Migranten aus Südosteuropa
Die Irrtümer in der Debatte über Balkan-Flüchtlinge
Vorurteile gegen Asylbewerber vom Balkan sind weit verbreitet: Sie seien gar keine Flüchtlinge und nutzten nur den deutschen Sozialstaat aus. Blödsinn. Hier sind die Gegenargumente.
Die Asylbewerberheime sind mehr als voll belegt, manche Länder erwägen regelrechte Abschiebecamps: Deutschland tut sich mit der Flüchtlingskrise schwer. Eines der zentralen Themen in der politischen Debatte darüber ist der Balkan. Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zufolge waren unter den etwa 190.000 Asylanträgen in der ersten Jahreshälfte rund 78.000 von Immigranten aus Staaten des Westbalkans - also aus Serbien, Albanien, Mazedonien und dem Kosovo.
Inzwischen wird darüber nachgedacht, die Abschiebung dieser Asylbewerber per Gesetz zu beschleunigen - denn der Westbalkan ist angeblich eine sichere Herkunftsregion, und die Uno wirft den Flüchtlingen von dort sogar eine "Blockade des Asylsystems" vor. Doch ganz so einfach ist es nicht. Die größten Irrtümer im Fakten-Check:
Kein Wunder also, dass neben Kriegsflüchtlingen auch Tausende Sinti und Roma nach Mitteleuropa kommen wollen. Nach Angaben des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma verlassen viele von ihnen ihre Heimat notgedrungen und gegen ihren Willen. Würden sie nicht diskriminiert, würden sie wohl bleiben. Wie sie schließlich aufgenommen werden, hängt dabei vom Land ab, in dem ihre Flucht endet: Frankreich etwa erkennt laut "Süddeutscher Zeitung" Sinti und Roma als "gruppenspezifisch Verfolgte" an - Deutschland nicht.
Foto: SPIEGEL ONLINE
"Viele Menschen vom Balkan betreiben Asylmissbrauch"
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erhalten Asylbewerber vom Balkan äußerst selten den Asylstatus: Die Anerkennungsquote schwankt demnach zwischen 0,3 Prozent (Serbien) und 2,6 Prozent (Albanien). Zum Vergleich: Bei Asylbewerbern aus Syrien und Eritrea liegt die Quote bei nahezu 100 Prozent. Es könnten also nur sehr wenige Balkan-Flüchtlinge das Asylrecht "missbrauchen".
Die Behauptung vom "Asylmissbrauch" zielt jedoch auf etwas anderes: den Asylantrag überhaupt zu stellen. Dabei hat in Deutschland jeder Ausländer das im Grundgesetz verankerte Recht dazu - unabhängig von der Wahrscheinlichkeit einer Anerkennung. Der Vorwurf ist also absurd. Schließlich würde wohl auch niemand einem Studenten "Bafög-Missbrauch" vorwerfen, sollte dieser trotz geringer Erfolgsaussichten Ausbildungsförderung beantragen.
"Asylbewerber vom Balkan haben kein Recht auf Asyl"
Deutschland lehnt die Asylanträge fast aller Flüchtlinge aus Albanien und den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens ab - das bedeutet aber nicht, dass diese Menschen grundsätzlich kein Recht auf Asyl haben. Andere europäische Staaten nehmen sehr viele Flüchtlinge aus dieser Region auf, da dort das wirtschaftliche Elend in Albanien, der drohende Bürgerkrieg in Mazedonien oder die Konflikte im Kosovo durchaus als Asylgrund anerkannt werden.
Entsprechend unterschiedlich fallen laut "Pro Asyl" die Aufnahmezahlen aus: 2014 erhielten rund 37 Prozent der Antragsteller aus Serbien Asyl in der Schweiz, Finnland gewährte 43 Prozent der kosovarischen Flüchtlinge Schutz. Frankreich und Belgien erkannten jeden fünften Schutzsuchenden aus Bosnien und Herzegowina als asylberechtigt an, Großbritannien stufte 18 Prozent der albanischen Asylsuchenden als schutzbedürftig ein.
