Kindersoldaten in Mali Ein schmächtiger Junge, die Kalaschnikow um den Hals

Der Krieg raubte ihnen die Heimat, doch im Flüchtlingslager fehlt ihnen ein Sinn, eine Aufgabe. Darum gehen Abdallah und seine Freunde zurück - und kämpfen als Kindersoldaten gegen Malis verhasste Regierung. Aus Mbera, Mauretanien, berichtet Christoph Titz


Kindersoldaten in Nordmali (Archivbild)
AP

Kindersoldaten in Nordmali (Archivbild)

Abdallahs Krieg ist nur eine kurze Busfahrt entfernt. 40 Kilometer von dem Haus, in dem der Junge nun verschüchtert auf dem Boden kauert, beginnt Mali, Abdallahs leidgeprüftes Heimatland.

Als Tuareg-Rebellen dort 2012 einen Aufstand gegen die malische Zentralregierung starteten, war Abdallah elf. Er floh mit seiner Familie nach Westen. So landete er in Mauretanien, im Flüchtlingslager Mbera unweit der Grenze.

Heute ist der Junge mit den schwarzen Locken und dem scheuen, fragenden Blick 15 Jahre alt und gerade zum zweiten Mal in der riesigen Flüchtlingsstadt in der mauretanischen Wüste angekommen. Er war wieder in Mali, ein schmächtiger Junge mit einer Kalaschnikow um den Hals. Abdallah war Kindersoldat.

Freunde hatten ihm vom Kampf der Tuareg erzählt. Er ging mit ihnen, in seinem Heimatort schloss er sich dann einer bewaffneten Gruppe an. Abdallah zog in den Krieg, vor dem seine Familie geflohen war.

Warum tut ein Junge das? Vielleicht, weil er fast ohne Schulbildung in einem Lager wie Mbera kaum eine Chance für sich sah. Tagelöhner werden, wie sein Vater? Lieber nicht. Und monate-, gar jahrelang im Trott des Lagers leben, ohne Aufgabe, ohne Ziel? Nein. Was will ein Junge sein: Ein Taugenichts? Oder ein Krieger?

Abdallahs derzeitiges Zuhause ist ein Provisorium. Das Mbera-Lager ist eine Ansammlung von Zelten mit einem Markt in der Mitte, zwei Krankenstationen, mehreren tiefen Brunnen. Es ist das größte Camp in der Sahelzone. Abdallah ist wie die meisten Einwohner ein Tuareg, die als Nomaden und Viehhirten leben, angepasst an die harschen Bedingungen der Wüste. Die malische Regierung ist ihnen verhasst: Sie seien vergessen, würden im Alltag vom Staat diskriminiert, schimpfen viele Tuareg.

Rund 41.000 Menschen leben hier am Südwestende der Sahara. Es ist ein Zwischenreich der Flüchtlinge, die vom Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) registriert und von der Weltgemeinschaft alimentiert werden. Die Europäische Union und Japan sind die größten Geldgeber. Dank etwa drei Dutzend Hilfsorganisationen fehlt es den Zehntausenden hier an kaum etwas: Die mauretanische Polizei sorgt für Sicherheit. Ärzte behandeln einfache Verletzungen und impfen die Kinder. Sogar für das Vieh ist gesorgt. 30 Liter Wasser pro Tag kriegen die Menschen, sie bekommen Essen und einen Teil ihrer Rationen neuerdings in bar ausgezahlt.

Weltweit experimentieren die Flüchtlingshelfer damit: Es gibt nicht mehr nur Essen im Gegenwert von 2100 Kilokalorien pro Mensch und Tag, sondern ein Drittel der Ration in Form von Bargeld. Im Fall von Mbera monatlich etwa drei Euro pro Camp-Bewohner. Das soll ihnen das Gefühl geben, etwas mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben.

Doch die paar Groschen täuschen nicht darüber hinweg, dass es ein gewichtiges Problem gibt, beim Nichtstun in sicherer Entfernung zum Krieg: Es fehlt eine Perspektive, ein Sinn, eine Aufgabe.

Ein Sprecher des UNHCR sagt, man ermutige die Leute nicht, zurückzukehren. Wer dennoch will, der kann sich seine Papiere und 70 Euro Reisezuschuss abholen. Die Heimat Mali ist noch immer nicht sicher, die Islamisten bomben, die Rebellen kämpfen, die Regierung schlägt zurück. Schon die Reise in die alte Heimat ist lebensgefährlich. Ein Familienvater sagt, stellvertretend für die bislang 1400 Rückkehrer in diesem Jahr, warum er trotzdem geht. "Das hier ist für uns kein Leben." Er tue es für seine Familie, für seine Kinder. (Seine ganze Geschichte hier im Video. mehr...)

