Klein-Idomenis in Griechenland Ein Lager ist geräumt, Dutzende entstehen neu

Das Lager in Idomeni ist Geschichte, doch nur die Hälfte der Flüchtlinge ist in offizielle Aufnahmezentren gezogen. Die anderen harren an der Grenze aus - in trostlosen wilden Camps.

Aus Evzoni berichtet


Als die Bulldozer in Idomeni anrückten, war das berüchtigte Flüchtlingscamp an der griechisch-mazedonischen Grenze innerhalb von drei Tagen geräumt. Die zuletzt dort ausharrenden 8400 Bewohner sollten in neue Aufnahmezentren gebracht werden. Doch die Realität sieht anders aus: Fast die Hälfte der Migranten hält sich noch immer in der Region auf - oder die Flüchtlinge kehrten frustriert wieder dorthin zurück und hausen jetzt in wilden Lagern.

Eines dieser Camps hat sich in Evzoni gebildet, einem kleinen Dorf mit 300 Einwohnern, nur ein paar Kilometer von der Grenze entfernt. Das Ziel von Abdul aus Afghanistan und seiner Familie ist das Hotel Hara in Evzoni. Direkt davor stehen die Zelte der Flüchtlinge, ein Idomeni im Kleinformat.

Abdul sagt, er sei entmutigt gewesen, als er das Aufnahmelager im Westen der Großstadt Thessaloniki sah. Auch Hilfsorganisationen berichten über die trostlosen Lebensumstände dort, es gebe zudem keine Möglichkeit, Asylanträge zu stellen. Die staatlichen Camps wurden hastig erbaut, sie liegen entweder auf dem Gelände von verfallenen Industrieanlagen oder weit abseits irgendwo im Nirgendwo.

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Flüchtlinge in Griechenland: Ausharren in Evzoni

Eine Delegation des Europarats kritisierte Anfang der Woche ebenfalls die Situation in den Lagern Sindos, Oreokastro und Softex bei Thessaloniki: Die Flüchtlinge dort hätten keinerlei Privatsphäre, keine Beleuchtung und keine Belüftungsanlagen.

Abdul beschloss deshalb, seine Habseligkeiten zusammenzupacken und sich wieder auf den Weg zu machen, so wie er es schon Dutzende Male seit der Flucht aus Afghanistan getan hat. Und so steht er nun mit seiner Frau und den drei Kindern auf der Standspur an der Autobahn E75, die die Region Thessaloniki mit dem Balkan verbindet. 70 Kilometer sind es bis zur Grenze, die Reise dauert zu Fuß und mit Kindern mehr als 14 Stunden. 40 Kilometer haben sie geschafft. Sein jüngster Sohn schläft in eine karierte Decke gehüllt, obwohl die Lastwagen dicht an ihnen vorbeidonnern.

20 Kilometer sind es jetzt noch für sie bis zum Hotel Hara, was das griechische Wort für Freude ist. Doch Evzoni ist jetzt kein Ort der Freude. In den Camps mit den Zelten auf den Parkplätzen direkt an der Straße zwischen Hotels und Tankstellen ist es heiß, die Temperaturen nähern sich 40 Grad. Und die Versorgung erfolgt nur durch Hilfsorganisationen.

Die Lage dort kann lebensgefährlich werden: In der Nacht auf Dienstag wurde nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auf einen Migranten aus Pakistan geschossen. Er hatte sich mit seinem ebenfalls aus Pakistan kommenden Schleuser gestritten, dem er 1300 Euro bezahlt hatte, damit der ihn nach Deutschland bringe. Die Kugel durchschlug die Schulter des Flüchtlings, er kam in das nächstgelegene Krankenhaus in Kilkis. "Der Mann hatte Glück", sagt ein Polizist.

Dennoch ziehen die Flüchtlinge die wilden Camps den neuen staatlichen Lagern vor. Evzoni hat für sie gleich mehrere Vorteile - ähnlich wie im geräumten Idomeni, wo es die Migranten trotz der schlimmen Zustände monatelang aushielten:

  • Das Dorf liegt nahe der Grenze, und die Flüchtlinge hoffen immer noch, dass sie wieder geöffnet wird.
  • Es ist ein offener Bereich, der ihnen nicht das Gefühl gibt, in einem Gefängnis zu sein.
  • Es gibt Geschäfte in der Nähe - zumindest für diejenigen, die Geld zum Einkaufen haben.
  • Und für sie besonders wichtig: Journalisten und Helfer werden anders als in den staatlichen Lagern nicht ausgesperrt, können also über die Situation berichten.

Viele Flüchtlinge versuchen auch in diesen Tagen wieder, über die Grenze nach Mazedonien zu kommen. SPIEGEL ONLINE beobachtete ein paar Kilometer von Idomeni entfernt eine etwa zehnköpfige Gruppe, die versteckt in der Nähe eines Flusses auf eine günstige Gelegenheit wartete. Doch meistens werden die, die es über die Grenze schaffen, von der Polizei in Mazedonien festgenommen und einfach heimlich durch ein Loch im Grenzzaun wieder nach Griechenland geschickt. Auf das langwierige offizielle Rücknahmeprozedere mit Athen haben die Mazedonier offenbar keine Lust.

Doch das Ende der wilden Camps, der Mini-Idomenis, naht. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereitet die Regierung bereits die Räumung vor. Ein Behördenvertreter sagt: "Die Schließung von Idomeni hat gezeigt, dass eine friedliche und schnelle Evakuierung durch die Polizei möglich ist".

mit Material von AFP

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