Flüchtlingsdrama Mitarbeiter von Cap Anamur frei und in der Kritik

Die drei in Italien festgenommenen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur sind frei. Doch die Probleme könnten für sie jetzt erst richtig beginnen. In Italien droht ihnen der Prozess, in der eigenen Organisation reichlich Ungemach. Selbst der Gründer von Cap Anamur geht hart mit seinen eigenen Leuten ins Gericht.

Berlin/Rom - Vier Tage nach ihrer Festnahme in Italien ordnete ein Haftrichter die Freilassung der drei Cap-Anamur-Mitarbeiter an. Nach einem Haftprüfungstermin setzte der Richter in Agrigent Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel und Kapitän Stefan Schmidt sowie den russischen Ersten Offizier am Freitag auf freien Fuß. Ihr Aufenthaltsort war jedoch zunächst unklar. Sie wurden nach Angaben eines Cap-Anamur-Sprechers am Abend in Polizeiwagen aus dem Gefängnis an einen unbekannten Ort gefahren.

Erledigt ist die Sache für die drei Männer jedoch damit noch nicht. Der Untersuchungsrichter ordnete zwar die Freilassung an, bestätigte aber zugleich den von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Den Cap-Anamur-Mitarbeitern droht daher eine Anklage und ein Prozess.

Auch was aus dem Schiff wird, ist unklar. Der Richter bestätigte die Beschlagnahmung, damit könnte es im Falle einer Verurteilung von Bierdel und seiner Leute sogar verschrottet werden.

Derweil kommen immer mehr Zweifel am Vorgehen der Hilfsorganisation auf. Selbst Gründer Rupert Neudeck wollte nicht ausschließen, dass die spektakuläre Rettung von Bootsflüchtlingen zumindest teilweise für die Medien inszeniert wurde. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte er: "Mit dem Credo der Hilfsorganisation, die ich gegründet habe, hat das Unternehmen, das wir jetzt portionsweise nachträglich vorgeführt bekommen, nichts zu tun." Man müsse das Vertrauen der Bevölkerung in die klassische Rettungsorganisation "Cap Anamur" wiederherstellen.

"Man darf niemals das Unglück und die Lebensrettung, die man betrieben hat, für neue Public Relation gebrauchen oder gar missbrauchen", sagte auch Cap-Anamur-Förderkreismitglied Freimut Duve heute im Deutschlandfunk.

Der PDS-Europaparlamentarier Tobias Pflüger, der beim Haftprüfungstermin anwesend war, sagte in der ARD, dass bei den beiden Deutschen Auflagen erlassen worden seien. Sie dürften sich offenbar nicht mehr an bestimmten Orten aufhalten. Bierdels Anwalt, Michael Hofmann, sagte, Recht habe vor Ungerechtigkeit gesiegt.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte in Heidenheim, er freue sich, dass Untersuchungshaft für die Cap-Anamur-Mitarbeiter vermieden worden sei. Er sehe keinen Grund, für Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens.

Die italienische Justiz wirft der Hilfsorganisation Begünstigung illegaler Einwanderung vor. Sie hatte in einem tagelangen Nervenkrieg mit den italienischen Behörden erzwungen, dass 37 angeblich in internationalen Gewässern von dem Schiff "Cap Anamur" aus einem Boot gerettete afrikanische Flüchtlinge in Sizilien an Land gehen konnten.

Zweifel bei Bundesregierung

Auch die Bundesregierung äußerte zunehmende Zweifel an den von Cap Anamur berichteten Umständen der Aufnahme der Flüchtlinge. Ob es sich um Hilfe aus Seenot oder um Beihilfe zur illegalen Einwanderung nach Italien gehandelt habe, könne noch nicht abschließend bewertet werden, erklärte der stellvertretende Regierungssprecher Hans-Hermann Langguth.

Der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Rainer Lingenthal, verwies auf Fernsehberichte von gestern, in denen Tatbestände ausgebreitet worden seien, die "hinter eine ganze Menge von Dingen Fragezeichen" setzten. Das gelte etwa für die ursprünglich behauptete Herkunft der Afrikaner aus der Bürgerkriegsregion Darfur im Sudan. "Man muss davon ausgehen, dass die italienischen Behörden Anlass haben, die Sache zu prüfen", betonte Lingenthal. Es stünden Dinge im Raum, die auch nach deutschem Recht strafbar wären.

Die meisten der 37 Afrikaner hatten angegeben, aus dem kriegserschütterten Sudan zu stammen. Nach ihrer Ankunft teilten die italienischen Behörden mit, 30 von ihnen stammten in Wirklichkeit aus Ghana, sechs aus Nigeria und einer aus dem Niger. Die italienischen Behörden prüfen derzeit Asylanträge der Afrikaner, die sich in einem sizilianischen Aufnahmelager befinden. Die Gemeinde Venedig bot unterdessen an, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Die Hilfsorganisation "Cap Anamur" hat sich seit den siebziger Jahren mit Aktionen für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten einen Namen gemacht. Am Anfang stand die Rettung vietnamesischer Bootsflüchtlinge ("Boat-People"), die über das südchinesische Meer in die Freiheit entkommen wollten. Mehr als 10.000 Boat-People konnten damals aus dem Meer gerettet werden. Später entstand aus dieser Hilfsaktion das Notärzte-Komitee "Cap Anamur". Es folgten Einsätze rund um den Globus: Somalia, Uganda, Äthiopien, Sudan, Eritrea, dann Afghanistan, Vietnam und Nordkorea sowie später auch Bosnien, Kosovo und Mazedonien.

Die Hilfsorganisation wird seit zwei Jahren von Elias Bierdel geleitet. Der Gründer von "Cap Anamur", Rupert Neudeck, hatte sich aus der Organisationsarbeit zurückgezogen und die "Grünhelme" gegründet.

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