Überfülltes Flüchtlingslager auf Lesbos "Platzt der Deal, würden alle verlieren"

Weil wieder mehr Menschen aus der Türkei nach Griechenland übersetzen, werden massenhaft Asylbewerber von Lesbos aufs Festland verschifft. Der Flüchtlingspakt hängt am seidenen Faden.

Gianmarco Maraviglia

Von Lesbos berichten und


Am Morgen, an dem Saddam al-Ibrahim endlich die Hölle von Lesbos verlassen soll, verschläft er. Die Uhr zeigt 5.10 Uhr, unten an der Straße sammeln sich bereits Hunderte Asylbewerber. Sie wollen einen der Busse erwischen, der sie zum Hafen bringt. Dort wartet ein Versprechen, wie es Griechenland nicht mehr gemacht hat, seit der EU-Türkei-Pakt in Kraft getreten ist.

Zwei Fähren sollen 1500 Asylbewerber aufs europäische Festland bringen - runter von der Insel Lesbos, die für Flüchtlinge wie ein Gefängnis ist. Die Evakuierung ist eine Notfallmaßnahme der griechischen Regierung, zuletzt war die Zahl der Ankommenden auf Lesbos stark gestiegen.

Wer es aus der Türkei bis hierher schafft und um Asyl bittet, muss oft Monate oder Jahre in einem überfüllten Camp ausharren. Deshalb ist diese Aktion der griechischen Regierung eine Chance, die man besser nutzen sollte. Gerade, wenn man mit acht Kindern, zwei Ehefrauen, einem Schwiegersohn und dem Sohn eines Cousins in einem Zelt wohnt, in dem es keinen Strom gibt. So wie al-Ibrahim, der Syrer.

Al-Ibrahim schält sich aus dem Zelt, eilt ein paar Schritte zum Waschbecken neben einem Berg von blauen Müllsäcken. Um 5 Uhr hätten er und seine Familie fertig sein sollen, so hat es die Frau vom UNHCR gesagt. Al-Ibrahim stolpert den Abhang herunter.

Al-Ibrahim schläft noch, als schon Hunderte Asylbewerber zu den Bussen drängen
Gianmarco Maraviglia

Al-Ibrahim schläft noch, als schon Hunderte Asylbewerber zu den Bussen drängen

Zu diesem Zeitpunkt ahnt al-Ibrahim noch nicht, dass er und seine Kinder auch elf Stunden später noch in der Hitze von Lesbos stehen und warten werden. Und er ahnt auch nicht, dass manche in Europa es für eine Bedrohung halten, dass nun wieder mehr Menschen wie er die griechischen Inseln erreichen.

Seit Juni steigen in der Ägäis die Flüchtlingszahlen. In dem Monat setzten 3100 Asylsuchende aus der Türkei auf die Inseln über, im Juli knapp 5000, im August dann rund 8100. So viele wie seit März 2016 nicht mehr.

Damals schloss die EU mit der Türkei einen Pakt. Viele Aspekte des Plans wurden nie umgesetzt, aber drei funktionierende Teile des Plans reichten, um die Flüchtlingszahlen um 97 Prozent zu reduzieren:

  • Die Türkei fing Flüchtlinge an ihrer Küste und auf dem Wasser ab.
  • Die EU zahlte der Türkei im Gegenzug Milliarden für die Unterbringung von Flüchtlingen.
  • Griechenland machte vor allem die Inseln dicht: Wer nicht als besonders schutzbedürftig galt, kam nicht weiter aufs Festland.

Wie es aussieht, könnten bald selbst diese Teile des Abkommens von der Wirklichkeit überholt sein.

Pakt zwischen EU und Türkei steht infrage

Denn Griechenlands Asylsystem droht zu kollabieren: Da ist die steigende Zahl der Ankommenden, dann die Evakuierung von 1500 Menschen - und nicht zuletzt macht die Türkei zunehmend Druck auf Flüchtlinge in ihrem Land. Wie verlässlich ist der Pakt zwischen EU und Türkei noch?

Während am Fuß des Camps Flüchtling um Flüchtling in die blauen Busse der griechischen Küstenwache steigt, sitzt al-Ibrahim weiter oben fest. Die Polizei blockiert den Weg zur Haltestelle. Beim Einsteigen soll keine Panik ausbrechen. Al-Ibrahims Familie hat ihre Habseligkeiten in zehn Kartons gepackt und mit Plastik umwickelt, mehrmals, damit nichts verloren geht.

