Ermittlungen zu MH17-Abschuss Abgehörte Telefonate liefern ein brisantes Detail

Seit fünf Jahren wird in den Niederlanden zum Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine ermittelt. Abgehörte Telefonate belegen nun, wie Moskau die Rebellen dort unter Kontrolle brachte.

Absturzstelle der Malaysia Airlines Boeing 777, Flug MH17
Maxim Zmeyev/ REUTERS

Absturzstelle der Malaysia Airlines Boeing 777, Flug MH17

Von , Moskau


Es sind nur noch vier Monate, bis in den Niederlanden eine besonders blutige Episode des Kriegs in der Ostukraine vor Gericht kommen wird. Es handelt sich um den Abschuss des Passagierflugzeugs mit der Flugnummer MH17 im Sommer 2014, der alle Insassen an Bord, 298 Menschen, das Leben kostete.

Aber es nicht einfach, einen Prozess zu führen, wenn der Hauptverdächtige ein ganzer Staat ist - Russland.

Die Ermittler vom "Joint Investigation Team" (JIT) haben zwar längst rekonstruiert, dass der Abschuss der malaysischen Boeing mit einer Flugabwehrrakete der russischen Armee geschah. Sie haben auch schon vier Verdächtige benannt, darunter drei russische Staatsbürger. Aber Moskau verweigert jede Mithilfe. Das JIT sucht deshalb weiterhin Zeugen und geht deshalb stets aufs Neue mit Material an die Öffentlichkeit.

Das Erstaunliche am jüngsten Zeugenaufruf des JIT ist, dass er mit dem Abschuss der Boeing nur mittelbar zu tun hat. Es geht es den Ermittlern offenbar darum, ein Gesamtbild zu fixieren: Dass Moskau faktisch volle Kontrolle über die prorussischen Rebellen in der Ostukraine etablierte.

"Alle lokalen Feldkommandeure werden aus ihren Einheiten zum Teufel gejagt"

Das soll mit 20 Audiodateien belegt werden, die das JIT auf YouTube zugänglich gemacht hat. Es handelt sich um abgehörte Telefongespräche von Separatisten im Donbass untereinander und mit russischen Stellen. Das Material enthält, so es denn bestätigt wird, brisante Erkenntnisse: Zum ersten Mal taucht der Name von Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu in den Ermittlungen auf.

So erklärt ein Kämpfer mit dem Kampfnamen "Mongole" Anfang Juli 2014 seinem Mitstreiter Sascha aus Makejewka bei Donezk, dass mit den Eigenmächtigkeiten der örtlichen Rebellen jetzt aufgeräumt werde: "Hier kommen Leute mit Vollmachten von Schoigu an, und alle lokalen Feldkommandeure werden aus ihren Einheiten zum Teufel gejagt, und an die Spitze kommen Moskauer."

Er erklärt dazu: "Wir bewegen uns hin zu einer einheitlichen Führung, zu einem ernsthaften Krieg. Die Feldkommandeure kommen jetzt alle unters Messer, weil sie zu weit gegangen sind. Sie rauben, vergewaltigen, töten, spielen Politik. Das weißt du ja besser als ich, Sascha", so der "Mongole".

FSB stellte abhörsichere Telefone zur Verfügung

Die bereits bekannte Einmischung russischer Geheimdienste in der Ostukraine wird mit neuen Fakten unterlegt. So hat der FSB führenden Mitgliedern der "Volksrepublik Donezk" abhörsichere Telefone zur Verfügung gestellt.

Davon berichtet offenbar am 3. Juli 2014 Sergej Dubinskij - einer der vier Beschuldigten im MH17-Verfahren - in einem Gespräch. Einige der Telefonmitschnitte scheinen allerdings zu belegen, dass diese Telefone offenbar doch nicht abhörsicher sind - oder nicht fachgerecht benutzt wurden.

Mehrere Telefonate belegen, wie weit die Kontrolle des Kreml über die Separatisten im Einzelnen ging: Am aufschlussreichsten ist dafür ein 20-minütiges Gespräch, das am 3. Juli 2014 offenbar zwischen dem hohen Kremlbeamten Wladislaw Surkow und dem "Premierminister" der "Volksrepublik Donezk", Alexander Borodai, geführt wurde.

