Flüchtlingstragödie in Österreich Laster mit Toten soll in Kühlhaus untersucht werden

Ein Lastwagen voller Toter, abgestellt an einer Autobahn: Die Flüchtlingstragödie in Österreich sorgt für Entsetzen - und wirft viele Fragen auf. Was wir bisher wissen und was nicht.
Laster mit toten Flüchtlingen: Der Lkw wird in ein Kühlhaus gebracht

Laster mit toten Flüchtlingen: Der Lkw wird in ein Kühlhaus gebracht

Foto: Roland Schlager/ dpa

Es war ein grausiger Fund: Dutzende tote Flüchtlinge sind in Österreich am Donnerstag in einem Lastwagen entdeckt worden. Unter den Leichen seien vermutlich auch Frauen und Kinder, teilte die Polizei am Abend mit. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Fall:

  • Wie viele Opfer sind es?

Die Polizei hat Mühe, die Anzahl der Leichen zu bestimmen. Die Angaben schwanken zwischen 20 und 50 Toten. Die Leichen sind Behördenangaben zufolge bereits verwest. Noch am Donnerstag soll der gesamte Lkw in das Kühlhaus einer ehemaligen veterinärmedizinischen Anstalt abgeschleppt und dort genauer untersucht werden.

  • Wie wurden die Leichen entdeckt?

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Der Lastwagen ist auf einer Autobahn im Burgenland abgestellt worden. Der eigentlich für Lebensmittel ausgelegte Kastenwagen wurde auf einem Pannenstreifen an der Autobahn 4 bei Parndorf (Bezirk Neusiedl am See) entdeckt - unweit der österreichisch-ungarischen Grenze. Einem Mitarbeiter der Autobahnmeisterei war das Fahrzeug aufgefallen, als er mit Mäharbeiten beschäftigt war. Das meldet der österreichische Sender ORF.   Die Autobahn 4 sei als Schlepperroute bekannt. Polizisten griffen dort regelmäßig Flüchtlinge auf, sagte die österreichische ARD-Korrespondentin Susanne Glass am Abend in einem "Brennpunkt".

  • Woher kommen die toten Flüchtlinge?

Ersten Ermittlungen zufolge waren die Flüchtlinge mit dem Laster in der Nacht aus Ungarn gekommen. Der 7,5 Tonnen schwere Lastwagen war nach Behördenangaben am Mittwoch noch im Raum Budapest gesehen worden. Von der genaueren Untersuchung des Lkw erhoffen sich die Beamten Hinweise auf die Identität der Menschen - sowie darauf, aus welchen Herkunftsländern sie kamen und wohin sie wollten. Wann genau der Lkw am Fundort abgestellt wurde, sei noch unklar, teilte die österreichische Polizei mit.

  • Woran starben die Menschen?

Die Todesursache ist derzeit nicht geklärt. Ob die Menschen beim Transport erstickten, wie in verschiedenen österreichischen Medien vermutet wurde, konnte die Polizei zunächst nicht sagen. Laut einem Bericht der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" sollen die Leichen am Freitag in die Wiener Gerichtsmedizin gebracht werden. Die Zeitung zitiert auch den österreichischen Landespolizeidirektor, wonach der Todeszeitpunkt nach jetzigem Ermittlungsstand vermutlich eineinhalb bis zwei Tage zurückliege  . Vieles spreche also dafür, dass die Menschen bereits tot waren, als sie Österreich erreichten.

  • Wer und wo sind die Schlepper?

In Österreich läuft die Suche nach den Fahrern des Lastwagens auf Hochtouren. Unter Führung eines Krisenstabs fahndet die Polizei nach den Schleppern. Nach Informationen des "Standard" befindet sich auf dem Fahrzeug der Schriftzug einer slowakischen Hühnerfleischfirma. Das Nummernschild des Lkw sei von einem rumänischen Staatsbürger in der mittelostungarischen Stadt Kecskemét beantragt worden. Ihm solle der Wagen auch gehören. Die Zeitung beruft sich dabei auf Angaben des Stabschefs des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.

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Tote Flüchtlinge: Grausiger Fund auf dem Standstreifen

Foto: Hans Punz/ dpa

  • Wie reagiert die Politik?

Österreichische und ungarische Behörden wollen bei der Aufklärung eng zusammenarbeiten. Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) sagte: "Diese Tragödie macht uns alle betroffen. Schlepper sind Kriminelle. Und wer jetzt noch immer meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht zu helfen."

Die Nachricht von den toten Flüchtlingen erreichte am Mittag auch die Teilnehmer der Westbalkan-Konferenz in Wien, auf der es um Hilfen für diese Länder bei der Versorgung von Flüchtlingen gehen sollte. Am Rande der Konferenz, die knapp 50 Kilometer vom Fundort der Leichen entfernt stattfand, mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel rasche Lösungen im europäischen Geist der Solidarität an. Mehr denn je brauche es eine faire Quote zur Aufnahme von schutzsuchenden Menschen in der EU.

EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos kündigte auch einen Besuch in Österreich an. Die Zeitung "Presse" berichtete, Avramopoulos wolle das Flüchtlingserstaufnahmezentrum in Traiskirchen südlich von Wien besuchen. Dort müssen Asylsuchende unter freiem Himmel auf dem Boden übernachten, weil es nicht genügend Quartiere gibt. Das hatte für massive Kritik von Amnesty International gesorgt.

apr/dpa
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