Flüchtlinge in Ungarn Helfen gegen den Hass

"Infektionsgefahr", "aggressive Belagerer", "Tsunami": So hetzt die ungarische Regierung gegen Flüchtlinge. Staatliche Hilfe? Fehlanzeige. Doch viele Bürger engagieren sich gegen Fremdenhass und für Mitmenschlichkeit.

AFP

Es war ein eisiger Abend Ende Januar, als Balázs Szalai heißen Tee in Thermoskannen füllte, Kekspackungen im Dutzend kaufte und zusammen mit Freunden an die Grenze fuhr. Sie verteilten die Lebensmittel an Flüchtlinge, die dort in der Kälte ausharrten, von der Polizei festgehalten. Szalai hatte die Bilder im Internet gesehen, verzweifelte Familien mit frierenden Kindern. "Da dachte ich, dass ich etwas tun muss", sagt Szalai. Seit damals verbringt er einen Großteil seiner Freizeit damit, Flüchtlingen zu helfen.

Der 34-Jährige lebt im südungarischen Szeged, ist Programmierer und hat eine kleine IT-Firma. Von seiner Heimatstadt aus sind es nur wenige Kilometer bis zur serbischen Grenze. Dort kommen seit Monaten immer mehr Flüchtlinge an, ihre nächste Station ist meistens der Bahnhof in Szeged.

Balázs Szalai kauft für sie Fahrkarten, übersetzt Formulare von Behörden oder organisiert medizinische Versorgung - ehrenamtlich. Im Juni gründete er zusammen mit Freunden die Initiative MigSzol, zu Deutsch Migranten-Solidarität, nachdem Szegeds Bahnhofsverwaltung Flüchtlinge abends aus dem Wartesaal des Bahnhofs herausgeworfen hatte. MigSzol betreibt seitdem vor dem Gebäude eine Anlaufstelle für Flüchtlinge. Es gibt Verpflegung, Decken, einen Internetzugang, Rechtsberatung und mobile Toiletten - finanziert großteils aus privaten Spenden.

Das Verhalten der Bahnhofsverwaltung in Szeged sei nur eines von zahlreichen Beispielen dafür, wie Regierung, Behörden und viele öffentliche Einrichtungen in Ungarn mit Flüchtlingen umgingen. "Es ist eine Schande", sagt Balázs Szalai.

Das zeigte sich zuletzt am Fernbahnhof von Budapest. Mit massivem Polizeiaufgebot werden dort die Flüchtlinge immer wieder daran gehindert, in die Züge nach Westeuropa zu steigen. Humanitäre Hilfe gibt es in dem ständigen Hin und Her kaum, die Menschen hausen über Tage unter schwierigsten Bedingungen in der Transitzone. Unterstützung kommt auch hier fast nur von Ehrenamtlichen. Doch mit den Tausenden Menschen in Budapest sind sie überfordert.

Regierungskampagne gegen Flüchtlinge und Einwanderung

Im offiziellen Regierungssprech sind Flüchtlinge "aggressive Belagerer", eine "Infektionsgefahr" und ein "Tsunami" - so die Rhetorik der Regierung. Für die Flüchtlingstragödie im Burgenland, die ihren Ausgang in Ungarn nahm, fand die Führung des Landes kein Mitleid. Der Regierungssprecher Zoltán Kovács kommentierte sie so: "Da geht es um Menschen, die sich selbst zu Opfern machen."

Ministerpräsident Viktor Orbán warnt seit Langem davor, dass Einwanderer die europäische Zivilisation zerstören würden. Ungarn solle ein "ungarisches Land" bleiben, sagte er in einer programmatischen Rede im Juli. Bereits im Frühjahr startete die Orbán-Regierung eine landesweite Kampagne gegen Flüchtlinge und Einwanderung. Sie ließ unter anderem landesweit Botschaften plakatieren - gerichtet vorgeblich an Flüchtlinge, jedoch auf Ungarisch. Zum Beispiel diese: "Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du den Ungarn nicht die Arbeit wegnehmen!"

Parallel dazu wurde an der ungarisch-serbischen Grenze ein 175 Kilometer langer Stacheldrahtzaun gebaut, der in den kommenden Monaten durch weitere Sperranlagen verstärkt werden soll. Dort, in einem 60 Meter breiten Grenzstreifen, sollen Flüchtlinge künftig festgesetzt werden, bis ihr Asylantrag genehmigt oder abgelehnt ist.

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Diese Politik der Regierung findet Umfragen zufolge zwar Zuspruch bei einer relativen Mehrheit der Bevölkerung. Doch es gibt auch immer mehr Ungarn, die mit ihrer Hilfsbereitschaft Zeichen setzen wollen. "Das sind nicht nur Intellektuelle aus Budapest, sondern viele Tausend Menschen aus allen Schichten im ganzen Land, fast schon eine kleine Bewegung", sagt Márta Pardavi, die Co-Vorsitzende der Bürgerrechtsorganisation Helsinki-Komitee. "Manche spenden, manche kochen Essen, andere gehen auf Bahnhöfe. Sie wollen die xenophobe Regierungspropaganda nicht mehr akzeptieren."

Einer, der zu dieser Bewegung gehört, ist András Léderer. Der 31-Jährige arbeitet in Budapest als freiberuflicher Dolmetscher für Englisch und Französisch. Anfang Juni fragten ihn auf der Budapester Ringstraße mehrere Syrer nach dem Weg in das Flüchtlingslager Vámosszabadi in Nordostungarn. Sie hatten von der Einwanderungsbehörde nur ungarischsprachige Informationen erhalten und waren völlig desorientiert. Léderer half ihnen, kam mit ihnen ins Gespräch. "Sie waren sehr gebildete Leute und entsprachen überhaupt nicht dem Bild der primitiven, barbarischen Flüchtlinge, das die Regierung zeichnet", sagt er.

Das Treffen mit den Syrern beschäftigte ihn tagelang. Schließlich schloss er sich der Initiative Migration Aid an, einer ungarischen Freiwilligengruppe, die sich dezentral über Facebook organisiert. Jeden Vormittag verbringt Léderer seither auf dem Südbahnhof und kümmert sich um gestrandete Flüchtlinge.

András Léderer sagt, auch seine eigene Familiengeschichte habe eine Rolle dabei gespielt, bei Migration Aid mitzumachen. Er ist Jude, viele seiner Familienangehörigen wurden 1944 aus Ungarn deportiert und in deutschen Vernichtungslagern ermordet. "Ich vergleiche die jetzige Situation natürlich nicht mit dem Holocaust", sagt Léderer, "ich denke nur, wenn es damals mehr Menschen gegeben hätte, die geholfen hätten, dann hätte ich heute eine größere Familie."

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