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Mittelmeer vor Libyen

Migranten kapern offenbar Handelsschiff

Im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge werden häufig zurück nach Libyen gebracht. Das wollte eine Gruppe in Seenot geratener Migranten nun angeblich verhindern.

Mittwoch, 27.03.2019   20:29 Uhr

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Italienischen und maltesischen Angaben zufolge haben gerettete Migranten vor Libyen ein Handelsschiff gekapert. Demnach sollen sie es aktuell in Richtung Norden steuern.

Die maltesische Armee erklärte, das Schiff sei Richtung Malta unterwegs. Die maltesischen Behörden seien über ein "auf See überfallenes Schiff" informiert worden, sagte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa sieht auch Lampedusa als mögliches Ziel.

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Laut Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega-Partei habe das Handelsschiff "Elhiblu" im Mittelmeer eine Gruppe Migranten vor der libyschen Küste aufgenommen, dann aber etwa sechs Seemeilen vor der Hauptstadt Tripolis plötzlich den Kurs Richtung Nord geändert.

Rettungsorganisation "Sea-Eye" hörte Funk mit

Ein Schiff der privaten deutschen Rettungsorganisation "Sea-Eye" befindet sich auf Beobachtungssmission vor der libyschen Küste und hat nach eigenen Angaben über Funk mitgehört, wie der libysche Frachter "Elhiblu" von einem europäischen Marineflugzeug angewiesen worden sein soll, die schiffbrüchigen Migranten an Bord zu nehmen. Die libysche Küstenwache sei "out of service", habe es demnach über Funk geheißen. Später habe der Kapitän des Frachters um Hilfe gebeten, weil ihm die Geretteten zu verstehen gegeben hätten, dass sie auf keinen Fall zurück nach Libyen wollten, sagte ein Sea-Eye-Sprecher dem SPIEGEL.

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Maltesische Behörden gaben an, dass der Kapitän einen Alarm abgesetzt habe. Das Schiff werde vermutlich am Donnerstagmorgen die Gewässer vor der Mittelmeerinsel erreichen. Maltas Armee bestätigte den Vorfall auch der "Malta Times", man sei in Bereitschaft. Ein Sprecher sagte, man werde dem Schiff nicht gestatten, in maltesische Gewässer einzufahren.

Italienischen und maltesischen Medien zufolge sind 108 Migranten an Bord des Schiffes, darunter sollen auch Frauen und Kinder sein.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen spricht von einer "gefährlichen Lage", die die große Verzweiflung von Menschen auf der Flucht zeige. "Die EU-Politik gefährdet Menschen immer mehr und hat Handelsschiffe in eine unmögliche Lage gebracht."

Kaum noch Rettungsschiffe vor Libyen

Sowohl Italien als auch Malta wollen Bootsflüchtlinge nicht aufnehmen, solange es keinen EU-weiten Verteilmechanismus gibt. Vor der libyschen Küste sind kaum mehr Rettungsschiffe im Einsatz, die Boote von Hilfsorganisationen wurden immer wieder lange auf dem Meer blockiert oder aus dem Verkehr gezogen.

Auch die EU hat ihren Marineeinsatz vor der libyschen Küste gestoppt. Die am Mittwoch offiziell bestätigte Entscheidung sieht vor, dass statt des Einsatzes von Schiffen Luftaufklärung betrieben werden soll. Nach SPIEGEL-Informationen sollen dabei auch Drohnen eingesetzt werden.

Außerdem sollen libysche Küstenschützer ausgebildet werden. Diese sollen die Migranten wieder in das Bürgerkriegsland bringen, wo den Menschen allerdings schwere Misshandlungen drohen. Immer wieder wehren sich Migranten deshalb, nach Libyen zurückgebracht zu werden.

Hilfsorganisationen sprechen von unmenschlichen Bedingungen vor Ort und gar von "Konzentrationslagern", in denen die Migranten auch Folter ausgesetzt seien. Im November hatten sich etwa 90 Migranten geweigert, ein Containerschiff zu verlassen, das sie nach Libyen zurückgebracht hatte.

aev/dpa

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