In dem Telefonat gesteht "Surkow" zum Beispiel einen Fehler ein: Der Zusammenschluss der beiden "Volksrepubliken" in Donezk und Lugansk zu einem Bundesstaat, der von den "Parlamenten" verkündet wurde, beruhe auf einem Missverständnis - seine Helfer hätten aus Versehen die falsche Vorlage für den Verfassungsakt geschickt.

Allerdings ist Moskaus Kontrolle im Donbass dadurch eingeschränkt, dass dort noch Chaos herrscht. "Das ist hier nicht die Krim", warnt "Borodai", dessen Leute gerade einen Kleinkrieg gegen einen anderen Feldkommandeur, Igor Besler alias "Bes", führen.

"Er hat schlechte Ziele und wird euch alle zersetzen"

Besonders brisant, allerdings nicht für Russland, ist eine andere Information, die demselben Telefonat entstammt:

  • Demnach bat der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow - reichster Mann des Landes - Tage vor dem Gespräch um ein Treffen mit Kremlberater Surkow.
  • Achmetow stammt selbst aus Donezk, er galt bis zum Konflikt als der mächtigste Mann im Donbass. Seine Haltung zu den Rebellen war zunächst unklar, bis er vor dem Konflikt nach Kiew floh.
  • "Ich wollte ihn gar nicht treffen, er hat drei Stunden geduldig im Restaurant auf mich gewartet", erzählt "Surkow" lachend. Achmetow habe "mit seinem ehemaligen Patron" gesprochen - gemeint ist offenbar der gestürzte und nach Moskau geflohene Präsident Wiktor Janukowytsch.
  • Dieser habe ihm, "wie aufgetragen", vorgeschlagen, aufseiten der "Volksrepublik" an Verhandlungen teilzunehmen, aber Achmetow habe abgelehnt.
  • Er habe umgekehrt gefragt, ob er nach Donezk reisen könne. "Surkow" warnt im Telefonat "Borodai" vor so einem Besuch - "er hat schlechte Ziele und wird euch alle zersetzen."

Die Echtheit der Aufnahmen ist nicht bestätigt worden, die Aussagen darin passen allerdings zu den bisher bekannten Informationen. Die russischen Medien berichteten bis Freitag fast gar nicht über die neuen Enthüllungen.

Dafür schreibt ein Kriegskorrespondent auf der Webseite des kremlnahen Massenblattes "Komsomolskaja Prawda": Er könne über die Echtheit der Aufnahmen nichts sagen, aber "keine Sekunde des Veröffentlichten wirft Licht auf den Abschuss von MH17".



