Flüchtlinge auf dem Weg nach Kroatien "Wir kehren auf keinen Fall um"

Weil Ungarn sich abschottet, wollen die Flüchtlinge jetzt über Kroatien weiterziehen. Vor der Minengefahr in dem Balkanstaat sind sie gewarnt - doch das hält sie nicht auf.

Bus in Belgrad: Flüchtlinge fahren nun über Kroatien nach Westeuropa
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Bus in Belgrad: Flüchtlinge fahren nun über Kroatien nach Westeuropa

Aus Belgrad berichtet


Am Mittwoch sind die vier jungen Iraker aus Falludscha mit ihren Frauen und Kindern in Serbien angekommen. Sie waren einen Tag zu spät: Am Dienstag hatte Ungarn die Grenze zugemacht. Nun können sie nicht mehr über diese Route weiter nach Westeuropa reisen. Dabei hatten sie sich so beeilt.

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Die vier irakischen Familien waren zunächst nach Bagdad und dann mit dem Flugzeug weiter nach Istanbul gereist. Dafür brauchten sie nur ein elektronisches Visum zu beantragen. In der Türkei bezahlten sie dem Schlepper 1200 Euro für die Überfahrt zu den griechischen Inseln, damit sie nicht mehrere Tage auf einen freien Platz warten mussten, der sonst nur 250 Euro kostet. In Mazedonien warteten sie nicht auf den überfüllten Zug, sondern nahmen Taxis - 200 Euro pro Wagen für die Fahrt durch das ganze Land.

"Wir sind jetzt von der mazedonisch-serbischen Grenze nach Belgrad gefahren, um uns zu informieren, wie es weitergeht", sagt Mohammed. Kurz nach der Ankunft in Belgrad wurden sie von mehreren Schleppern angesprochen. "1500 Euro kostet es bis Österreich", sagt Mohammed. Aber sie misstrauen den Schleusern. "Was, wenn wir dann doch von der ungarischen Polizei erwischt werden? Wir wollen nicht von einem Gefängnis ins nächste."

Als Alternative denken sie nun darüber nach, in Kroatien in die EU einzureisen. Den Tipp haben sie von anderen Flüchtlingen. "Aber wir wollen warten, bis die ersten die Route gemacht haben", sagt Mohammed. "Sicher ist nur eins: Wir werden garantiert nicht wieder zurückkehren in den Irak. Wir haben zu viel bezahlt, um umzukehren in den Tod."

Mohammed hatte in Iraks Armee gedient und ist deswegen geflohen: "Die schicken uns mit schlechter Ausrüstung gegen den Islamischen Staat. Der IS hat aber die neuesten und besten Waffen. Das ist der sichere Tod." Seine vier Freunde sahen für sich mit ihren Familien ebenfalls keine Perspektive. "Ein vernünftiges Gehalt bekommt man nur bei der Armee. Aber dann können wir uns auch gleich umbringen", sagt einer.

In der irakischen Provinz Anbar, aus der sie kommen, ist die Wirtschaft zusammengebrochen. Die Dschihadisten haben sich dort breit gemacht. Umziehen nach Bagdad? In Iraks Hauptstadt sahen sie für sich ebenfalls keine Zukunft: "Wir sind Sunniten. Dort erschießen uns die schiitischen Milizen und werfen uns in den Straßengraben", sagt Mohammed. Ihr Ziel sei Finnland: "Das ist weiter weg, da kommen nicht so viele hin. Es gibt weniger Flüchtlingsstau als in Deutschland."

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Auch Yassin und Ali wollen es über Kroatien versuchen. Die beiden jungen Iraker haben Tickets für einen Bus, der sie von Belgrad aus direkt an die kroatische Grenze bringt. Kosten: 20 Euro pro Person.

