische Union in der Ägäis verhindern wollen, dass Migranten EU-Boden betreten.

Furcht vor einer neuen Flüchtlingskrise

Tag und Nacht patrouillieren Hunderte Mitglieder der türkischen und griechischen Küstenwache sowie der europäischen Grenzschutzagentur Frontex in der Meerenge - mit Schnellbooten, Helikoptern, Flugzeugen, Drohnen, Wärmebildkameras und Radargeräten ausgerüstet.

Allein in türkischen Gewässern sind täglich 22 Boote unterwegs, begleitet von drei Helikoptern und Flugzeugen. Fünf der Schiffe sollen den Migranten den Weg nach Lesbos versperren. Denn auf dieser Insel kommt die Mehrheit jener Asylsuchenden an, die Europa auf dem Seeweg erreichen wollen. Griechenland und Frontex haben angekündigt, noch mehr Boote, noch mehr Einsatzkräfte und noch mehr Kameras bereitzustellen, Beamte der türkischen Küstenwache sagen, sie schieben inzwischen Doppel- und Dreifachschichten.

Im Video: Die türkische Küstenwache im Einsatz

Was all der Aufwand nicht verhindern kann: An den griechischen Inseln landen erneut so viele Migranten an wie zuletzt im März 2016, als sich die EU mit der Türkei auf den Flüchtlingspakt einigte: Ankara sollte die Migrationsbewegungen in der Ägäis zum Erliegen bringen und erhielt im Gegenzug Milliardenhilfen aus Brüssel. Doch allein dieses Jahr haben bisher mehr als 42.000 Asylsuchende Griechenland über den Seeweg erreicht.

Aber auch die Zahl derjenigen, die an der Überquerung gehindert wurden, ist gestiegen: Bis Oktober haben die türkischen Behörden insgesamt 334.000 Migranten davon abgehalten, nach Griechenland zu gelangen - 63 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr. 44.000 von ihnen wurden auf See gestoppt, mehr als doppelt so viele wie 2018.

Hinzu kommt: Die Lebensbedingungen auf den "Hotspot-Inseln", wo die Migranten auf ihren Asylbescheid warten müssen, sind dramatisch. Es gibt Tumulte. Feuer brechen aus. Menschen sterben. Griechenland und die EU sind alarmiert: Die neue, konservative Regierung in Athen hat versprochen, die Migrationsproblematik in den Griff zu bekommen, doch Europa fürchtet längst eine weitere Flüchtlingskrise, ausgelöst durch die türkische Militäroffensive in Nordsyrien.

Abseits davon wirft Europa der Türkei vor, nicht genug zur Erfüllung des Flüchtlingspakts zu unternehmen. Griechische Politiker vermuten sogar, dass Ankara absichtlich die Zügel schleifen lasse, um Europa Zugeständnisse im Syrienkonflikt abzupressen.

Man kann die Meerenge nicht komplett abriegeln

Solche politischen Ränkespiele scheinen die Besatzung der TCSG 310 nicht zu berühren. Sie haben ihre Befehle, und die sind simpel. Die Grenzschützer beobachten die blinkenden grünen Punkte auf dem Radar, jeder steht für ein Boot in der Umgebung. Wenn eines von ihnen durch seine Größe oder Geschwindigkeit auffällig wird, erklärt der Kapitän Hasan Aldemir, hat seine Crew den Auftrag, es abzufangen. Oder, noch besser, zu verhindern, dass die Migranten überhaupt erst an Bord der Schlepper-Schlauchboote gelangen.

Am Ende dieser Nacht wird die türkische Küstenwache gemeinsam mit der Gendarmerie 14 solcher Boote gestoppt haben, darauf 535 Passagiere. Drei Gruppen von Migranten schafften es gar nicht erst auf das Ägäische Meer. "Wir haben allein in diesem Jahr mehr als 20.000 Grenzübertritte verhindert", sagt Aldemir.

Der Kapitän weiß, dass man die Meerenge nicht komplett abriegeln kann. "Es ist sehr schwer, die gesamte Küste zu jedem Zeitpunkt im Blick zu behalten. Manchmal ist unser Schiff 30 Minuten entfernt, aber die Migranten brauchen nur zehn, um eine der griechischen Inseln zu erreichen."

Was ist dran am weitverbreiteten Vorwurf der Griechen, die türkische Küstenwache ignoriere bisweilen ihre Hinweise auf herannahende Boote? Aldemir holt zur Antwort sein Handy aus der Tasche: Auf dem Bildschirm erscheint ein endloser Strom von Nachrichten auf Englisch, die oft mit "Guten Tag, Sir" beginnen, gefolgt vom Austausch von Warnungen und Koordinaten.

Allerdings scheinen sich nur wenige Verantwortliche in Griechenland, der Türkei und der EU Gedanken darüber zu machen, ob ihre Strategie nicht nur ineffektiv ist - sondern ob das Hochrüsten der Ägäis zur Festung mit immer mehr Einsatzkräften und Ressourcen nicht auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen sterben.

Riskante Passagen in völliger Dunkelheit

Denn die massiven Abwehrmaßnahmen könnten Asylsuchende dazu verleiten, noch größere Risiken auf sich zu nehmen, um die EU zu erreichen. In diesem Jahr sind in der Meerenge bereits 66 Menschen gestorben - seit 2014 sind es damit fast 2000 Todesopfer.

Das jüngste Opfer ist ein kleines Kind. Es wurde am Mittwoch tot aus dem Wasser geborgen, nachdem ein Patrouillenboot der griechischen Küstenwache mit einem Kahn kollidiert war, der Dutzende Migranten aus der Türkei beförderte. Laut Küstenwache ereignete sich der Zusammenstoß bei kompletter Dunkelheit: "Sie versuchen, die Überfahrt unentdeckt zu absolvieren, und die Boote sind gewöhnlich völlig überladen", erklärt ein griechischer Beamter. "Manchmal ist es sehr schwierig, diese Boote überhaupt zu orten, selbst für Schiffe, die mit Radar ausgerüstet sind."

Nun in Sicherheit: Ein Kleinkind wird gerettet
Sergen Sezgin/ Anadolu Agency/ picture alliance

Nun in Sicherheit: Ein Kleinkind wird gerettet

Wie riskant die Passage sein kann, wird gegen Ende des nächtlichen Einsatzes der TCSG 310 deutlich. Um 5:49 Uhr empfängt die Besatzung ein SOS-Signal: Ein Boot voller Migranten sei in Seenot geraten und treibe mitten im Meer, etwa eine Stunde von der Küste von Lesbos entfernt. Um 6:22 ist das kleine Gummiboot zu sehen, überladen mit 42 Menschen, darunter viele Kinder. Es macht den Eindruck, als könne es die geringste Wellenbewegung zum Kentern bringen.

In dieser Nacht sind die Gewässer ruhig, der Wind weht nur schwach. Doch selbst unter diesen guten Bedingungen ist die Ägäis eine furchterregende, dunkle See. Die Asylsuchenden auf dem Gummiboot kommen fast alle aus Syrien, eine Frau aus dem Iran. Ein achtjähriges syrisches Mädchen, das mit seinen Eltern und vier Geschwistern die Überfahrt gewagt hat, trägt leere Plastikflaschen um den Hals, offenbar sollen sie als Rettungsweste dienen.

Die Schiffbrüchigen werden ohne weitere Umstände an Bord eines kleineren Schiffs der türkischen Küstenwache gebracht, das sie wieder an Land bringt. Weg von ihrem ersehnten Ziel Europa, zurück in die Türkei. Ihr Traum ist fürs Erste vorbei. Aber wenigstens sind sie noch am Leben.

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