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Teenager sind eine sehr verwundbare Gruppe in einem Flüchtlingslager. Sie und ihre Familien haben ihr Leben gerettet, doch eine echte Zukunft gibt es in der Zeltstadt nicht. Mbera liegt in einer vergessenen Gegend, die östlichste Region, Hodh Ech Chargui, ist in Mauretanien die ärmste in dem ohnehin bettelarmen Land. Zwar gehen fast alle 4700 Kinder des Mbera-Camps in die Grundschule. Aber was, wenn sie damit durch sind?

Wenige hundert der mehr als 10.000 Jugendlichen hier haben Platz in einer weiterführenden Schule. Im Frühjahr machten erstmals 99 von ihnen ein malisches Abitur. Sie können hoffen, damit bei einer Hilfsorganisation im Camp einen Job zu finden.

Tinalbarka Walid Amano ist 16 und seit 2012 in Mbera
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Tinalbarka Walid Amano ist 16 und seit 2012 in Mbera

Zu den Glücklichen gehört die 16-jährige Tinalbarka Walid Amano. Ihre Familie stammt aus einer Musikerfamilie in Bamako, ein Bruder lebt und arbeitet in Belgien. Sie ist auch das Gesicht eines UNHCR-Werbefilms zum Weltflüchtlingstag. Sie hat eine Chance, von der sie routiniert erzählen kann.

Und die anderen?

Abdallah, der frühere Kindersoldat, sitzt auf dem Boden eines Lehmhauses im Mbera-Flüchtlingslager. Er kauert mit gebeugtem Rücken, ganz nah an der Wand. Seine Arme ruhen verschränkt auf seinen mageren Knien, vorsichtig blickt er darüber hinweg. Seine Antworten hört man kaum, wenn er sie in seine Armbeuge flüstert. Sie bestehen nur aus einzelnen Wörtern.

"Fünfzehn", sein Alter. "Geschäfte", das ist der Beruf seines Vaters. War er in der Schule? "Madrassa." Eine Koranschule. Wann ist er von der normalen Schule abgegangen? "Vierte." Gemeint ist die vierte Klasse. Die Schule brach er ab, weil "Freunde" in die religiöse Schule gingen. Freunde waren es auch, mit denen er 2015 zurück in den Kampf in Mali zog.

Dem Blick des Mannes, der für das Flüchtlingshilfswerk seine Geschichte aufzeichnet, hält er nur wenige Augenblicke stand. Was er im Krieg gemacht hat, und was der Krieg mit ihm, kann Abdallah nicht sagen. Selbstbewusster hat ihn das Tragen eines Sturmgewehrs nicht gemacht.

Einflussgebiet islamistischer Milizen in der Sahelzone
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Einflussgebiet islamistischer Milizen in der Sahelzone

Bekannt ist, dass Islamisten in Mali, aber auch die regierungstreue Tuareg-Miliz Kindersoldaten ausgebildet und eingesetzt haben. Für die NGO, die sich um die Kindersoldaten in Mbera kümmert, steht fest, dass mindestens fünf weitere Jugendliche aus dem Lager im nahen Nachbarland im Krieg waren. Die Helfer fürchten, es könnten sogar einige Dutzend sein.

Wie Abdallah berichten zwei weitere Jungen von ihrem Kampf für die Tuareg. Der 18-jährige Ahmed sagt, er sei für die MAA-Rebellen Patrouille gefahren. Geschossen habe er auch - und getroffen, vielleicht. Er habe "ein freies Azawad verteidigt", so sieht er es. Azawad nennen die Tuareg Malis nördliche Provinzen, 2012 riefen sie dort gemeinsam mit islamistischen Banden einen eigenen Staat aus. Erst als Frankreichs Militär eingriff, gewann die Regierung die Oberhand zurück. Für Ahmed ist der Fall klar: Aggressor ist eindeutig die malische Armee. Die Rebellengruppe bedeute Schutz, und er habe sonst auch nichts zu tun. "Für meine Brüder würde ich wieder hingehen und kämpfen", sagt Ahmed.

Das wollen Unicef und das UNHCR verhindern. Ahmed haben die Helfer einen kleinen Laden besorgt, er betreibt den Shop zusammen mit einem anderen ehemaligen Kindersoldaten. Ahmed schätzt, dass etwa 50 Jugendliche bei seiner Truppe waren.

Flüchtlingskinder der Tuareg: "Azawad, Azawad"
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Flüchtlingskinder der Tuareg: "Azawad, Azawad"

Auf dem Rückweg zum Hauptquartier des UNHCR liegt eine von sechs Grundschulen Mberas. Die Kinder spielen auf dem Hof und rennen schreiend durcheinander. Als sie eine Kamera sehen, rennen sie darauf zu, reißen die Hände hoch und schreien vergnügt: "Azawad! Azawad!"

