Flüchtlingsdrama Israel stimmt Luftbrücke in den Libanon zu

Hoffnung für Hunderttausende Flüchtlinge im Libanon: Israel hat einer internationalen Luftbrücke nach Beirut zugestimmt, über die Hilfsgüter ins Land gebracht werden können. Bei ihren diplomatischen Bemühungen für einen dauerhaften Frieden kommt US-Außenministerin Rice jedoch nicht voran.


Jerusalem/Beirur/Ramallah - Es war das einzige gute, greifbare Ergebnis des Tages: Israel will Hilfsflüge in den Libanon erlauben. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte US-Außenministerin Condoleezza Rice bei ihrem Treffen in Jerusalem zu, eine Luftbrücke in die libanesische Hauptstadt Beirut zu dulden, mit der die wachsende Not der Bevölkerung gemindert werden soll. Olmerts Büro teilte als Ergebnis des Gesprächs mit Rice mit, Israel werde nach vorheriger Absprache Flugzeugen mit Hilfsgütern die Landung in Beirut gestatten.

Bei Beginn des Krieges am 12. Juli hatte Israel eine Luft- und Seeblockade gegen den Libanon verhängt. Olmert sagte zu Beginn des Treffens, seine Regierung sei sich der Leiden der libanesischen Zivilisten bewusst. Nach Schätzungen der Regierung in Beirut sind eine halbe Million Menschen auf der Flucht, deren Lage sich dramatisch verschlechtert. Die Uno hatte gestern 150 Millionen Dollar Soforthilfe gefordert.

Bei dem Gespräch mit Rice sicherte Olmert auch zu, dass die israelische Marine weiterhin Hilfslieferungen in die libanesischen Häfen durchlassen werde. Auch werde seine Regierung der Einrichtung eines Landkorridors zustimmen, auf dem Versorgungsgüter von israelischem Gebiet in den Libanon gebracht werden könnten. Rice hatte sich in dem Gespräch mit Olmert besorgt über die Lage für die Zivilbevölkerung im Libanon geäußert.

Die Zugeständnisse bei der humanitären Hilfe ändern jedoch nichts an der unnachgiebigen Haltung Israels bei ihren Militäraktionen. Israel sei entschlossen weiterzukämpfen, lautete die eindeutige Botschaft Olmerts für die US-Ministerin. Der Premier kündigte eine Fortsetzung des Kampfes gegen die radikal-islamische Hisbollah mit "härtesten Mitteln" an. Offenbar will Israel im Südlibanon bis zur Ankunft internationaler Truppen eine Sicherheitszone einrichten. "Wir haben keine andere Option ... Wir werden einen Pufferstreifen errichten, einen Sicherheitsstreifen, der einen Schild für unsere Truppen sein wird, bis internationale Truppen übernehmen", sagte Verteidigungsminister Amir Perez.

Rice hatte zuvor für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten geworben. "Israelis, Libanesen und Palästinenser haben zu lange mit der Angst, dem Schrecken und der Gewalt gelebt", sagte sie am Rande des Treffens mit Olmert. "Wir müssen tun, was wir können, um die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden zu legen."

"Zeit für einen neuen Nahen Osten"

Die "Kräfte des Friedens und der Demokratie" sollten gestärkt werden, so Rice. "Es ist Zeit für einen neuen Nahen Osten", fügte sie hinzu. Schon am Abend zuvor hatte Rice nach einem Treffen mit Israels Außenministerin Zipi Livni betont: "Jeglicher Frieden muss auf dauerhaften Prinzipien beruhen, nicht auf kurzfristigen Lösungen." Die Töne der israelischen Regierung blieben jedoch vorerst hart. Olmerts Stellvertreter Schimon Peres bezeichnete die Offensive gegen die Hisbollah in einer Rede vor der Knesset als eine "Frage von Leben und Tod". Olmert selbst wies darauf hin, dass Israel mit der Militäroffensive nicht das libanesische Volk treffen wolle. "Wir kämpfen gegen die Hisbollah", versicherte er.

