Flüchtlingsansturm in Italien "Ich suche Freiheit, ich suche Arbeit, das ist alles"

Ventimiglia lockt Urlauber mit azurblauem Meer und mondänen Fassaden. Jetzt strömen tunesische Migranten in den Ort an der italienischen Riviera, sie wollen über die Grenze nach Nizza, Paris oder Marseille. Doch die französische Polizei kontrolliert scharf - zeigt, wie gespalten Europa inzwischen ist.

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Aus Ventimiglia berichtet


Was heißt schon "großer Traum", Europa ist längst kein "großer Traum" mehr für Ali Kara. Er sitzt vor einem schmucklosen Bahnhofsgebäude im italienischen Grenzort Ventimiglia, will über die französische Grenze nach Nizza, wo sein Vater lebt. "Ich suche Freiheit, ich suche Arbeit. Das ist alles."

Er war vor fünf Jahren schon einmal in Frankreich, wurde aber abgeschoben, er kennt das. Die vergangenen Nächte hat er im Bahnhof von Ventimiglia auf dem Boden geschlafen, neben anderen Tunesiern, zwischen Plastikstühlen. Irgendwer hat in der tristen Halle ein großes Bild vom blauen Himmel und den grünen Bergen der Riviera aufgestellt. Draußen wärmt die Sonne; das Meer und die sandfarbenen Häuser mit geschwungenen Balkongittern locken die ersten Urlauber an.

Europa kann sehr schön sein; und gnadenlos für den, der nicht erwünscht ist. 50 Tunesier erreichen jeden Tag Ventimiglia, schätzt die italienische Polizei. Sie sind zuvor in Lampedusa oder Sizilien gelandet. Die meisten tragen Jeans, Turnschuhe und dunkle Jacken, mehr haben sie nicht dabei. Vor fünf Wochen hat auch Kara im tunesischen Sfax ein überfülltes Boot bestiegen, sein Land und die Arbeitslosigkeit hinter sich gelassen. Erst kam das Auffanglager in Lampedusa, dann das in Crotone, dann ist er wie so viele abgehauen in Richtung Ventimiglia. Hier hat die Reise vorläufig ein Ende. Frankreich ist nur ein paar Kilometer entfernt.

In Ventimiglia stößt der europäische Geist an seine Grenzen

Die italienische Regierung hat den Flüchtlingen Aufenthaltsgenehmigungen versprochen, mit denen sie legal in andere EU-Staaten reisen können. Doch Frankreich, Deutschland und andere Länder wollen die Papiere nicht anerkennen.

Hier, im Grenzort Ventimiglia, stößt der europäische Geist an seine Grenzen.

Rom nutzt die Migranten, um die Nachbarstaaten unter Druck zu setzen - Innenminister Roberto Maroni droht gar mit dem Austritt aus der Gemeinschaft. Die anderen EU-Regierungen poltern zurück und verstärken die Kontrollen. Alle schielen dabei auf die eigenen Wähler, verschanzen sich hinter ihren Argumenten. Von einem einheitlichen Europa keine Spur.

In Ventimiglia ist die Enttäuschung bei vielen zu spüren. "Nicht die italienische oder französische Polizei sollten das hier lösen, sondern die Regierungen", meint der Vizechef der italienischen Grenzpolizei in Ventimiglia und verschränkt die Arme. "Europa ist immer nur für den Euro da, für die Geschäfte. Doch dies ist ein europäisches Problem, nicht nur ein italienisches", sagt Stefano Zerbone, der für das Rote Kreuz ein provisorisches Flüchtlingszentrum in dem Ort leitet.

"Europa ist schön", sagen einige Tunesier hier. "Europa war ein Fehler", sagen viele andere.

Besonders Frankreich zeigt sich unnachgiebig. Denn mit den italienischen Visa wollen die Tunesier meist zu Freunden und Verwandten - nach Nizza, Paris oder Marseille. Die französischen Behörden haben ihr Personal an der Grenze verstärkt, zwischen 400 und 500 Beamte sollen jetzt täglich hier patrouillieren, um eine "Welle der illegalen Einwanderung zu verhindern", hat der Präfekt des Département Alpes-Maritimes, Francis Lamy, am Dienstagabend verkündet und sich dabei eigens am alten Grenzposten Saint-Ludovic fotografieren lassen. 2800 Tunesier seien seit Mitte Februar festgenommen, 1700 davon nach Italien zurückgebracht worden.

Flucht über den "Todespfad"

Am Posten Saint-Ludovic selbst stehen keine Beamten, die Station wirkt regelrecht verlassen, in den alten Gebäuden türmt sich Bauschutt. Systematische Grenzkontrollen verbietet der Schengen-Vertrag - und noch halten sich die Franzosen daran. Sie haben allerdings die Stichproben an der Autobahn intensiviert: An den Bezahlstellen der mautpflichtigen Strecken werfen Polizisten einen Blick in die Autos. Wenn sie dunkle Hautfarben sehen, winken sie die Wagen aus der Schlange heraus. Auch in den Zügen wird verstärkt kontrolliert.