insgesamt 261 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 15.11.2019
1.
1. Zu MH17: Da müsste JIT erst einmal Malaysia überzeugen und erklären, warum Malaysia nicht Teil des Team werden durfte. Malaysia jedenfalls glaubt die Russland-Story nicht. 2. Interessant wäre zu erfahren, woher die Telefonmitschnitte stammen. Wahrscheinlich von der NSA o.ä. Wer hat sonst die Möglichkeit angeblich abhörsichere Telefonate mitzuschneiden. Dann wäre zu klären, ob die Telefonmitschnitte manipuliert worden sind und ob es alle oder nur "ausgewählte" Telefonate übermittelt worden sind.
chiefseattle 15.11.2019
2. Gespräche
Nach wievielen Jahren hat man also endlich irgendwelche Telefongespräche gefunden, die die kurz nach den Abschuss beschlossene These unterstützen. Sicherlich gibt es auch Telefonate, die das Gegenteil implizieren könnten. Nach Beweis klingt das alles nicht.
Duzend 15.11.2019
3. Leider ohne die Informationen von Josef Resch
Die Muster gleichen sich von "Anschlag" zu "Anschlag": Eine Partei beansprucht von Beginn an die Deutungshoheit. Und wie die Schafe folgen ihr die meisten Leser. Es ist ja auch äußerst bequem. Denn diejenigen, die da die Deutungshoheit beanspruchen, liefern die kritische Diskussion zu den zwischenzeitlichen Ergebnissen scheinbar gleich mit. Dieses "Diskutiert uns nicht zuwider! Denn seht doch selbst, dass keiner sich so vortrefflich und tabulos zu streiten vermag wie wir unterinander!" kenne wir ja schon asu anderen Zusammenhängen. Es ist alles gekonntes Theater - ganz wie im US-Vorabend-Krimi: Den Täter kennen wir eigentlich schon, wir suchen aber noch die absolut schlüssigen Beweise - denn bis dahin ist ja noch nichts spruchreif, gelle! - bald wird sich eines zum anderen fügen. Und es wird herauskommen, was wir immer behauptet haben: Der böse Russe war's. Interessant ist ja auch nicht etwa, ob er's denn nun wirklich war, sondern nur, wie dieser raffinierte kerl dabei vorgegangen ist. Und, glaubt uns, wir geben mit unseren Ermittlungen keine Ruhe, bis wir jedes Detail - in diesem Fall: von Putins Schuld - geklärt haben. Aber was ist mit den Informationen, die Josef Resch angeboten hat? Und was ist mit den anderen allgemeineren technischen Informationen? Das Lancieren einer BUK-Rakete am heiterhellen Tag ist heutzutage schwerlich denkbar, ohne dass einer den Rauchschweif per Handy gefilmt hätte. Ein BUK-Treffer kann zwar für den letztlichen Absturz eines so großen Passagierfliegers sorgen, aber die Piloten wären nict einfach so verstummt. Das mindestens ergänzende Aufsteigen einer ertüchtigten SU25 und der Beschuss der MH17 mit deren Bordkanone werden völlig außer Acht gelassen. Kurz: An der gebetsmühlenartigen und von jedem substantiellen Zweifel absolut ungerührten Dauerwiederholung der immer gleichen, von vorneherin erwatbaren Schuldigen sollt ihr sie erkennen: Die, die höchst wahrscheinlich eine ihnen sehr unbequeme Wahrheit zu vedecken haben. Wäre das nicht der Fall, dan hätte man Josef Resch eine Plattform angeboten, auf der er seine Information einbringen und danach dennoch unbehelligt weiteleben kann. So verzichtet er aus Furcht.
zynischereuropäer 15.11.2019
4.
Der Kreml kontrolliert also die "Volksrepubliken" und steuert direkt den Krieg in der Ukraine. Nein! Wer hätte das auch nur erahnen können...?! Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten. Im Ernst, wen überrascht das noch? Nach all dem Scheiss den Russland in den letzten Jahren abgezogen hat (und jetzt komme mir keiner mit "Aber aber aber der böse Westen" - wann genau hat die EU das letzte mal einen Krieg angezettelt und Teile des Landes annektiert?) darf das doch echt keinen mehr überraschen. Russland ist nicht unser Freund oder neutraler Nachbar, ist es nie gewesen. Klar, die fünfte Kolonne wird gleich über mich herfallen, aber entweder sitzen die gleich in St. Petersburg oder trauen sich letztendlich doch nicht in ihr gelobtes Land überzusiedeln. Widerworte dort werden ja nicht einfach hingenommen, sondern ziehen oftmals handfeste Konsequenzen nach sich.
etseel 15.11.2019
5. Telefonaten als Beweis?
Wo sind die Recherchen über die Fluglotsen, wo ist die verblieben, warum hat die dem MH17 neuen, nicht wie sonst, einen Kurs vergeben? Warum passen die Proektilien von BUK Rakete nicht? Warum wird es nicht in Acht genommen, dass die Nummer von der Rakete stammt aus dem ukrainischen Arsenal? Warum werden nicht die Ergebnissen der Untersuchungen von einem privatbeaftrgten Dediktiv in Acht genommen. Der hat viel zu erzählen, aber er braucht auch Sicherheiten, aber dem will keiner sie geben. Weil dann stellt schnell heraus, dass hinter dem Abschuss die ukrainische Armee und ihre Hintergrund Leute stehen. Spiegel sollte mal eine Umfrage starten, wer hinter dem Abschuss steht und welche Nutze hätter er?
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