Auch bei Rice' Überraschungs-Besuch gestern Abend im Libanon waren keine Zeichen des Entgegenkommens zu erkennen. Rice hatte in Beirut deutlich gemacht, dass ein Waffenstillstand erst nach dem Abzug der von Syrien und Iran unterstützten Hisbollah aus dem Südlibanon in Frage komme. Der als Mittelsmann eingesetzte libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri lehnte die US-Bedingungen jedoch ab. Diese seien gefährlich und würden das Land spalten.

Das Gespräch zwischen Berri und Rice war libanesischen TV-Berichten zufolge "in einem sehr negativen Ton" verlaufen. Er habe Rice den libanesischen Standpunkt dargelegt, sagte Berri. Der von den USA geforderte Rückzug der Hisbollah aus dem Grenzgebiet zur Israel würde nur neue, interne Kämpfe provozieren. Berri stellte in Aussicht, dass die beiden von der Hisbollah verschleppten israelischen Soldaten ausgetauscht werden könnten, wenn ein Waffenstillstand erreicht ist und die durch die Kriegshandlungen vertriebenen Bürger in ihre Dörfer im Südlibanon zurückkehren können. Er sei grundsätzlich jedoch nur gewillt, über den zweiten Schritt des amerikanischen Vorschlags - die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe - zu diskutieren.

"Wie nach einer Atombombe"

Drastisch beschrieb Berri gegenüber US-Außenministerin Rice das Ausmaß der Zerstörungen im Libanon. "Ich habe ihr gesagt, dass das Ausmaß der Zerstörungen denen einer Atombombe gleichkommt", sagte Berri heute in einem Interview des arabischen Fernsehsenders al-Arabija. Der Führer der schiitischen Amal-Organisation verfügt über gute Kontakte zur Hisbollah-Bewegung, die 1982 aus der Amal-Miliz hervorgegangen war.

Nach ihrer Visite in Jerusalem reiste Rice zu einem Treffen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Abbas forderte nach dem Treffen mit der US-Chefdiplomatin eine unverzügliche Waffenruhe und die Einstellung der israelischen Militäroffensiven im Libanon und im Gaza-Streifen. Vor seinem Amtssitz in Ramallah protestierten etwa 2000 Palästinenser gegen die US-Regierung.

Nach ihrem Nahost-Besuch will Rice morgen mit Kollegen aus 13 Staaten, darunter auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), in Rom zusammenkommen, um über Auswege aus der Krise zu sprechen. Nach italienischen Angaben hat das Treffen die vordringlichste Aufgabe, Wege zu einer Waffenruhe zu finden. Weiter stünden die Organisation einer multinationalen Truppe sowie humanitäre Probleme der Zivilbevölkerung im Krisengebiet mit an der Spitze, sagte der italienische Ministerpräsident Romano Prodi in Rom. "Die Konferenz muss die grundsätzlichen Probleme direkt angehen", forderte Prodi.

Neue Luftschläge und Raketenangriffe

Die Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah gingen indes mit unverminderter Härte weiter. In einem Dorf im Norden Israels wurde heute ein 15-jähriges arabisch-israelisches Mädchen durch eine von der Hisbollah abgefeuerte Rakete getötet. Nach Angaben der Ärzte wurde die Jugendliche im elterlichen Haus in Mghar bei Karmiel tödlich getroffen. Bei dem Raketenbeschuss wurden vier weitere Menschen verletzt. Am Morgen waren auch in der Hafenstadt Haifa Hisbollah-Raketen eingeschlagen. Dabei gab es fünf Verletzte.

Israelische Kampfflugzeuge bombardierten heute erneut den Südlibanon und den als Hisbollah-Hochburg geltenden Süden Beiruts. Dabei wurden mindestens zwölf Zivilisten getötet. 20 weitere Menschen wurden verletzt. Beirut wurde Augenzeugen zufolge von fünf heftigen Explosionen erschüttert, während Raketen in die südlichen Vororte einschlugen. Über der Stadt stieg dichter Rauch auf. Auf Dörfer und Städte im Süden des Landes wurden libanesischen Sicherheitskräften zufolge mehr als hundert Angriffe geflogen.

phw/dpa/Reuters/AFP



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