Desaströse Zustände in Griechenlands Lagern ...dann eben wieder die Balkanroute

Griechenland ist mit der Ankunft Tausender Migranten auf den Inseln überfordert. Und immer mehr Menschen machen sich über die Balkanroute auf den Weg nach Norden: Die Flüchtlingskrise wird wieder akut.

Soldat im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Nordmazedonien
GEORGI LICOVSKI/EPA-EFE/REX

Soldat im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Nordmazedonien

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Die Lage auf Lesbos eskalierte am Sonntagnachmittag: Zwei Feuer brachen im Flüchtlingslager auf der griechischen Ägäis-Insel aus, vor allem junge Migranten gingen auf Polizisten los. Mindestens eine Frau starb, 17 Menschen wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Seit Monaten steigt die Zahl der Menschen, die aus der Türkei auf die griechischen Inseln übersetzen. Die griechische Regierung sieht sich gezwungen, immer mehr Migranten aufs Festland zu bringen - um Unruhen wie im völlig überfüllten Lager auf Lesbos möglichst zu vermeiden. Die Transfers sind ein Grund dafür, warum inzwischen ein Weg in den Norden Europas wieder genutzt wird, der als verschlossen galt: die Balkanroute.

Tausende Migranten, die unter prekären Bedingungen in griechischen Lagern auf dem Festland ausgeharrt haben, versuchen mittlerweile wieder aus Griechenland nach Nord-Mazedonien zu gelangen. Von da aus geht es weiter über Serbien, Ungarn und Kroatien nach Österreich oder Deutschland.

Nach SPIEGEL-Informationen halten Frontex-Mitarbeiter und griechische Polizisten an der Grenze zu Nord-Mazedonien inzwischen rund tausend Migranten pro Monat auf. Die Behörden vermuten, dass noch viel mehr sich erfolgreich den Weg Richtung Norden bahnen. Die Zahlen seien deutlich höher als noch im vergangenen Jahr, heißt es bei der griechischen Polizei. Der Anstieg habe im Frühjahr begonnen und halte bis heute an.

Im Vergleich zur Hochzeit im Jahr 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge auf der Balkanroute immer noch gering. Damals nutzten Hunderttausende Menschen den Landweg Richtung EU, bevor die Anrainerstaaten die Grenzen dicht machten. 2018 registrierte die europäische Grenzschutzagentur Frontex weniger als 6000 Menschen auf der gesamten Balkanroute.

Deutschland verlängert Grenzkontrollen

Auch deutsche Grenzschützer registrierten in den ersten acht Monaten dieses Jahres mehr als 6700 illegale Grenzübertritte an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Deshalb entschied sich Innenminister Horst Seehofer jüngst, die Grenzkontrollen zu verlängern und die Schleierfahndung an deutschen Grenzen zu intensivieren.

Nicht nur auf den griechischen Ägäis-Inseln kommen mehr Flüchtlinge an. Auch den griechisch-türkischen Grenzfluss Evros versuchen nach SPIEGEL-Informationen derzeit rund 500 Migranten am Tag zu überqueren.

In Griechenland erwarten die Flüchtlinge endlos erscheinende Asylverfahren, die bis zu drei Jahre dauern. Es gibt kaum Jobs für sie, die Bedingungen in den Lagern auf dem Festland sind ebenfalls schlecht. Viele hausen in Zelten, der Winter steht bevor.

Vor allem junge Männer machen sich deshalb auf den gefährlichen und langen Weg über die Balkanroute. Schmugglern zahlen sie 400 bis 500 Euro, von der nordgriechischen Stadt Thessaloniki geht es auf Güterzügen in Richtung Grenze, die Schmuggler geben den Migranten GPS-Koordinaten mit auf den Weg. Das Versprechen: An diesen Orten soll der Grenzübergang unbewacht, die Querung möglich sein. Andere Schlepper sollen die Migranten in Serbien in Empfang nehmen und den Weg Richtung Deutschland weisen.

