Bericht eines Mittelmeer-Flüchtlings Kemos Reise

Kemo hat es gewagt: Er kam aus Gambia, durch die Wüste und über das Meer, bis nach Italien. Er hat sich Schleusern ausgeliefert, zitterte in Lastwagen und Schlauchbooten. Er hat es geschafft. Eine Frage aber bleibt: Ist er Armutsmigrant oder Verfolgter?

Schlauchboot vor der italienischen Küste (Symbolbild): Verzweifelte Flucht
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Schlauchboot vor der italienischen Küste (Symbolbild): Verzweifelte Flucht

Aus Catania berichtet


Wie war die Fahrt übers Mittelmeer, Kemo? "Schlimm", sagt er, "aber die Wüste war schlimmer." Diese Angst zu verdursten, vom ersten Tag an. Den Satz der Schlepper, den man nicht vergisst. Wie sie auf Knochen gezeigt haben, die am Pistenrand lagen. "Teilt euch das Wasser gut ein, sonst endet ihr wie die."

Waren das wirklich die Knochen von jemandem wie ihm, der sich in die Hände Fremder begeben hatte? Oder einfach Überreste eines Kamels? Er weiß es bis heute nicht. Jedenfalls presste Kemo seinen 20-Liter-Kanister Wasser für die lange Fahrt durch die Wüste fest an sich. 13 Tage durch den Niger, durch Libyen, unter der Sonne. Immer nur einen kleinen Schluck.

Jetzt sitzt Kemo beim Espresso auf der Piazza Duomo, in der Altstadt von Catania. Er erzählt seine Geschichte und winkt nebenbei die Bettler weg, die an den Tisch trotten. Er spricht offen, doch fotografieren lassen will er sich nicht.

Kemo hat es geschafft nach Sizilien, besitzt seit zwei Monaten eine Aufenthaltserlaubnis. Nach einer Flucht durch fünf Länder in drei Jahren besitzt Kemo aus Gambia damit eine italienische Carta d'identità, einen Personalausweis.

Flüchtlinge aus dem kleinen Gambia, nicht etwa aus der Diktatur Eritrea oder dem Bürgerkriegsland Syrien, stehen seit Kurzem an der Spitze der italienischen Asylbewerberstatistik. In dieser Woche sind die Zahlen für Februar erschienen, ganz oben: Gambia. Im Februar waren es 835 von insgesamt 5769 Anträgen - jeder siebte Asylbewerber stammt aus dem Land in Westafrika. In vielen Fällen ist nicht klar, ob sie Verfolgte sind oder Armutsmigranten.

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Wie bei Kemo, Mitte 20, der jetzt seine Sonnenbrille in die kurzen Locken hochschiebt und seine Geschichte mit diesem Satz beginnt: "Ich hatte in Gambia ein Problem."

Es ging ums Geld. So wie er hatten mehrere Kollegen von einem kleinen Guesthouse am Gambia-Fluss seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Der Chef sagte, er werde das Geld in Banjul, der Hauptstadt, besorgen - Kemo, sein Fahrer, brachte ihn hin. Doch in Banjul verschwand der Chef plötzlich. Er sagte nur, er würde sich melden.

Kemo saß ohne Geld in Banjul fest, während die Kollegen daheim davon ausgingen, er habe sich gemeinsam mit Chef und Geld aus dem Staub gemacht. Sie bedrohten die Familie, hetzten ihm die Polizei auf den Hals. So erzählt Kemo die Geschichte.

Gambia ist eines der ärmsten Länder der Welt, etwa jeder Zweite lebt unter der Armutsgrenze, kann nicht lesen und schreiben. Viele junge Männer zieht es ins Ausland, von wo aus sie Geld in die Heimat schicken. Andererseits ist die strenge Polizei in dem autoritär regierten Land berüchtigt. Kemo, ein Armutsmigrant oder ein Verfolgter?

Sie wedeln mit ihren Pistolen, wollen sein Geld

Er lieh sich Geld von einem Onkel und machte sich dann wirklich aus dem Staub. Erst nach Dakar, dann zwei Tage mit dem Bus nach Bamako, der Hauptstadt Malis. Hier fühlte er sich eigentlich sicher, wollte aber trotzdem weiter. Wohin, war klar: "In Libyen leben andere Gambier, ohne Probleme, sie verdienen gut. Das wusste jeder bei uns."

Über Ouagadougou fuhr er nach Niamey in Niger, in normalen Bussen, ohne Probleme. "Ich fuhr von Hauptstadt zu Hauptstadt", sagt Kemo, "dort trifft man immer jemanden, der helfen kann." Einer sagte ihm, du musst nach Agadez. Es ist der berüchtigte Knotenpunkt in der Wüste für Migranten, die sich aus Afrika auf den Weg nach Europa machen.

Hier kommen die Schleuser ins Spiel.

Überall stehen Lastwagen, deren Fahrer neben Schafen und Kühen auch Menschen mitnehmen. Nach ein paar Tagen Wartezeit geht es los. Was die Fahrt gekostet hat, wie viele sich auf der Ladefläche des Pick-ups drängten, das weiß Kemo nicht mehr. Er berichtet, dass die Fahrer nichts vom Essen abgaben, dass er die 13 Tage mit Schokoriegeln und kleinen Schlucken aus seinem Wasserkanister überstand. Die Grenze zu Libyen passieren sie ohne Probleme.

Kemo berichtet über eine Route, die viele genommen haben. Seine Geschichte klingt plausibel, aber ob sie sich auch so abgespielt hat, lässt sich nicht nachweisen.

