Sea-Watch "Das kratzt an unserer Glaubwürdigkeit"

"Tausende Tote" meldete Sea-Watch vor der libyschen Küste - dabei war die Zahl deutlich niedriger. Ein Sprecher der Hilfsorganisation erklärt, was in der Kommunikation schiefgelaufen ist.

Flüchtlinge vor Libyen in Seenot
DPA

Flüchtlinge vor Libyen in Seenot

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Das Seenotrettungsschiff Sea-Watch II ist vor Libyen unter deutscher Flagge im Einsatz, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Fast täglich gibt es Meldungen von gekenterten Flüchtlingsbooten.

Am Donnerstag mussten die Retter mehrfach zu Einsätzen ausrücken. Währenddessen teilte die Organisation auf ihrer Facebook-Seite mit:

"Am heutigen Tage findet womöglich die schlimmste Tragödie im Mittelmeer statt, die je erlebt wurde. Das Einsatzgebiet ist voll mit Booten, 16 sind bestätigt, 3 große Holzboote gesunken, tausende Tote."

Kurze Zeit später wurde klar, dass die Zahl von Tausenden Toten zu hoch angesetzt war. Die Verantwortlichen bei Sea-Watch korrigierten ihre Angaben.

Hier erklärt Pressesprecher Ruben Neugebauer, wie die falsche Zahl zustande kam - und warum die europäischen Regierungen sich stärker bei der Seenotrettung engagieren müssten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Neugebauer, wie ist es zu der Angabe von "Tausenden Toten" gekommen?

Ruben Neugebauer: Unser Social-Media-Team hat die Zahlen zunächst hochgerechnet, dabei sind aber Informationen durcheinander gegangen. Wenn ein Notruf abgesetzt wird, ist nicht jedes Mal das Boot auch gekentert. Gestern hatten wir drei bestätigte Fälle von großen Holzbooten, die tatsächlich untergegangen sind. In der Vergangenheit war es so, dass auf diesen Booten etwa 400 bis 700 Leute an Bord waren und mehrere hundert ums Leben kamen. Dazu gab es noch Dutzende weitere Rettungseinsätze. So kam die falsche Schätzung zustande. Das war ein Fehler, für den wir uns nur entschuldigen können. Letztlich besteht Sea-Watch aus ehrenamtlichen Mitarbeitern, die oft keine Profis sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es so schwierig, valide Zahlen zu bekommen?

Neugebauer: Bei den Holzbooten hat man das Problem, dass ein Teil der Menschen an Deck ist, und ein anderer Teil unter Deck. Wenn die Boote havarieren, haben die Menschen oft keine Chance mehr, da rauszukommen. Die Opferzahl, die unmittelbar gezählt werden kann, ist die der Menschen an Deck. Dazu ist die Situation vor Ort sehr unübersichtlich. Wir gehen immer noch davon aus, dass gestern möglicherweise Hunderte Flüchtende vor der libyschen Küste ertrunken sind. In jedem Fall war es eine der größten Rettungsaktionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Situation vor Libyen?

Neugebauer: Wir haben gerade eine Schönwetterphase, was die Situation extrem verschärft, weil viele Flüchtlingsboote von Libyen starten. Am Anfang der Woche waren noch viele Seenotrettungsschiffe vor Libyen im Einsatz, die Menschen aufnehmen und in Sicherheit bringen können. Doch bis sie diese geretteten Flüchtenden nach Sizilien gebracht haben und wieder zurück sind, vergehen mehrere Tage. Deshalb waren gestern alle großen Schiffe, die auf Rettung ausgelegt sind, nicht im Einsatzgebiet verfügbar.

SPIEGEL ONLINE: Was genau macht die Sea-Watch II im Mittelmeer?