Viele Flüchtlinge versuchen es aber immer wieder. Sie setzen sich in den Zug nach Frankreich, so wie Ali Kara vor vier Tagen. Die Polizei hat ihn zurückeskortiert. Einige nehmen den gefährlichen Pfad über die Berge, der wegen der steilen Klippen "Todespfad" genannt wird. Andere verstecken sich in Autos. 100 Euro für eine Fahrt nach Nizza verlangen Schlepper - zwölf von ihnen haben italienische Beamte am Dienstag festgenommen.

Wieder andere marschieren einfach die Küstenstraße entlang. So wie Soroush und sein 15-jähriger Bruder. Sie machen eine Pause zwischen den Pinien neben der Straße. Sie blicken wachsam auf, wenn ein Auto vorbeifährt, es könnte die Polizei sein. Soroush ist Afghane, er spricht gut Englisch, in seiner Heimat hat er für die Amerikaner übersetzt. Islamisten hätten ihn bedroht, sagt er. Die Familie habe ihr Geld zusammengekratzt, mit Bus, Taxi, zu Fuß, mit dem Pferd, durch Iran, die Türkei, Griechenland und Italien hätten sie es hierher geschafft. Aber es geht weiter, "irgendwohin, wo unser Leben sicher ist. Wir sind müde, wütend, durstig", sagt Soroush und lehnt den Kopf an die Schulter seines Bruders.

"Wir sind sehr besorgt"

Ihm bleibt nicht viel Zeit, sie müssen los. Noch 1500 Meter gehen, durch zwei Tunnel, an einem Restaurant vorbei. Dann kommt die französische Grenze. Dahinter erstreckt sich Menton, wo Orangenbäume und Palmen die Straßen säumen, Einheimische an der Promenade joggen, Familien mit ihren Kindern spazieren gehen.

Hierhin wird es wohl noch viel mehr Migranten ziehen, vor allem Nordafrikaner. Fast täglich erreichen Boote Lampedusa. Am Mittwoch sind wieder zwei Einwanderer ertrunken, als ihr Schiff vor der Insel Pantelleria auf Grund lief. Erst vergangene Woche war ein Flüchtlingsboot gekentert.

Die meisten Tunesier sagen, sie wissen, was sie erwartet. Die gefährliche Fahrt, der beschwerliche Weg nach Frankreich. Die italienischen Aufenthaltsgenehmigungen sind eine Hoffnung für sie, und so warten sie in Ventimiglia. 300 harren inzwischen hier aus, oftmals müssen sie zwei Wochen auf die umstrittenen Papiere warten. Und jeden Tag treffen neue Menschen ein. Das Rote Kreuz fürchtet, dass die Zahl der Migranten in Ventimiglia deutlich steigen könnte. "Wir sind sehr besorgt", so Tommaso Della Longa, Sprecher der Hilfsorganisation.

Es gibt bereits eine provisorische Unterkunft, ein altes Haus der Feuerwehr vier Kilometer außerhalb der Stadt, dort können 150 Menschen abends essen und nachts schlafen. Das Essen soll sehr gut sein, an diesem Abend gibt es Cordon Bleu und Minestrone. Auch Kara steht in der Schlange, erst in einer halben Stunde werden er und die anderen Männer hereingelassen. "Wir müssen wieder warten, das ist alles. C'est la vie."

insgesamt 247 Beiträge
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Gereon, 14.04.2011
1. Freiheit...
Freiheit und Arbeit suche ich auch. Ich hätte gerne die Bevorzugung, die den Migranten gewährt wird....
deutscherlohnsklave 14.04.2011
2. ..
Ist es so unmöglich, einfach die Flüchtlinge mit großen Schiffen nach Hause zu fahren??
Hagen65 14.04.2011
3. Das Schicksal des Einzelnen rührt.
Gern reiche ich jedem die Hand, der Hilfe braucht. Und wenn nötig, gibts auch ein Dach über den Kopf und drei Mahlzeiten am Tag für ein paar Wochen. Wenn ich dann aber zehn davon in der Wohnung habe, und diese dann beschließen, dass ich langsam störe, weil ich ihre Situation nicht weiter verbessern kann ...
hirnbenutzer 14.04.2011
4. ....
"Ich suche Freiheit, ich suche Arbeit" Genau das ist das Problem! Freiheit heist bei uns auch Eigenverantwortung. Und was das Thema Arbeit angeht, so ist unser Arbeitsmarkt nun mal dahingehend entwickelt, dass in erster Linie qualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden. Ohne Qualifikation, keine Arbeit. Ohne Arbeit, kein Geld. Ohne Geld sozialer Status ganz unten und kein Luxus. Kein Status sehr viel Aggression, Neid und schließlich Ablehnung der westlichen Lebensweise... usw.
brux 14.04.2011
5. Tja
Man hätte erwähnen können, dass vor allem Deutschland eine gemeinsame Migrations- und Asylpolitik der EU verhindert. Offenbar glaubt man, dass unser wunderbares Land ein Magnet für die Elenden dieser Welt würde. Aber in diesen Fällen ist es eigentlich wurscht: Es gibt keine Arbeit für schlecht ausgebildete Nordafrikaner. Deren einzige Option ist am Ende die Sozialhilfe, die sich mit nachgeholter Ehefrau (oder gleich mehreren) und einer Kinderschar auch noch optimieren lässt. Die resultierenden Probleme kann man in den Vorstädten der grossen französischen Metropolen studieren. Man muss nicht jeden Fehler endlos wiederholen.
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