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01. Juni 2019, 21:24 Uhr

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Wo Kinder 15 Stunden am Tag schuften

Von und (Fotos)

Hunderttausende Syrer sind ins Nachbarland Jordanien geflohen. Sie vegetieren in Camps vor sich hin oder schlagen sich in Großstädten durch. Hier erzählen sie von ihrem Kampf um ein neues Leben.

Es waren Karawanen von Flüchtlingen, die über Autobahnen zogen. Menschen, die erst im Budapester Hauptbahnhof campiert hatten und dann weiter marschierten, weiter Richtung Westen, weiter Richtung Deutschland. Diese Bilder vom Sommer 2015 werden bleiben, sie haben sich in das deutsche Gedächtnis eingebrannt. Doch sie sind nur ein Teil der Wahrheit.

Insgesamt 5,6 Millionen Menschen haben Syrien seit dem Beginn des Bürgerkrieges verlassen - doch die meisten von ihnen sind in der Region geblieben, viele ins Nachbarland Jordanien geflohen.

Das Königreich Jordanien mit seinen 9,7 Millionen Einwohnern beherbergt heute laut Regierungsangaben 1,3 Millionen Syrerinnen und Syrer. Die Vereinten Nationen sprechen von immerhin etwa 660.00 registrierten Syrern, die in Großstädten oder riesigen Flüchtlingslagern wohnen. In Deutschland - mit 83 Millionen Einwohnern - leben rund 780.000 Syrer.

Schon seit Jahren gilt Jordanien als das sicherste Land im Nahen Osten, eine Insel der Stabilität, umgeben von Krisenherden: im Norden Syrien, im Osten Irak, im Westen Israel und die Palästinensergebiete. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bevölkerung beinahe verdreifacht. Mittlerweile haben knapp 30 Prozent der Menschen in Jordanien einen Fluchthintergrund.

Der Bevölkerungszuwachs führt zu Problemen: Die neuen Einwohner heizen den Wettbewerb um Wohnraum, Arbeitsplätze und Wasser an. Jordanien gilt als eines der trockensten Länder der Welt - und kann kaum Rohstoffe abbauen. Ohne ausländische Hilfszahlungen aus Deutschland, den USA und den Golfstaaten könnte Jordanien die Flüchtlinge wohl nicht versorgen - und auch so ist die Versorgung oft ungenügend.

Wie leben die Syrer in den Flüchtlingscamps und in den Großstädten? In der Fotostrecke erzählen sieben Menschen vom Alltag am Existenzminimum und kleinen Erfolgen im Kampf um ein neues Leben. So wie Mohammed. Der 15-Jährige hat bereits zwei Jahre lang in einem kleinen Shop in Amman Kaffee ausgeschenkt und Zuckersäcke geschleppt. 15 Stunden am Tag, für einen Lohn von zweieinhalb jordanischen Dinar, umgerechnet 3 Euro und 17 Cent.

Der Weg zurück in die Heimat ist für die meisten Syrer versperrt. Das Assad-Regime will Geflüchtete zwar zurücklocken, verspricht ein Leben in Sicherheit. In Wahrheit können sie aber schon durch ein verdächtiges Telefonat im Gefängnis landen. Insbesondere Dissidenten drohen nach einer Rückkehr Verhaftung, Verhöre und Folter.

Aus Deutschland wird aktuell auch niemand nach Syrien abgeschoben. Die Bedingungen für eine Rückkehr von Flüchtlingen "in Sicherheit und Würde" seien bislang nicht gegeben, argumentiert die Bundesregierung und folgt damit der Auffassung des Uno-Flüchtlingshilfswerks.

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