Flüchtlingsdrama im Kongo "Die Menschen kämpfen ums Überleben"

Hunger, Hass und planlose Blauhelme: Die Flüchtlinge im Kongo leiden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet Alexander Bühler, Mitarbeiter der Caritas in Goma, wie einige wenige Rebellen die Macht erobern konnten - und warum es so schwierig ist, Hilfe zu leisten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bühler, Goma ist von den Truppen des Tutsi-Generals Laurent Nkunda eingeschlossen. Wie ist die Lage in der Stadt?

Bühler: Die Menschen kämpfen um ihr Überleben. Sie laufen ziellos in den Straßen Gomas umher in der Hoffnung, etwas Essbares auftreiben zu können. Die Menschen sind erschöpft. Sie haben tagelange Märsche hinter sich. Viele kam in Lumpen an, vom Regen durchnässt. Sie konnten kaum Habseligkeiten mit sich nehmen, weil sie ihre Kinder tragen mussten. Das wenige, was sie hatten, wurde ihnen von Soldaten genommen. In den Camps innerhalb der Stadt herrscht große Enge. 200 Menschen schlafen auf 40 Quadratmetern. Die Regierung behandelt die Flüchtlinge sehr restriktiv, weil sie verhindern will, dass Rebellen in die Lager einsickern. Außerdem soll es den Flüchtlingen nicht besser gehen als den Ortsansässigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in den Flüchtlingslagern außerhalb Gomas aus?

Bühler: Auch dort sind die Verhältnisse schlimm. Eine Familie muss in einem Zelt von vier Quadratmetern hausen. Auf der Suche nach Brennholz werden oft Frauen von Soldaten vergewaltigt. Bei der Nahrungsmittelausgabe bilden sich lange Schlangen. Die Menschen warten geduldig, bis sie aufgerufen werden. Für zehn Tage bekommen die Flüchtlinge: 50 Gramm Salz, 300 Milliliter Öl zum Kochen, 1,2 Kilo Bohnen und vier Kilo Mehl.

SPIEGEL ONLINE: Das soll reichen?

Bühler: Es kann nicht mehr verteilt werden. Es sind einfach zu viele Flüchtlinge. Das große Problem ist, dass das World-Food-Programm nur noch einen Zugangsweg nutzen kann, um Nahrungsmittel einzuführen. Die Zugangsroute aus dem Norden über Uganda ist wegen der Kämpfe dicht. Daher gehen die Vorräte schnell zu Neige. Gleichzeitig explodieren die Nahrungsmittelpreise in Goma: Bohnen, die hier Grundnahrungsmittel sind, sind in einer Woche um 150 Prozent im Preis gestiegen. Wasser ist sogar um 200 Prozent teurer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Aussichten für die Flüchtlinge?

Bühler: Wenn sich die Lage nicht bald entschärft, das heißt die Kämpfe andauern und mehr Menschen zu Flüchtlingen werden, wird es nicht mehr genügend Nahrungsmittel geben, und die humanitären Organisationen kommen nicht mehr zu den Flüchtlingen. Wir können die Flüchtlinge noch einen Monat versorgen, schätze ich. Aber das weiß keiner so genau. Die Flüchtlinge werden erst nach einer Woche in den Lagern registriert. Niemand kann sagen, wie viele Flüchtlinge wirklich in den Lagern sind.

SPIEGEL ONLINE: Rebellenführer Nkunda soll 6000 Kämpfer unter Waffen haben. Wie kann eine so kleine Truppe so viel Macht gewinnen?

Bühler: Die kongolesische Armee hat sich nie mit Ruhm bekleckert. Im Konfliktfall hat sie sich immer schnell wieder zurückgezogen. Sie hat die eigene Bevölkerung ausgeplündert. Nkunda und seine Truppen sind dagegen hoch motiviert, sie arbeiten in kleinen Einheiten.

SPIEGEL ONLINE: Was tun die Blauhelme der Uno im Land?

Bühler: Wenn die Uno-Mission Kampfhubschrauber gegen die Rebellen einsetzt, kann sie die Truppen nicht sofort identifizieren und könnte bei Schüssen auch Flüchtlinge erwischen. Dieses Risiko können sie nicht eingehen. Nkunda sitzt weiter in einer Bergregion, die schwer zugänglich ist, wo nur sehr kleine Verbände hinkommen. Außerdem zahlt die kongolesische Regierung ihren Soldaten oft nicht den Sold.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Effektivität der Uno-Friedenstruppen?

Bühler: Von den 17.000 Mann der Monuc sind nur 11.000 Soldaten. Die Soldaten stammen meist aus Entwicklungsländern und sind unzureichend bewaffnet. Entscheidend wird sein, ob auf die Nachbarländer Ruanda und Uganda entschieden internationaler Druck ausgeübt wird. Das könnte wirklich Sicherheit im Kongo bewirken.

SPIEGEL ONLINE: Ist mit einem Völkermord wie vor 14 Jahren in Ruanda zu rechnen?

Bühler: Nein, das glaube ich nicht. Wir stehen hier vor einer humanitären Katastrophe, aber ein Genozid an einer bestimmten Bevölkerungsgruppe passiert nicht. Auf jeden Fall sehen wir sehr viel ethnischen Hass: Die Ethnien bekämpfen sich untereinander. Aber das erfolgt nicht nach einem Plan wie in Ruanda. Es herrscht eine unglaubliche Spannung im Ostkongo. Die Menschen hoffen nur, dass sie den morgigen Tag noch erleben. Sie hoffen lediglich, dass die nächste Hilfslieferung durchkommt.

SPIEGEL ONLINE: Wer kann sonst noch helfen? Die Europäische Union?

Bühler: Die Europäische Union müsste zur Verstärkung der UN-Truppen eigene Soldaten entsenden und diese Truppen müssten mit einem klaren Auftrag auch an die Brennpunkte gehen, um die Konfliktparteien zu trennen. Da ist die Frage, ob europäische Politiker den möglichen Tod von europäischen Soldaten für ein afrikanisches Land in Kauf nehmen.

Das Interview führte Jan Hauser

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