Flüchtlingsdrama In den Wäldern der Verzweifelten

Hunderte Schwarzafrikaner hausen in den Wäldern rund um die spanische Exklave Ceuta, die mit meterhohen Mauern gesichert ist. Sie hoffen bei einem Massenansturm dabei zu sein, um nach Europa zu gelangen. Beim letzten Versuch starben fünf Menschen. Ein Besuch bei den Überlebenden.

Aus Bel Yunech und Ceuta berichtet Yassin Musharbash


Bel Yunech/Ceuta - Die selbst gebaute Leiter, mit der sie von der Dritten in die Erste Welt klettern wollten, liegt in Stücke gebrochen auf dem Boden, ein Teil mit sechs Sprossen hier, eines mit vier Sprossen dort drüben. In wochenlanger Arbeit hatten sie die Leiter zusammengebastelt, aus den geschälten Ästen hartleibiger Bäume. Die Querstreben sind fest mit schwarzem Gummi und grauen Stoffstreifen verknotet. Alles umsonst: 50 Männer und eine Frau, schwanger, sitzen mit leeren Blick vor den Holztrümmern, vor dem zerborstenen Traum. Jetzt haben sie aufgegeben - und sich heute der marokkanischen Armee gestellt.

Warten auf Essen und Wasser: Afrikanische Flüchtlinge in der spanischen Exklave Melilla
AP

Warten auf Essen und Wasser: Afrikanische Flüchtlinge in der spanischen Exklave Melilla

"Ich habe anderthalb Jahre hier im Wald gelebt", sagt Turi, ein 32-Jähriger aus der Elfenbeinküste. "Andere noch länger." Drei Mal hat er versucht, den zwölf Kilometer vom Camp entfernten, drei Meter hohen Zaun zu überwinden, der Marokko von Spanien trennt. Ceuta, ein gutes Dutzend Quadratmeter EU an der Nordspitze Afrikas - das war das Ziel all derer, die hier jetzt sitzen, in Lumpen gehüllt und mit kaputten Schuhen.

Wer es in die Exklave schafft, die seit 500 Jahren zu Spanien gehört, hat gute Chancen in der EU unterzutauchen und - für afrikanische Verhältnisse - bescheidenen Wohlstand als Gelegenheitsarbeiter auf der Iberischen Halbinsel zu erreichen. Denn abgeschoben werden können die meisten nicht; Papiere hat bewusst keiner dabei.

Drei Jahre hat dieses Waldcamp in Bel Yunech existiert, heute wird es aufgelöst: Dutzende Fahrzeuge und Jeeps der marokkanischen Armee, auf denen die Bezeichnung "Hilfskräfte" steht, parken auf der Lichtung. Die Afrikaner haben sich selbst gestellt. Sie gehören zu den vierhundert Migranten, die vorgestern versuchten, den Zaun zu überklettern. Fünf Menschen fanden den Tod, mindestens zwei, so heißt es derzeit, wurden erschossen. "Ich bin müde", sagt Turi. "Ich kann nicht mehr."

"Ein Spanier zog eine Pistole"

Turi ist auch traurig, und sehr wütend: "Einer der Getöteten war mein Freund", sagt er. Youssef, sagt Turi, kam auch aus der Elfenbeinküste. "Ich habe es gesehen: Als er ganz oben auf der Leiter stand, zog ein spanischer Polizist eine Pistole und schoss ihm in die Brust", beteuert Turi. Und wiederholt: "Ich habe es gesehen!" Die Schüsse haben mittlerweile eine hitzige Diskussion in Spanien ausgelöst. Noch läuft die Untersuchung, doch nach Angaben spanischer Korrespondenten behaupten einige der Mitglieder der Guardia Civil, dass auch die marokkanische Polizei geschossen habe. Die Einwohner des marokkanischen Dorfes an der Grenze bezeugen diese Version. Marokkanische Polizisten und Soldaten winken dagegen ab: "Das ist doch gar nicht unser Problem. Wir mischen uns da nie ein."

Sicherheitszaun in Ceuta: Spanische Einsatzkräfte bewachen das Gelände
DPA

Sicherheitszaun in Ceuta: Spanische Einsatzkräfte bewachen das Gelände

Wie ein Beweis für diese Behauptung wirkt die Hilflosigkeit der marokkanischen Soldaten angesichts der 51 vor ihnen kauernden Afrikaner. Sie stehen daneben, sagen nichts, stundenlang. Die Afrikaner ziehen sich ihre dünnen Decken enger um die Körper.

Ein Oberst, der schließlich dazu gerufen wird, weiß auch nicht weiter: Soll er die internationale Presse anschreien und vertreiben oder ihnen erlauben, mit den Migranten zu sprechen? Er wechselt seine Meinung im Minutentakt, rennt aufgeregt hin und her.

