Flüchtlingsdrama auf Lampedusa Tunesien verbittet sich Einmischung Roms

Es ist ein gigantischer Flüchtlingsstrom, der die kleine italienische Insel Lampedusa erreicht. Angesichts der Menschenmassen hat Italien den humanitären Notstand ausgerufen - und will an der nordafrikanischen Küste Polizisten stationieren. Doch das lehnt die Regierung in Tunis entschieden ab.

AFP

Dubai - Die Insel Lampedusa, rund 150 Kilometer vor der nordafrikanischen Küste gelegen, ist nur 20 Quadratkilometer groß - und von dem plötzlichen Ansturm Tausender afrikanischer Flüchtlinge völlig überfordert. Mehr als 5000 Tunesier haben innerhalb der vergangenen fünf Tage das kleine Stückchen Ödland erreicht. Allein in der Nacht zum Sonntag erreichten 1100 Flüchtlinge das Ufer. Bei winterlichen Temperaturen harren sie auf der Hafenmole aus, andere warten in improvisierten Notunterkünften.

Der nicht abreißende Strom Tausender tunesischer Bootsflüchtlinge ist eine humanitäre Katastrophe - und sorgt für Streit zwischen beiden Ländern. Die tunesische Regierung wies am Sonntag den Vorschlag Italiens zurück, eigene Polizisten in das nordafrikanische Land zu entsenden, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen.

Der Sprecher der tunesischen Regierung, Taieb Baccouche, sagte dem Fernsehsender al-Arabija, der italienische Vorschlag sei "inakzeptabel". "Das tunesische Volk lehnt die Stationierung ausländischer Soldaten auf seinem Gebiet ab", sagte er und fügte hinzu, die Kontrolle der eigenen Küsten liege bei den tunesischen Behörden.

Italiens Innenminister Roberto Maroni hatte angekündigt, er werde das Außenministerium in Tunis um eine Erlaubnis für den Einsatz italienischer Polizisten auf tunesischem Territorium ersuchen. Die Beamten sollten verhindern, dass weitere Flüchtlinge sich auf den Weg nach Europa machten. Zudem sagte er, das tunesische System sei dabei "zusammenzubrechen".

Baccouche erklärte daraufhin, die Äußerungen Maronis seien nicht überraschend, da sie von einem Minister der "rassistischen extremen Rechten" kämen.

Massenfestnahmen auf Djerba

Seit der Vertreibung von Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali im vergangenen Monat hatte es eine Welle von Streiks und gewaltsamen Zusammenstößen in dem nordafrikanischen Land gegeben. Viele Polizisten sind nicht mehr zum Dienst erschienen. Tunesien hat seine Küstenwache mittlerweile personell aufgestockt, ist mit der Sicherung der Grenzen aber offensichtlich überfordert.

"Verstärkung wurde geschickt", hieß es am Sonntagabend aus Regierungskreisen in der Hauptstadt Tunis. Die Küstenwache arbeite "Tag und Nacht, um diesen Strom zu stoppen" und habe viele Menschen beim Versuch der Grenzüberquerung festgenommen. Nähere Angaben zur Art und Zahl der Verstärkung wurden nicht gemacht. Tunesien erlebe "eine außergewöhnliche Phase", zugleich sei das Problem der Bootsflüchtlinge mit Ziel Italien jedoch nicht neu, hieß es.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton wollte das Thema bei ihrem Besuch in Tunesien am Montag zur Sprache bringen. Ein Sprecher in Brüssel sagte, der Flüchtlingsstrom werde ein Nebenaspekt des eigentlichen Ziels des Besuches sein, bei dem es um demokratische Reformen in dem Land gehen solle. Zuvor hatte eine Sprecherin von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström erklärt, die EU sei sich "des außergewöhnlichen Drucks bewusst", der derzeit auf Italien laste. Malmström habe Kontakt mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex und mit Flüchtlingsorganisationen aufgenommen.

Das Flüchtlingslager auf Lampedusa hat regulär nur Platz für 800 Menschen. Wie viele Menschen sich genau auf der Insel befinden, ist unklar. Die Zahlen schwanken ständig, da weitere Boote die Insel anpeilen und gleichzeitig immer wieder Flüchtlinge in andere Lager nach Sizilien und aufs italienische Festland gebracht werden. Die tunesischen Behörden hielten Berichten zufolge rund 1500 Bürger an der Küste von einer Flucht ab. Allein auf der Insel Djerba seien 200 Menschen festgenommen worden.

amz/Reuters/AFP

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