Ali wuchs in Teheran auf. Sein Vater war Mitglied einer radikal-schiitischen Partei, die unter Saddam Hussein verboten war. Seine Mutter ist Iranerin. Nach dem Sturz des Diktators kehrte der Vater in den Irak zurück. Ali sagt: "Was soll ich im Irak? Da kann immer eine Bombe neben einem explodieren." Er will nach Deutschland. Dort lebe seit Jahren ein Onkel von ihm.

Der Christ Yassin will ebenfalls nach Deutschland. Sein Bruder sei schon dort. Im Irak bleiben? "Überall in Bagdad sind die schiitischen Milizen. Und Arbeit gibt es im Irak auch nicht."

In sozialen Netzwerken wird vor den Minen gewarnt

Noch immer kommen täglich tausende Flüchtlinge auf den griechischen Inseln an - auch wenn dort jetzt durch die stärkeren Winde immer wieder Boote kentern und Passagiere ertrinken.

Jetzt ist Kroatien also das neue Transitland für die Flüchtlinge. "Wir wissen über die neue Route von zwei Freunden Bescheid, die am Dienstag an der ungarischen Grenze waren und nun wieder zurück nach Belgrad gekommen sind", erklärt Yassin. "Sie wollen es nun über Kroatien versuchen. Da gehen jetzt alle hin."

Auf die Neuankömmlinge an der mazedonisch-serbischen Grenze warten bereits Busse, die sie direkt an die kroatische Grenze fahren und nicht mehr wie bisher an die ungarische: Die Regierung in Belgrad will verhindern, dass die Flüchtlinge in Serbien bleiben könnten.

Der Weg führt jedoch durch die Minenfelder aus Kriegszeiten. Doch auch das wissen die meisten Flüchtlinge bereits - in sozialen Netzwerken werden sie gewarnt: "Bleibt auf den befestigten Straßen, um euer Leben zu schützen. Abseits gibt es alte Minen, die noch aktiv sind."

Video: Transit durch das minenverseuchte Kroatien

REUTERS

insgesamt 102 Beiträge
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jus94 16.09.2015
1. Ehrliche Diskussion nötig
Es geht hier nicht mehr um Verfolgung und Flucht sondern um ein "besseres Leben" in Deutschland. Die Politik und Presse wäre gut beraten dies offen und ehrlich auszusprechen.
TangoGolf 16.09.2015
2. dieses aggressive Verhalten
der Flüchtlinge lässt sie dann doch in einem anderen Licht erscheinen. Wie soll man glauben, dass diese Personen nach der Ankunft in Deutschland zu einem selbstlosen Teil der Gesellschaft werden, wie die Flüchtlinge doch so gern verklärt werden.
aktenzeichen 16.09.2015
3. Warum in aller Welt will jemand für viel Geld aus der sicheren
Türkei ins weitentfernte Deutschland? Und warum will ein Moslem ins säkulare Deutschland, wenn doch in der Türkei der Islam bereits Staatsreligion bzw. Staatsdoktrin ist? Mir fällt da immer die Konferenz für islamische Zusammenarbeit der islamischen Staaten ein. Und die empfahl die Migration nach Europa als Mittel der Verbreitung des Islams.
zeitwerk 16.09.2015
4. Ohnmächtig
Das Schlimme an der ganzen Flüchtlingsthematik ist die Ohnmacht sich nicht dagegen wehren zu können. Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld niemanden, welcher hier Massen an Flüchtlingen sehen möchte, aber Dank der Gutmenschen-Presse und der Diffamierung von Flüchtlingsgegern (ja, auch solche dürfen ihre freie Meinung äußern). Ich war kein Freund der Pegida, aber ich werde zunehmend radikalisiert durch diese Ohnmacht.
eagle2014 16.09.2015
5. Mord und Totschlag
Man liest nur noch, in dieser Stadt leben die Sunniten oder die Schiiten, in dieser Region die Kurden, dort der IS, dann dort die Taliban, usw, jeder bringt jeden um, wenn jetzt alle herkommen, dann werden die ja wohl kaum auf einmal in Europa in Frieden leben...die werden Europa noch in ein Schlachtfeld verwandeln.
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