Asylpolitik "Die Flüchtlingskrise ist nicht vorbei"

Die EU-Staaten haben eine Chance verspielt, kritisiert die amerikanische Migrationsexpertin Heath Cabot. Anstatt das Asylsystem nach der Notsituation 2015 zu reformieren, bekämpften sie lediglich die Symptome.

Flüchtlingslager in Idomeni
DPA

Flüchtlingslager in Idomeni

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Professor Cabot, in Deutschland herrscht die Meinung vor, die Flüchtlingskrise sei mehr oder weniger bewältigt. Sie forschen seit Jahren an den Grenzen Europas, vor allem in Griechenland. Was ist Ihr Eindruck?

Heath Cabot: Die Öffentlichkeit hat sich auf einen einzelnen Moment fixiert, auf den Sommer und Herbst 2015, als Hunderttausende Menschen über die Türkei und Griechenland nach Mittel- und Nordeuropa kamen. Danach geriet das Thema Migration schnell wieder in den Hintergrund. Die Flüchtlingskrise ist nicht vorbei. Sie hat sich nur vorübergehend verlagert - an die Ränder des Kontinents und darüber hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Die EU hat unter der Führung Deutschlands einen Deal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschlossen, damit dieser Migranten von Europa fernhält.

Cabot: Für Deutschland ist das bequem: Das Land kann sich weiter für seine Willkommenskultur feiern lassen, während Drittstaaten die "schmutzige" Arbeit des Grenzschutzes übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land in Europa.

Zur Person
  • Isabella Frangouli
    Heath Cabot, 39, ist Professorin für Anthropologie an der Universität Pittsburgh. Sie forscht zu Migration, Asyl, Staatsbürgerschaft und ist Autorin des vielbeachteten Buchs "On the doorstep of Europe: Asylum and Citizenship in Greece". Das Interview ist am Rande der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie entstanden.

Cabot: Richtig. Das Problem aber ist, dass die strukturellen Mängel im europäischen Asylsystem nicht beseitigt wurden. Die EU setzt nach wie vor auf Abschottung, obwohl diese Strategie für alle sichtbar gescheitert ist. Und auch Dublin III...

SPIEGEL ONLINE: ...jenes umstrittene Abkommen, wonach Flüchtlinge lediglich in dem EU-Land Asyl beantragen können, welches sie zuerst betreten....

Cabot: ...ist nach wie vor in Kraft. Die EU hat eine große Chance verspielt. Die Mitgliedstaaten hätten aus der Notlage 2015 lernen und ihre Asylpolitik grundlegend reformieren müssen. Stattdessen bekämpfen sie nach wie vor lediglich die Symptome. Ich halte es deshalb durchaus für möglich, dass sich eine Situation wie 2015 bald noch einmal wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit den Migranten, die heute in Griechenland ankommen?

Cabot: Die meisten von ihnen stecken über Monate auf den Inseln fest, da ihre Anträge - anders als versprochen - nicht bearbeitet werden. Die Flüchtlinge wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Werden sie zurück in die Türkei geschickt? Kommen sie irgendwann von den Inseln runter? Diese Ungewissheit ist zermürbend.

SPIEGEL ONLINE: Wollen die Migranten, die sie gesprochen haben, in Griechenland bleiben? Oder plant eine Mehrheit, weiter zu fliehen nach Nordeuropa?

Cabot: Viele haben inzwischen gar keine andere Wahl als zu bleiben. Denn die Balkanroute ist dicht. Einige haben sich in Griechenland eine Existenz aufgebaut. Der griechische Staat reagiert nur sehr langsam auf diese neue Lage. Es gibt keinen Plan für die Neuankömmlinge. Die Regierung setzte bislang darauf, dass die Flüchtlinge weiterziehen oder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Nun ist sie gezwungen, umzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission hat vor Jahren entschieden, Abschiebungen von Geflüchteten nach Griechenland aufgrund der prekären Bedingungen in dem Land auszusetzen. Nun hat Brüssel den Beschluss revidiert. Zurecht?

Cabot: Nein. Diese Entscheidung ist Ausdruck der alten Logik: Die reichen Länder in der Mitte Europas zeigen auf die Staaten am Rand und sagen: Kümmert ihr euch mal um die Flüchtlinge. Europa braucht einen Paradigmenwechsel: Der gesamte Kontinent muss Verantwortung für Schutzsuchende übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Griechenland durch die Migration in den vergangenen Jahren verändert?

Cabot: Die Gesellschaft ist offener geworden, multikultureller. Ich bin beeindruckt von der Empathie, die ich in Griechenland erlebt habe. Die Bürger haben Jahre harscher Sparpolitik hinter sich, und trotzdem setzen sie sich für Geflüchtete ein. Ich habe den Eindruck, viele Griechen können sich in die Situation der Geflüchteten hineinversetzen. Denn auch sie wissen durch die Eurokrise, was es heißt, mit wenigen Ressourcen auskommen zu müssen und nicht zu ahnen, was die Zukunft bringt.

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