Flüchtlinge im Camp Moria auf Lesbos
Byron Smith/ Getty Images

Flüchtlinge im Camp Moria auf Lesbos

Griechische Polizei ist überfordert

Die griechische Polizei schafft es unterdessen nicht, die Wege über die Grenze gänzlich zu sichern. Weil die Situation auf den griechischen Ägäis-Inseln so angespannt ist, wurden viele Beamte aus der Grenzregion abgezogen. Sie sollen auf den Inseln für Sicherheit sorgen und bei den Transfers aufs Festland helfen. Erst am Sonntag schickte die griechische Regierung ein Flugzeug mit Verstärkung nach Lesbos.

Die griechische Regierung plant, zwischen 7000 und 10.000 weitere Asylbewerber aufs Festland zu schicken. Sie wurden als besonders schutzbedürftig eingestuft und können somit nicht in die Türkei zurückgeschickt werden. Das passiert ohnehin kaum, bisher wurden unter dem Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei weniger als 2000 Migranten in die Türkei zurückgebracht. In weiten Teilen funktionierte der Deal nie wie geplant, darunter leidet Griechenland nun, da die Flüchtlingszahlen steigen.

Eine kurzfristige Alternative zu den Ausschiffungen aufs Festland gibt es nicht. Alle Hotspots auf den Inseln in der Ägäis sind überfüllt, die Zahlen steigen weiter. Auf Lesbos allein kamen zwischen dem 20. und 26. September rund 1500 Flüchtlinge an. Am Olivenhain, am Rande des offiziellen Camps, wird es deshalb immer voller. Einst wurde das Lager für 3000 Menschen gebaut, mittlerweile leben in Moria mehr als 12.000 Migranten unter unmenschlichen Bedingungen.

Die Regierung baut deshalb die Kapazitäten auf dem Festland aus, so gut es geht. Sie sucht nach neuen Orten, an denen Camps entstehen können. Alte Kasernen sollen genutzt werden.

Griechenland drängt auf europäische Hilfe

Das griechische Asylsystem steht unterdessen vor dem Kollaps: Knapp 70.000 Fälle sind noch überhaupt nicht bearbeitet worden. Der Verteidigungsminister spricht von einer "nationalen Krise".

Kyriakos Mitsotakis, der neue Regierungschef, sucht deshalb Hilfe bei der EU. Weil es auf absehbare Zeit wohl keine gemeinsame europäische Migrationspolitik geben wird, würde Griechenland in der Zwischenzeit gern von der sogenannten Koalition der Willigen profitieren. Auf Malta hatten sich Deutschland, Frankreich, Italien und Malta darauf geeinigt, aus Seenot gerettete Migranten in sichere europäische Häfen einlaufen zu lassen und zu verteilen.

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer reist in dieser Woche ohnehin in die Türkei und nach Griechenland. Anschließend steht ein Treffen der europäischen Innenminister an. Griechenland will das Thema dort ansprechen; Seehofer, so ist zu vernehmen, will deutsche Hilfe anbieten, um die Situation in den Lagern zu verbessern.

Die griechische Regierung hat zudem beschlossen, das eigene Asylgesetz zu verschärfen. Staaten wie die Türkei sollen zu sicheren Drittstaaten erklärt werden, in die zum Beispiel Afghanen zurückgeschickt werden können. Afghanen machen inzwischen die Mehrheit der derzeit ankommenden Flüchtlinge aus. Die Verfahren sollen schneller und effizienter werden.

Die neue konservative griechische Regierung möchte außerdem die Kriterien verschärfen, nach denen Migranten als besonders schutzwürdig eingestuft werden. Derzeit bekommen früher oder später fast alle Migranten diesen Status, der es ihnen erlaubt, aufs Festland zu gelangen.

Die Regierung hofft, so die Zahl der Rückführungen in die Türkei bis Ende 2020 auf 10.000 steigern zu können. Die Bundesregierung würde das begrüßen. Schnellere Rückführungen seien ein Teil der Lösung, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Allerdings würden wohl selbst 10.000 Rückführungen nicht dazu führen, dass sich die Situation in den Lagern auf den Inseln und auf dem Festland spürbar verbessert.

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