Der Schlachtruf der Tuareg-Rebellen im nahen Mali ist ihr Kinderspiel.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
airley 09.08.2016
1. Es ist einfach übel
Was könnte er optional machen? Nach EUropa gehen? Dort wird er nicht "gebraucht", da er mangels Bildung nichts kann und selbst wenn ist seine Einstellung und Religion nicht wirklich kompatibel für unsere Gesellschaften. Die EU/UNO muss diesen Menschen Perspektiven in ihrer Heimat schaffen UND darauf hinwirken, dass die Geburtenraten sinken. Sonst bleibt und wird das alles nur ein ewiges Gemetzel.
hallo_welt 09.08.2016
2. Ja
Zitat von airleyWas könnte er optional machen? Nach EUropa gehen? Dort wird er nicht "gebraucht", da er mangels Bildung nichts kann und selbst wenn ist seine Einstellung und Religion nicht wirklich kompatibel für unsere Gesellschaften. Die EU/UNO muss diesen Menschen Perspektiven in ihrer Heimat schaffen UND darauf hinwirken, dass die Geburtenraten sinken. Sonst bleibt und wird das alles nur ein ewiges Gemetzel.
Das sind in meinen Augen wieedr nur verlorende Generationen. Das Groh von denen wird so von Gewalt und Waffen geprägt sein. Teufelskreis. Da hilft tatsächlich nur endlich mal die internationel Geldströme durchleuchten und schwarze Kanäle austrocknen. Ja und sogar auf langfristige Sicht auch mal das millardenschwere System der NGO´s abbauen und irgenwie dafür sorgen das die Leute nicht in eine Hilfsstarre verfallen und antriebslos in Hilfscamps vegetieren. Meinetwegen auch mal dafür sorgen das Afrika nicht mit Billig Lebensmittel und Gütern aus Europa/America und Asien überhäuft werden und somit sich eine eigene Wirtschaft entwickeln kann. Bloss gewollt ist das ja nicht wirklich, leider..
lagoya 09.08.2016
3. Alles leichter gesagt als getan,
Zitat von hallo_weltDas sind in meinen Augen wieedr nur verlorende Generationen. Das Groh von denen wird so von Gewalt und Waffen geprägt sein. Teufelskreis. Da hilft tatsächlich nur endlich mal die internationel Geldströme durchleuchten und schwarze Kanäle austrocknen. Ja und sogar auf langfristige Sicht auch mal das millardenschwere System der NGO´s abbauen und irgenwie dafür sorgen das die Leute nicht in eine Hilfsstarre verfallen und antriebslos in Hilfscamps vegetieren. Meinetwegen auch mal dafür sorgen das Afrika nicht mit Billig Lebensmittel und Gütern aus Europa/America und Asien überhäuft werden und somit sich eine eigene Wirtschaft entwickeln kann. Bloss gewollt ist das ja nicht wirklich, leider..
denn leider ist die Mentalität vieler Menschen dort ganz anders . Konvergentes Denken u. stringentes, pragmatisches Handeln trifft man nur vereinzelt . Mein Schwager hat jahrelang in Nigeria im Straßenbau gearbeitet , wo Leute ,die eingestellt wurden nach ein,zwei Tagen ohne etwas zu sagen , einfach nicht wiederkamen, kleine Streitereien unter den Arbeitern sehr häufig in großen Schlägereien endeten , und am Wochenende wurde der Verdienst in einer einzigen Sauftour u. Hurerei auf den Kopf gehauen, Werkzeug u. Maschinen wurden geklaut, BauMaterial , wenn es denn angeliefert wurde , verschwand über Nacht und immer u. überall Bestechung u. Korruption, ohne die garnichts geht.
langenscheidt 09.08.2016
4. Minusma
Der Junge braucht keine Angst haben. Er hat als Gegner deutsche Bundeswehrsoldaten der Minusma-Beteiligung (Grundlage: UN-Resolution 2100 (2013). Dieser UN-Einsatz soll die malische Regierung unterstützen und stabilisieren.
gerd.leineune 09.08.2016
5.
Witzigerweise steigt auch die Zahl der deutschen Rekruten, deren Eltern noch unterschreiben müssen, weil die Kleinen noch nicht volljährg sind. Aber die Bundeswehr findet da sicherlich auch semantische Ausreden, weshalb 16/17-Jährige in der Bundeswehr keine Kindersoldaten sind, im gegensatz zu den 16/17-Jährigen anderer Nationen... Wir verteidigen ja auch am Hindukusch und es gibt keinen Krieg um Rohstoffe, sondern nur Konflikte wo wir Menschenrechte sichern...
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