Ausharren in der Sonne, die Evakuierung dauert Stunden
Gianmarco Maraviglia

Ausharren in der Sonne, die Evakuierung dauert Stunden

Al-Ibrahims Tochter Fatima, gerade 18, lehnt die Stirn an den Kopf ihres Mannes Hamza, 22. Tränen rinnen über ihr Gesicht. Dass Fatima und Hamza geheiratet haben, wird ihnen nun zum Verhängnis. Sie dürfen nicht mit auf die Fähre, weil sie nun in den Augen der griechischen Behörden eine andere Familie sind. Fatima wird an diesem Tag von ihren Eltern und Geschwistern getrennt werden, zum ersten Mal in den vier Jahren ihrer Flucht.

"Meine Kinder müssen zur Schule gehen": Al-Ibrahim in der Nacht mit seiner kleinen Tochter
Gianmarco Maraviglia

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Al-Ibrahim stammt aus einer Stadt im Osten Syriens. Nach der Flucht arbeitete er als Physiotherapeut in der Türkei, brachte so seine Familie durch. Er sparte 10.000 Dollar in vier Jahren, genug Geld, um einen Schmuggler zu bezahlen. Im Juli brachen sie auf, bestiegen ein Schlauchboot, kamen am Strand von Lesbos an. So wie mehr als Zehntausend andere Asylbewerber, die auf der Insel ausharren.

Al-Ibrahim hat sich einen Platz im Schatten gesucht, die anderen Flüchtlinge drängen gegen die Polizeiabsperrung, ab und an lassen die Beamten kleine Gruppen zu den Bussen, wenn sie genug nerven. Al-Ibrahim aber, der Asylbewerber mit der Fallnummer 159977, will nicht nerven. Also sitzt er da, blinzelt in die Sonne, wartet.

Moria ist zu einem Symbol für die katastrophalen Bedingungen an Europas Außengrenzen geworden. Im völlig überfüllten Camp harren knapp 10.400 Asylbewerber aus; ausgelegt ist das Camp für 3000. Viele zelten an einem Olivenhain außerhalb des Camps. Tagelang gab es in den Toiletten kein Wasser.

Polizeiabsperrung in Moria: Ordnung für einen chaotischen Ort
Gianmarco Maraviglia

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Was sich gerade in dem Lager auf Lesbos abspielt, nahm am vergangenen Donnerstag seinen Anfang. An dem Tag kamen 13 Schlauchboote innerhalb einer Stunde auf der Insel an. Viele Griechen fühlten sich an die Jahre 2015 und 2016 erinnert.

Am selben Tag reiste der neue griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis nach Berlin, um Angela Merkel zu treffen. Auf der Agenda: die Flüchtlingsfrage. Die Türkei, so teilt die Delegation mit, habe die Kontrollen an der Grenze gelockert - und verstoße absichtlich gegen den Flüchtlingspakt mit der EU.

Ihr Vorwurf: Erdogan nutze den Anstieg der Flüchtlingszahlen, um Europa und der neuen griechischen Regierung zu zeigen, wie abhängig sie von der Türkei sind. Dass Ankara die Flüchtlinge jederzeit weiterreisen lassen könnte. Es gehe um Zugeständnisse der Europäer, unter anderem um Geld für die syrischen Flüchtlinge in der Türkei - aber auch um den türkisch-griechischen Streit um Gasvorkommen vor der Küste Zyperns.

Auch Erdogan steht unter Druck. Tatsächlich ist die Stimmung in der Türkei gekippt, viele Türken sehen angesichts der Wirtschaftskrise die syrischen und afghanischen Flüchtlinge als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Die Regierung in Ankara hat so viele syrische Flüchtlinge aufgenommen wie kein anderes Land der Welt.

Griechenlands Probleme sind auch unsere

Seit Neuestem aber drängt die türkische Polizei Asylbewerber, in die Gebiete im Süden zurückzukehren, in denen sie sich einst registriert haben. Raus aus den großen Städten wie Istanbul, wo viele Flüchtlinge Arbeit gefunden haben.

Merkel und Mitsotakis sandten ein deutliches Signal an die Türken. Der griechische Außenminister bestellte den türkischen Botschafter ein und warf Ankara vor, sich nicht an das Abkommen zu halten. Denn das griechische Problem ist zugleich ein europäisches: Sollte das griechische Asylsystem zusammenbrechen, würden die Asylbewerber über kurz oder lang wieder von den Inseln nach Nordeuropa gelangen.

