Flüchtlinge auf griechischer Insel "Wo ist die Menschlichkeit, über die in Europa gesprochen wird?"

Das Flüchtlingscamp auf Leros galt lange als vorbildlich. Doch seit wieder mehr Migranten kommen, ist es damit vorbei: Hunderte leben in Zelten, ohne Strom und Wasser. Ein Fotografenteam zeigt die dramatischen Zustände.
"Was kann ich tun?", fragt der Vater dieser Familie, die seit Wochen auf Leros ausharrt

"Was kann ich tun?", fragt der Vater dieser Familie, die seit Wochen auf Leros ausharrt

Foto:

Lenny Rothenberg

Es ist noch nicht lange her, da wurde das griechische Leros als "Insel mit Vorbildcharakter" bezeichnet, als Modellprojekt, was die Versorgung von Flüchtlingen angeht. Zumindest war die Lage nicht so schlecht wie auf den Inseln Samos oder Lesbos.

Doch die Situation hat sich stark verschlechtert.

Der Flüchtlingszustrom aus der Türkei zu den Inseln der Ägäis hält unvermindert an. Allein auf den Inseln Lesbos, Chios und Samos seien binnen sieben Tagen 2793 Migranten angekommen, berichtete das griechische Staatsfernsehen (ERT) unter Berufung auf die Polizeidirektion der Region Nordägäis. Mittlerweile harren auf diesen drei Inseln sowie in den Registrierlagern und anderen Unterkünften der Inseln Leros und Kos insgesamt 39.161 Migranten aus, wie die für Migration zuständige Behörde mitteilte. Im April lebten dort nur 14.000 Migranten.

Allein in dem Lager in Leros leben laut aktuellen Zahlen der griechischen Regierung vom November mittlerweile mehr als 2200 Menschen - mehr als doppelt so viele, wie das Camp fassen kann. Wer keinen Platz findet, lebt außerhalb des Camps, ohne Strom, Wasser und Sanitäranlagen; in Zelten am Strand oder in einem leer stehenden Gebäude, das früher zu einer psychiatrischen Klinik gehörte.

"Explosive" und "unüberschaubare" Situation

Es ist ein Klinikgebäude mit bitterer Vergangenheit: Ende der Achtzigerjahre machten internationale Medien öffentlich, unter welchen Bedingungen die Kranken dort untergebracht waren. Unzumutbare Zustände für die Menschen, die, wie der SPIEGEL damals schrieb , "wie Tiere" verwaltet wurden. Dass ausgerechnet in den ehemaligen Räumen dieser Psychiatrie nun Schutzsuchende unterkommen, wird vielfach als unhaltbarer Zustand kritisiert.

Die Geflüchteten machen fast ein Viertel der Inselbewohner von Leros aus, das wird zunehmend zum Problem für die neu gewählte griechische Regierung. Ein Minister nannte die Situation unlängst "explosiv" und "unüberschaubar". Die Hilfsorganisation Refugee Support Aegean warnt vor den kalten Wintermonaten und fordert, die Geflüchteten schnell aufs griechische Festland zu schiffen.

Die Regierung will nun genau das tun, noch vor dem Frühjahr sollen 20.000 Flüchtlinge die griechischen Inseln verlassen - und das bisher offene Lager bis zum Sommer in ein geschlossenes verwandelt werden. Ob die Kapazität dann ausreicht oder Flüchtlinge weiter im Klinikgebäude hausen müssen, kann derzeit niemand abschätzen.

Die Journalistin Dinah Rothenberg hat im Oktober über Wochen gemeinsam mit ihrem Bruder und Fotografen Lenny Rothenberg die Situation auf Leros beobachtet. Die beiden haben die Geschichten der Menschen dort festgehalten. Sie trafen zum Beispiel eine syrische Mutter, sie fragte: "Wo ist die Menschlichkeit, über die in Europa gesprochen wird?"

Lesen Sie die Geschichten der Geflüchteten in dieser Fotostrecke:

Fotostrecke

Fotostrecke: "Angst, niemals ein normales Leben führen zu können"

Foto: Lenny Rothenberg

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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