Wasserkanister liegen verstreut auf dem Boden, eine geschwärzte Felswand zeigt, wo die Flüchtlinge gekocht haben. Halbhohe, dichte Nadelbäume bieten Sichtschutz.

Der Wind rollt einige leere Plastikflaschen hin und her, es riecht nach Urin. Wovon habt ihr gelebt? "Ratten", sagt einer, "wir haben Ratten gebraten." Das Wasser stammt von marokkanischen Helfern, die mit dem, was man als Bettler oder Gelegenheitsschwarzarbeiter verdienen konnte, bezahlt werden. "Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit, wenn man draußen schläft und nie mit seiner Frau und seinen Kindern sprechen kann", sagt Turi. Er weiß nicht, was die Marokkaner jetzt mit ihnen machen werden. Der Oberst bestellt Wagen.

Turi will nach Hause

Mehrere Wochen habe er für den Weg aus der Elfenbeinküste nach Marokko gebraucht, habe Mali durchquert und Algerien, erzählt Turi. Seinen Gefährten geht es ähnlich, fast alle stammen aus Westafrika, aus Guinea-Bissau zum Beispiel. Die meisten sind nicht aus politischen Gründen geflohen, sondern wegen der grassierenden Armut oder der wirschaftlichen Perspektivlosigkeit in ihren Ländern. Sie haben entweder Geld an Schlepper bezahlt, sie hierher zu schaffen, oder sind wochenlang gelaufen und getrampt, wie Turi. Fast alle haben Frau und Kinder in der Heimat. Turi hat zwei Söhne und eine Tochter.

Die Marokkaner werden sie vermutlich an der algerischen Grenze abladen, mutmaßen sie. Einige werden von dort erneut versuchen, in das gelobte Land Spanien einzudringen: Entweder wieder in Ceuta, oder in der zweiten Exklave, 300 Kilometer weiter östlich, in Melilla. Andere, wie Turi, sagen: "Ich wünschte, sie würden uns wirklich deportieren, bis nach Hause. Ich kann nicht mehr, ich habe alles versucht."

Das Problem wird sichtbar

Seit Jahren sehen sich Ceuta und Melilla einem regelrechten Ansturm afrikanischer Migranten ausgesetzt. Der Zaun wird immer höher, der Stacheldraht immer dichter. Früher reichte es, ein Loch in den Zaun zu schneiden. Heute, wo es überall Sensoren gibt und die Spanier regelmäßig patrouillieren und den Grenzstreifen und gleißendes Licht tauchen, gilt als beste Methode: zu Hunderten zugleich loszustürmen. Doch seit vorgestern sind nicht nur Spanier und Marokkaner und die EU verunsichert, ob Schüsse die Antwort sein können. Auch die Migranten ahnen, dass der Weg ins vermeintliche Paradies immer schmaler wird.

Hunderte leben noch immer in anderen Camps in der Umgebung. Die Wälder um Ceuta sind die Wälder der Verzweifelten. Die Marokkaner in den kleinen Dörfern an der Straße wissen von den Lagern, erzählen von Gestalten in der Nacht, Stimmen im Dickicht. Einige verdienen an den Migranten. Turis Gruppe ist die erste, die sich nun freiwillig gestellt hat; es ist auch - wohl nicht zuletzt wegen der spanisch-marokkanischen Konsultationen in den vergangenen Tagen - der erste Fall, in dem die Marokkaner etwas Substantielles und Sichtbares unternehmen. Bislang schauten sie gern weg - schließlich versuchen täglich auch Dutzende Marokkaner in winzigen Nussschalen von hier aus nach Spanien überzusetzen. Die Afrikaner sind nicht ihr Hauptproblem. Aber jetzt ändert sich etwas an der Nahtstelle zwischen Erster und Dritter Welt. Das jahrelang vernachlässigte Problem ist durch die Todesschüsse dringlich geworden. Die Spanier schicken jetzt Soldaten zum Schutz der Grenze.

Für Turi ist der Traum, der zum Alptraum wurde, in jedem Fall zu Ende. Er wird sich auf den Rückweg machen, sobald ihn die Marokkaner frei lassen. Tausende Kilometer durch Afrika, mit nichts als einem Hemd, einem Pullover, einen dünnen Wildelederjacke, einer abgetragenen Hose und kaputten, weißen Turnschuhen. Ohne einen Pfennig Geld. Er wird als Verlierer zuhause ankommen, aber er will einfach nicht mehr. "Zu demütigend, zu gefährlich", flüstert er. Auf dem langen Weg nach Hause, das weiß er, werden ihm Hunderte entgegenkommen.



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