"Flüchtlinge vom Balkan sind für den Staat sehr teuer"
Asylbewerber erhalten in Deutschland ein monatliches Taschengeld von 143 Euro. Einige Politiker vermuten, dass Menschen vom Balkan nur in die Bundesrepublik kommen, um dieses Geld mit nach Hause zu nehmen. Solche Menschen gibt es offenbar tatsächlich, die meisten Flüchtlinge wollen jedoch offenkundig hierbleiben - und bringen großes Potenzial mit: Viele sind jung, motiviert und solide ausgebildet. Dem IAB zufolge sind die Deutsch- und Englischkenntnisse bei Flüchtlingen aus Krisenregionen wie Syrien oft schlecht, wohingegen Asylbewerber vom Westbalkan überdurchschnittlich häufig gutes Deutsch beherrschen.
Fotostrecke
Politik zu Flüchtlingsansturm: Verzweifelt und überfordert
Foto: Adam Berry/ Getty Images
Viele der Einwanderer könnten zudem legal nach Deutschland kommen, ohne Flucht und Schlepperkosten. Denn die Arbeitsagenturen suchen Zuwanderer für sogenannte Mangelberufe, und die Liste ist lang: Nachtwächter werden ebenso gesucht wie Klempner und Krankenpfleger. Wer in seiner Heimat solch einen Beruf erlernt hat, kann ganz in Ruhe von Belgrad oder Pristina aus prüfen lassen, ob seine Ausbildung auch in Köln und Berlin anerkannt wird.
Eine ernsthafte Belastung wäre der Großteil dieser Einwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt wohl kaum, wie das IAB schreibt: "Die Beschäftigungsquoten der in Deutschland lebenden Bevölkerung aus den Ländern des Westbalkans sind sehr viel höher und die Arbeitslosenquoten geringer als bei der Bevölkerung aus den Krisenstaaten."
Zusammengefasst: In der Debatte über Flüchtlinge vom Balkan gehen viele Argumente an der Realität vorbei. Die These vom "Asylmissbrauch" ist nachweislich Unsinn, viele europäische Staaten nehmen viel mehr Asylbewerber aus der Region auf. Zudem könnten wohl etliche Migranten aus Serbien oder Mazedonien ganz legal auch ohne Asylantrag nach Deutschland kommen.
11 BilderFlüchtlinge vom Balkan: Exodus aus Südosteuropa
1 / 11
Einwanderer an der ungarischen Südgrenze: Im vergangenen Jahr gewährte die Schweiz 37 Prozent der Flüchtlinge aus Serbien Asyl - Deutschland hingegen lehnte 99,7 Prozent dieser Anträge ab.
Foto: LASZLO BALOGH/ REUTERS
2 / 11
Migranten auf einer Straße im serbischen Presevo: Die meisten Balkan-Flüchtlinge in Deutschland kommen aus Albanien und dem Kosovo.
Foto: Djordje Savic/ dpa
3 / 11
Flüchtlinge im mazedonischen Gevgelija: Zehntausende Menschen ziehen seit Monaten auf der Flucht durch den Balkan - auch viele Mazedonier, Kosovaren und Serben fliehen in die Europäische Union.
Foto: ROBERT ATANASOVSKI/ AFP
4 / 11
Viele versuchen sich mit Zügen nach Ungarn oder Kroatien durchzuschlagen. Die Reise ist oftmals entbehrungsreich: Hier strecken Flüchtlinge ihre Hände nach Wasser aus.
Foto: OGNEN TEOFILOVSKI/ REUTERS
5 / 11
Asylbewerberunterkunft in München: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer erwägt, Flüchtlinge vom Balkan in speziellen Zeltlagern unterzubringen - und sie möglichst rasch wieder abzuschieben.
Foto: MICHAELA REHLE/ REUTERS
6 / 11
Schwangere Syrerin mit Kindern in Mazedonien: Ein Großteil aller nach Deutschland kommenden Flüchtlinge kommt derzeit über die Länder des Westbalkans - die meisten wegen des syrischen Bürgerkriegs.
Foto: Georgi Licovski/ dpa
7 / 11
Warten auf den Zug nach Europa: Flüchtlinge an einem Bahnhof in Gevgelija (Mazedonien). Amnesty International zufolge überquerten allein seit Januar dieses Jahres mehr als 60.000 Flüchtlinge die EU-Außengrenze zwischen Serbien und Ungarn.