Neugebauer: Wir retten Menschen aus Seenot. Zum einen von intakten Booten und zum anderen von gekenterten Booten, die Menschen sind in diesem Fall im Wasser. An Land bringen wir die Flüchtenden selbst allerdings nicht. Gestern hatten wir drei Einsätze, heute wird gerade der zweite Fall von uns bearbeitet. Wir können unser Schnellboot noch zu einem zweiten Flüchtlingsboot schicken, dann sind unsere Kapazitäten erschöpft. Es kann aber auch nicht sein, dass die Seenotrettung im Mittelmeer von Ehrenamtlichen übernommen werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt eine Schieflage?

Neugebauer: Wir machen das nebenher, während die politisch Verantwortlichen keine Ressourcen vor Ort haben. Das zeigt doch deutlich, dass hier etwas schiefläuft. Die Diskussion sollte davon handeln, warum die politisch Verantwortlichen nicht endlich eine Lösung in Form legaler Einreisewege bereitstellen und nicht davon, ob die Social-Media-Abteilung einer ehrenamtlichen Organisation eine falsche Schätzung veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Wurde Ihnen nach dem Facebook-Post vorgeworfen, dass Sie damit Aufmerksamkeit auf das Problem lenken wollten?

Neugebauer: Nein, das haben wir nicht gehört, und das ist auch wirklich nicht der Fall. Für uns ist das unglücklich gelaufen, weil es natürlich an unserer Glaubwürdigkeit kratzt. Deswegen war das auf keinen Fall Absicht. Wenn das jetzt unserer Organisation schadet, sind wir selbst daran schuld. Fatal wäre aber, wenn dadurch der Eindruck entsteht, dass alles nicht so schlimm ist, was da passiert. Unsere Crew ist auch heute wieder an der Bergung von vielen Toten beteiligt, auch am Mittwoch gab es einige Todesopfer. Unsere Crew hat auch selbst Leichen bergen müssen. Deswegen wäre es für uns bitter, wenn die Diskussion um den Facebook-Eintrag dazu beitragen würde, dass die Situation nicht so wahrgenommen wird, wie sie ist: extrem gravierend.

insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
AndreHa 27.05.2016
1.
Ob 3000 oder 300 Tote - es ist eine Tragödie. Auch 30 Tote sind 30 zu viel. Es ist unglaublich bewundernswert, was Sea-Watch an humanitärem Einsatz leistet. Jetzt über Opferzahlen zu diskutieren ist zynisch.
Mertrager 27.05.2016
2. 1000 Spinner
Es gibt bei vielen Hilfsorganisationen, Leute, die sich wichtig machen wollen. Meldungen aus diesen Quellen geniessen bei mir deshalb immer eingeschränkte Glaubensqualität. - Besser eine Woche warten und dann abgleichen. Mancher Weltuntergang ist dann schon wieder korrigiert. - Solche Vorgänge sind Gift für das Engagement der Leute. Denn sie machen die Welt an den Krisenherden etwas weniger grausam.
fridericus1 27.05.2016
3. Frage:
Wohin werden die Schiffbrüchigen eigentlich gebracht, die "vor der libyschen Küste" gerettet werden?
Herr_Jeh 27.05.2016
4. Fehlanreiz
Wenn man die Leute jedes mal von der libyschen Küste nach Italien transferiert, dann bindet das erstens Ressourcen und zweitens setzt das einen fatalen Fehlanreiz: die Leute begeben sich auf Boote, die gar nicht ansatzweise dafür gebaut wurden, die Strecke aus eigener Kraft zu schaffen.
defy_you 27.05.2016
5. Der Shuttelservice
den die Eu aufgebaut hat und der Migranten nahe der libyschen Küste aufsammelt und nach Europa bringt muss so schnell wie möglich eingestellt werden. Das ist geradezu eine Aufforderung an Migranten, sich in seeuntüchtige Boote zu setzen und die libyschen Gewässer zu verlassen. Alternativ bedürfte es eine Regelung, dass ausnahmslos alle Geretteten nach Libyen zurück gebracht werden. Damit wird die Überfahrt bzw. das In-See-Stechen (denn es wird ja fest mit der "Rettung" gerechnet) sinnlos und es wird aufhören. Dadurch würden viele Menschenleben gerettet. Diese unsinnige "Sophia" Mission ist doch Wahnsinn.
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