Lager an griechischer Grenze Flüchtlinge in Idomeni wehren sich gegen Räumung

Die griechische Regierung will das Flüchtlingslager in Idomeni räumen und lockt mit Versprechen. Doch die Bewohner weigern sich zu gehen. Vor Zwang schreckt die Polizei zurück - noch.

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In der Theorie klingt es ganz einfach: "Idomeni wird geschlossen. Punkt", sagt Tzanetos Filippakos aus dem griechischen Innenministerium zu SPIEGEL ONLINE. In der Realität will kaum einer der mehr als 10.000 Flüchtlinge in den verwahrlosten Camps an der griechisch-mazedonischen Grenze seinen Platz räumen.

Die griechische Regierung beharrt darauf, dass die Zeltstadt bis Ende Mai geräumt sein wird. Am Freitag startete sie ihren bislang am besten organisierten Versuch: Beamte zogen von Zelt zu Zelt, um die Flüchtlinge vom Umzug in Ersatzunterkünfte zu überzeugen.

Der Erfolg war minimal: Nicht einmal fünfzig Menschen folgten der Aufforderung. Sie füllten nicht mal einen einzigen Bus.

Die griechischen Beamten geben noch nicht auf: "Wir versuchen es morgen wieder. Hoffentlich mit mehr Erfolg", sagt einer. Für die Flüchtlinge, sagt er, könnte es die letzte Chance sein, den Slum an der Grenze zu verlassen.

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Lager in Idomeni: Das Misstrauen der Flüchtlinge

Die Regierung will den Einsatz von Gewalt verhindern - aus gutem Grund. "Um so viele Menschen zu evakuieren, bräuchten wir eine kleine Armee. Gewaltsame Zusammenstöße wären garantiert", sagt ein Beamter. Aber was ist die Alternative?

Beamte leisten Überzeugungsarbeit - Zelt für Zelt

Auch Innenministeriumsvertreter Filippakos bleibt im Ungefähren, als er bei seinem Besuch in Idomeni nach den nötigen Maßnahmen für eine Räumung gefragt wird. "In Griechenland herrschen Gesetze. Flüchtlinge müssen sich daran halten", war seine kryptische Antwort.

So bleiben fürs Erste nur Überzeugungsversuche: In Jeans und T-Shirt zieht ein Beamter des Migrationsministeriums am Freitag von Zelt zu Zelt, begleitet von zwei Übersetzern von Hilfsorganisationen und einem Polizisten in Zivilkleidung, um "die Leute nicht zu erschrecken".

Der Beamte hat einen Stapel Broschüren in Arabisch und Farsi in der Hand und wiederholt die immer gleichen Argumente: "Die Grenze wird nicht mehr geöffnet. Idomeni wird demnächst geschlossen. Sie müssen in die Ersatzunterkünfte umziehen", sagt er. "Es ist zu Ihrem Besten. Dort gibt es Essen, Wasser, Sicherheit, Gesundheitsversorgung und Sie können Asyl beantragen."

Dann fleht der Beamte die Flüchtlinge geradezu an, Griechenlands angeschlagener Volkswirtschaft weitere Belastungen zu ersparen. "Wir wollen Ihnen helfen. Aber Sie müssen uns auch helfen. Wenn Sie hier bleiben, laden Sie unserer Wirtschaft weitere Belastungen auf." Das Flüchtlingslager blockiert eine wichtige Bahnstrecke, die Griechenland mit seinen europäischen Märkten verbindet, was zu Millionenschäden führt.

Asylverfahren "vielleicht in einem Monat"

Viele Flüchtlinge hörten genau zu, folgten der Aufforderung aber nicht. Oft glauben sie Gerüchten, die im Lager kursieren. "Ihr wollt uns in den Lagern einsperren", sagt einer. "Wir haben gehört, dass Serbien die Grenze geöffnet hat" oder "Deutschland nimmt angeblich Tausende direkt aus Idomeni".

Andere fürchten um das Wenige, das sie sich in Idomeni aufgebaut haben. Es gibt dort Straßenhändler, Läden, Friseure, eine Bäckerei und eine Cafeteria. "Ich bin Raucher", sagt ein Syrer, als der griechische Beamte bei ihm vorbeikommt. "Wenn ich ins neue Lager ziehe, woher bekomme ich Zigaretten?"

Doch auch das Versagen Griechenlands und Europas, die Flüchtlingskrise zu managen, verunsichert die Bewohner in Idomeni. Das Versprechen schneller Asylverfahren, mit dem der Beamte lockt, ist leer. Mehrere Beamte bestätigen SPIEGEL ONLINE, dass Asylverfahren nicht unmittelbar aufgenommen werden können, aus Personalmangel. "Vielleicht in einem Monat", sagt einer.

Die Migranten in Idomeni wissen das, sie stehen in Kontakt mit Bewohnern der neuen Lager. In Idomeni wähnen sie sich zumindest näher an Deutschland, wo die Verwandten vieler Flüchtlinge bereits leben. "Vielleicht habt ihr recht, und die neuen Lager sind wundervoll", sagt eine Syrerin zu den Beamten. "Aber selbst das Paradies ist die Hölle, wenn deine Angehörigen nicht da sind."

Übersetzung aus dem Englischen: Alexander Demling



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