Foto: ROBERT ATANASOVSKI/ AFP
8 / 11
Willkommen sind die Asylbewerber in der Europäischen Union nicht wirklich: Die EU-Mitglieder ringen seit Monaten um eine Verteilung von Zehntausenden Flüchtlingen aus aller Welt. Ungarn errichtet sogar einen Zaun an der Grenze zu Serbien - so wie hier am 16. Juli im Grenzort Morahalom.
Foto: Darko Vojinovic/ AP/dpa
9 / 11
Flüchtlinge in einer Budapester Metro-Station: Dass viele Asylbewerber nicht in Ungarn bleiben wollen, liegt auch am Umgang mit Minderheiten in dem Land. Ein Fünftel der Asylbewerber darf sich dem Europarat zufolge dort nicht frei bewegen.
Foto: Zoltán Balogh/ dpa
10 / 11
Um ihre Heimat verlassen zu können, nehmen viele Flüchtlinge vom Balkan große Strapazen auf sich: In diesen Zug in Mazedonien drängen sich Menschen durch offene Fenster in die Abteile.
Foto: Georgi Licovski/ dpa
11 / 11
Flüchtlingstreck in Ungarn: Eine Ursache für die Massenflucht vom Balkan sind etliche Konflikte vor allem in Serbien, Mazedonien und dem Kosovo.
12 BilderPolitik zu Flüchtlingsansturm: Verzweifelt und überfordert
1 / 12
Flüchtlinge stehen in einer Essensschlage in der Zeltstadt in Dresden: Der Flüchtlingsstrom nach Deutschland ist derzeit eines der drängendsten Probleme der Republik.
Foto: Adam Berry/ Getty Images
2 / 12
In der Flüchtlingsunterkunft in Dresden sind inzwischen mehr als 800 Menschen untergebracht. Rund 450.000 Menschen werden Ende des Jahres in der Bundesrepublik Asyl beantragt haben, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.
Foto: Adam Berry/ Getty Images
3 / 12
Flüchtlinge warten auf eine erste Registrierung in Passau: Die Politik scheint von dem Ansturm überrascht.
Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP
4 / 12
Manche Städte und Gemeinden wissen nicht mehr, wohin mit den Flüchtlingen. In Berlin schlafen Kinder in der Nähe eines Aufnahmezentrums in Berlin auf dem Boden.
Foto: AP/ DPA
5 / 12
Der Schutz der Unterkünfte überfordert die Polizei. Hier warten Flüchtlinge vor einem Notlager in Dresden.
Foto: Getty Images
6 / 12
Die Anwohner begegnen den Flüchtlingen nicht nur mit Hilfsbereitschaft. Mit Aufklebern wie diesem versuchen rechte Flüchtlingsgegner die Asylbewerber einzuschüchtern.
Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP
7 / 12
Mitte Juli zündeten Unbekannte eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Remchingen bei Karlsruhe an. Die Ermittler gehen von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.
Foto: Uli Deck/ dpa
8 / 12
Brandschäden in Limburgerhof: Die Aufnahme von Anfang Mai zeigt die im Bau befindliche Asylbewerberunterkunft im rheinland-pfälzischen Limburgerhof. Die Schäden nach dem Brandanschlag sind mittlerweile behoben. Die ersten Flüchtlinge sollen in den kommenden Wochen in die Wohncontainer einziehen.
Foto: Uwe Anspach/ dpa
9 / 12
Auch auf diese noch unbewohnte Unterkunft für Asylbewerber im sächsischen Meißen hatten es vermutlich Ausländerfeinde abgesehen: In der Nacht zum 28. Juni hatten Unbekannte in dem Gebäude Feuer gelegt.
Foto: Sebastian Kahnert/ dpa
10 / 12
Ermittler vor niedergebrannten Flüchtlingszelten in Hannover Ende vergangenen Jahres: Die Zahl der Anschläge auf Asylunterkünfte ist in den vergangenen sechs Monaten noch einmal deutlich gestiegen. Die Aufklärungsquote ist jedoch gering.
Foto: Alexander Koerner/ Getty Images
11 / 12
Polizisten in Freital: Mehrfach gab es hier fremdenfeindliche Demonstrationen vor der Asylbewerberunterkunft.
Foto: Oliver Killig/ dpa
12 / 12
Die Rechten marschieren auf: Die NPD demonstrierte zuletzt in Dresden gegen den Aufbau eines Zeltlagers für Flüchtlinge in der Stadt.