Arbeitet die Türkei tatsächlich absichtlich gegen den Flüchtlingspakt? Beweise für die Vorwürfe gibt es nicht. Die Flüchtlinge im Camp von Moria aber erzählen Geschichten, die dazu passen. 73 Prozent von ihnen kommen ursprünglich aus Afghanistan. Viele lebten Jahre in der Türkei, einige nur wenige Tage. Sie erzählen, dass die türkische Polizei sie geschlagen habe, dass sie sich in der Türkei nicht mehr willkommen fühlten.

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Mancher glaubt, dass es leichter geworden sei, die türkische Küstenwache zu überwinden. Einer der Afghanen erzählt, er sei zunächst gefasst worden, als er nach Lesbos übersetzen wollte - aber schon nach drei Stunden sei er wieder freigekommen. Die Männer hätten ihm gesagt, wenn er das nächste Mal auf ein Boot steige, solle er die Schreie der Küstenwache ignorieren. Fahr einfach weiter, hätten sie gesagt. Es sind Geschichten wie diese, die den Verdacht der griechischen Regierung befeuern.

Ankara hat Griechenland inzwischen signalisiert, die türkische Regierung stehe weiter zum Flüchtlingsdeal. Der türkische Botschafter in Athen, Burak Özügergin, bestreitet die griechischen Vorwürfe: Die Türkei habe ihren Grenzschutz nicht vernachlässigt.

Es möge einen Anstieg der Flüchtlingszahlen geben, aber der sei temporär und gering im Vergleich zu dem Druck, dem die Türkei an der eigenen Grenze ausgesetzt sei. Nach eigenen Angaben will die türkische Küstenwache in den vergangenen Wochen deutlich mehr Flüchtlingsboote abgefangen haben als zuvor.

Uneins sind EU und die Türkei auch in der Frage, wer genau den Flüchtlingsdeal nicht erfüllt. Die EU erfülle ihre Versprechen nicht, Ankara erwarte mehr von der EU, "das ist kein Geheimnis", sagt Özügergin. Versprochen hatte die EU einst bis zu sechs Milliarden Euro für die vier Millionen Flüchtlinge in der Türkei. Noch ist nicht alles geflossen, auch die versprochenen Visa-Erleichterungen für türkische Bürger hat die EU nie eingeführt.

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Flüchtlinge auf Lesbos: "Ich hasse diesen Ort"

Gerald Knaus, der Gründer des Thinktanks Europäische Stabilitätsinitiative, hat den Flüchtlingspakt mit der Türkei einst erfunden. Er drängt europäische Regierungen zu einer verstärkten Kooperation, sowohl mit Athen als auch mit der Türkei. "Die EU muss sich mit Ankara an einen Tisch setzen und weitere Hilfe versprechen", sagt er.

Die EU soll langfristig mehr Geld für Flüchtlinge in der Türkei zusagen, damit sich weniger auf den Weg nach Europa machen. "Noch ist der Anstieg der Flüchtlingszahlen auf den griechischen Inseln vergleichsweise moderat", sagt Knaus. Aber nach vier Jahren des Stillstandes müsse etwas passieren. "Für das EU-Türkei-Abkommen ist das nun ein Make-or-Break-moment", sagt Knaus.

"Wenn Frankreich und Deutschland das Problem auf den Inseln lösen wollten, könnten sie es", sagt Knaus. Allerdings fehle die politische Aufmerksamkeit. Griechenland allein würde es nicht schaffen, das Asylsystem stand schon vor dem letzten Anstieg am Rand des Kollaps. "Platzt der Deal, würden alle verlieren", sagt Knaus.

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Als einer der Letzten steigt al-Ibrahim schließlich in den Bus, der ihn zum Hafen bringt. Von der Fähre schickt seine Frau Selfies ins Camp, wo die Tochter und deren Ehemann bleiben müssen.

Das Schiff bringt die Familie nach Thessaloniki. Al-Ibrahim will dort bleiben, sagt er. Vielleicht finde er ja einen Job als Physiotherapeut. Niemand hat ihm allerdings gesagt, dass die griechischen Behörden ihn in einem weiteren Flüchtlingscamp unterbringen werden. Dort gibt es keine Arbeit.

Das Camp liegt in der Nähe der Grenze zu Nordmazedonien. Nicht weit von dem Ort, an dem vor dem Türkei-Abkommen die Route der Flüchtlinge über den Balkan nach Nordeuropa begann.

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