Flüchtlingskrise Serbien wettert gegen Europas Stacheldrahtpolitik

Tausende Flüchtlinge sitzen in Serbien fest, die Nachbarn haben ihre Grenzen geschlossen. Der serbische Innenminister Nebojsa Stefanovic warnt vor einem Dominoeffekt - und fordert von Brüssel endlich klare Signale.

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Vorerst geht es nicht weiter
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Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: Vorerst geht es nicht weiter

Ein Interview von


Serbien wird zur Sackgasse für Flüchtlinge auf dem Weg nach Westen. Ungarn hat seine Grenze zum Wochenanfang abgeriegelt, und auch Kroatien lässt seit dem gestrigen Donnerstag fast niemanden mehr einreisen. Über Mazedonien kommen aber immer neue Flüchtlinge ins Land, Tausende warten auf ihre Weiterreise.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE klagt der serbische Innenminister Nebojsa Stefanovic, dass mehr und mehr europäische Staaten in der Flüchtlingskrise "machen, was sie wollen".

Lesen Sie hier das komplette Gespräch:


Zur Person
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    Nebojsa Stefanovic, Jahrgang 1976, ist seit April 2014 serbischer Innenminister. Er ist, wie Regierungschef Aleksandar Vucic, ein ehemaliger Ultranationalist, vertritt aber heute mit Nachdruck die pro-europäische Linie der serbischen Regierung. Serbien hofft, bis Jahresende Beitrittsverhandlungen mit der EU aufzunehmen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Stefanovic, nachdem Ungarn und Kroatien ihre Grenzen nahezu vollständig geschlossen haben, ist Serbien, jedenfalls derzeit, eine Sackgasse für Flüchtlinge. Dennoch kommen immer mehr Menschen an. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Stefanovic: Wir plädieren für eine gemeinsame europäische Lösung, denn jetzt sieht es so aus, dass jedes Land in der Flüchtlingskrise macht, was es will.

SPIEGEL ONLINE: Der Versuch einer gemeinsamen Lösung in der EU scheiterte diese Woche vorerst.

Stefanovic: Die Flüchtlingskrise dauert jetzt schon seit Monaten an. Wir erwarten wirklich, dass die Europäische Union schnell eine Lösung findet, an die sich jeder Staat hält. Es ist sehr fragwürdig, dass die Flüchtlinge praktisch ohne Kontrollen nach und durch Griechenland kommen und dann in Serbien nicht weiterkommen oder hier gestoppt werden sollen. Warum? Diese Frage stellen unsere Bürger. Wir möchten und werden Teil einer Lösung sein, aber diese Lösung muss eine gemeinsame sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Botschaft an die Länder, die in Eigenregie ihre Grenzen abschotten, besonders Kroatien und Ungarn?

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Stefanovic: Wir möchten mit ihnen gute Beziehungen haben und kooperieren, und vor allem möchten wir, dass die normalen Reiserouten, die es bisher gab, wieder geöffnet werden. Wir haben ja immerhin Reisefreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben am Mittwoch den ungarischen Polizeieinsatz gegen protestierende Flüchtlinge ungewöhnlich scharf kritisiert. Warum?

Stefanovic: Wir sind sehr unglücklich über das, was an unserer Grenze passiert ist, und wir wollen nicht, dass sich solche Szenen wiederholen. Es muss einfach klar sein: Die Flüchtlingskrise ist nicht ein Problem zwischen Ungarn und Serbien, sondern ein gesamteuropäisches.

SPIEGEL ONLINE: Wird auch Serbien seine südlichen und südöstlichen Grenzen zu Mazedonien und Bulgarien schließen, wenn sich die Flüchtlinge im Land stauen?

Stefanovic: Bisher haben wir noch keinen Anlass, unsere Grenzen zu schließen. Sind Mauern, Zäune, Stacheldraht mit Rasierklingen, Tränengas und Polizeieinsätze jetzt die neuen europäischen Werte? Wir glauben nicht, dass das die beste Lösung ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre es für Sie im Notfall denkbar, Ihre Grenzen zu Mazedonien und Bulgarien zu schließen?

Stefanovic: Dann würde Mazedonien seine Grenze zu Griechenland schließen, Griechenland die zur Türkei. Und so würde es nach dem Dominoprinzip weitergehen. Die wichtige Frage ist doch: Wird es zum neuen europäischen Standard, dass wir keine Menschen aufnehmen, die vor Kriegen und aus gefährlichen Ländern flüchten? Das hat uns die Europäische Union doch jahrelang erzählt. Werden diese Werte jetzt, im Angesicht der ersten Krise, über Bord geworfen?

SPIEGEL ONLINE: Manche unabhängigen Beobachter in Serbien sagen, dass Ihre Regierung die Probleme besser lösen könnte - dass Sie zum Beispiel eine bessere Logistik für Flüchtlinge aufbauen könnten.

Stefanovic: Wir sind das allererste Land auf der Route, das Flüchtlinge registriert. Vielleicht sollte so etwas auch in Griechenland oder Bulgarien stattfinden. Wir registrieren mehr als 85 Prozent aller Ankommenden mit kompletten Daten, die wir dann mit europäischen Behörden teilen. Dafür sind wir ja international auch gelobt worden. Wir sind kein reiches Land, deshalb haben wir die Europäische Union gebeten, uns mehr bei der Versorgung der Flüchtlinge mit Unterkünften, Lebensmitteln und Gesundheitsvorsorge zu helfen. Was wir natürlich nicht machen können, ist, die Flüchtlinge zu zwingen, hierzubleiben. Sie wollen nicht hierbleiben.

Video: Balkanroute wird für viele Flüchtlinge zur Sackgasse

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