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Kemo steigt in Sabha aus, einer Oasenstadt, wo er schnell einen Schweißer aus Gambia trifft, der ihm Arbeit gibt. Doch er fühlt sich bedroht: Gangs machen abends Jagd auf Schwarze. Sie wedeln mit ihren Pistolen, wollen seinen Lohn. Er sagt sich: "In Tripolis hast du ein besseres Leben." Der Schweißer organisiert ihm eine Fahrt, er wird nachts geweckt, dann geht es in nur zehn Stunden nach Tripolis.

Dort bringt man ihn in eine Wohnanlage für Westafrikaner. Wie alle wird er Tagelöhner, morgens steht er an einer Unterführung, wer hält und ihn mitnimmt, für den putzt er, macht den Garten, schleppt Ziegelsteine. Libyer bekommen 50 Dinar am Tag, Kemo oft nur 15. Das sind knapp zehn Euro. Und manchmal wird er abends wieder abgesetzt, ganz ohne Lohn. "Wenn jemand seine Pistole aufblitzen lässt, wagst du nicht, dich zu beschweren."

Immer wieder reden sie von Europa

Einmal greift ihn die Polizei auf. Weil er keine Papiere hat, bringen sie ihn zurück nach Sabha, in ein berüchtigtes Gefängnis, in dem Misshandlungen dokumentiert sind. Dort bekommt man tagsüber Freigang, um für Libyer zu arbeiten. Nach ein paar Wochen türmt er. Zurück nach Tripolis. Er gewöhnt sich daran, das Geld, das er bei sich trägt, auf mehrere Hosen- und Jackentaschen zu verteilen. Libyen, einst das gelobte Land, war "verrückt", sagt er. Europa! Davon redet er nun alle paar Tage mit den Mitbewohnern, sagt Kemo. Er hat gezögert, auch er hat gehört, was auf dem Mittelmeer passieren kann. Doch im Spätsommer 2013, nachdem er einen Tag geschuftet und kein Geld bekommen hat, geht er zu dem Mann, von dem alle wissen, dass er so etwas organisieren kann.

Kemo will nicht viel über ihn verraten, er ist ihm dankbar. Er sagt nur: Der Mann war auch aus Gambia. Er hat mit Polizisten und Marineleuten zusammengearbeitet und alles unkompliziert geregelt. Die Überfahrt kostet 600 Dinar (400 Euro), er zahlt weniger als viele andere. Dafür geht es auch nur in einem Schlauchboot hinüber.

Am 8. Oktober 2013 - fünf Tage nach der Katastrophe von Lampedusa, bei der 360 Bootsflüchtlinge ertranken - wird Kemo an der Unterführung eingesammelt. Er hat vom Unglück gehört, aber mit niemandem darüber gesprochen. Dann geht es direkt zum "Fluss", wie Kemo sagt. Das Mittelmeer nennt er immer "Fluss". So klingt die Überfahrt harmlos.

Er saß zuvor noch nie in einem Schlauchboot

Kurz vor Mitternacht geht es los: 97 Leute im Schlauchboot, am Steuer ein Junge aus Westafrika, dem Senegal vielleicht, sie nennen ihn "Capi".

Das Wasser spritzt ins Boot. Weiß "Capi", was er tut? Kemo kann es nicht beurteilen. Er saß zuvor noch nie in einem Schlauchboot. In der kommenden Nacht, nach 24 Stunden, leuchtet ein großes Schiff an Steuerbord. Streit an Bord, ob man darauf zufahren soll. Wäre es ein libysches Schiff, würden sie zurück nach Tripolis geschafft. "Capi" steuert auf den Kreuzer zu, aus dem Lautsprecher des Schiffes kommt eine Stimme. Kemo kennt die Sprache nicht. Es sind Italiener, ihre Rettung.

Das Schiff bringt sie nach Syrakus auf Sizilien, Kemo landet in der Flüchtlingsunterkunft in Mineo. Jetzt, anderthalb Jahre später, begrüßt Kemo seine Anwältin in gutem Italienisch. Angela Lupo vom italienischen Flüchtlingsrat kommt an den Tisch. Sie reden über seinen Aufenthaltstitel. "Bekomme ich bald die fünf Jahre geltende Erlaubnis?" "Nein, Kemo, es gibt sie nur für zwei Jahre."

Ist Kemo aus Gambia Flüchtling oder Armutsmigrant? Lupo holt erst einmal Luft und sagt dann: "Die Zeit in Libyen hat ihn zum Flüchtling gemacht." Tatsächlich ist es in Italien so: Wer als Afrikaner über Libyen gekommen ist, der erhält zwar nicht zwangsläufig Asyl, aber aus "humanitären Gründen" eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Misshandlung Schwarzer dort ist dokumentiert. Das gibt es so nur in Italien. Die Afrikaner können mit diesen Papieren als Tourist auch nach Deutschland einreisen.

Lupo hilft Migranten durch das Wirrwarr der italienischen Asylbürokratie. Im letzten Jahr hat sie mit ihren drei Kollegen 560 Flüchtlinge beraten. Nur zwei davon waren Syrer. 46 kamen aus Gambia.

Kemo lernt jetzt weiter Italienisch, dann will er arbeiten, in einem Hotel vielleicht, wie damals in der Heimat. Jobs sind schwer zu finden in Catania. Kemo will weiter nach Norden ziehen, nach Rom oder Mailand.

Sein Schleuser sitzt noch in Tripolis. Sie schreiben sich manchmal auf Facebook. Kemo sagt, er ist ein guter Mann.


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Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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