Flugsicherheit "Ich will den bösen Jungs keine Nachhilfe geben"

Avi Icar baut Bomben - zu Testzwecken. Er ist kein Terrorist, sondern berät Geheimdienste und Regierungen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Sprengstoffexperte über die Methoden der Attentäter, Nacktscanner und die Unmöglichkeit, Anschläge zu verhindern.
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Flugsicherheit: Die Tricks der Bombenbastler

Foto: Terrogence

Anschlag auf den Flug 253 nach Detroit

SPIEGEL ONLINE: Nur einen Tag nach dem missglückten haben Sie in Ihrer Werkstatt in der Nähe von Tel Aviv zu Nadel und Faden gegriffen und eine Replik der vom Attentäter getragenen Unterhose genäht. Warum?

Icar: Das ist mein Job - ich baue Terrorbomben nach, zu Testzwecken. Mit unserer Firma "Terrogence" sind wir unter Decknamen Mitglied auf den einschlägigen Dschihadisten-Foren, auf denen die Bauanleitungen gehandelt werden. Ich folge ihnen Schritt für Schritt, bis dahin, dass ich die Unterhose nähe, in denen der Sprengsatz versteckt wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Detailverliebtheit?

Icar: Indem ich die Sprengsätze missglückter Anschläge dupliziere und dann detoniere, kann ich erkennen, wo der Fehler der Terroristen lag. Ich kann ihr Know-how einschätzen. Diese Informationen geben wir an unsere Kunden weiter, Geheimdienste und Regierungen in aller Welt. Sie nutzen unsere Analysen, um beispielsweise die Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen zielgenauer zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum also hat die Detroiter Bombe nicht funktioniert?

Icar: Es war ein sehr weit entwickeltes Modell. Statt herkömmlichen Sprengstoff oder einen Zünder aus Metall mit an Bord zu nehmen, wollte die Explosion mittels einer chemischen Reaktion herbeiführen. An sich ein kluger Plan. Ich weiß, warum er schiefgegangen ist, aber das kann ich nicht verraten. Ich will den bösen Jungs ja keine Nachhilfe geben.

SPIEGEL ONLINE: War der misslungene Anschlag ein harter Schlag für die Hintermänner des Attentäters?

Bodyscanner

Icar: Im Gegenteil! Wenn es der Zweck dieser Operation war, Panik hervorzurufen, können die Hintermänner Detroit leider als großen Erfolg verzeichnen. Geschlossene Flughäfen, Zigmillionen Dollar Verluste, Tausende Reisende, denen das Weihnachtsfest ruiniert wurde. Und dazu kommen die Kosten, die nun langfristig auf die Staaten zukommen, die anschaffen. Die belaufen sich pro Stück auf etwa 250.000 Dollar, und allein die USA wollen 1000 kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Bodyscanner sollen das Fliegen sicherer machen. Werden sie das tatsächlich?

Icar: Bedingt. Es geht darum, Anomalitäten am menschlichen Körper zu entdecken: Versteckten Sprengstoff etwa, oder als zusätzliche Ladung gedachte Metallteile. Ob man mit ihm das in Abdulmutallabs Unterhose eingenähte Päckchen Sprengstoff gefunden hätte, ist aber dahingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wozu die Scanner dann überhaupt einsetzen, wenn sie eindeutig mangelhaft sind?

Icar: Die Scanner sind ein erster Filter. Sie haben ihre Schwachstellen, aber dann kommt der menschliche Faktor ins Spiel. Die Bediensteten an den Sicherheitsschleusen müssen einen Blick für das Profil möglicher Attentäter haben. Wenn jemand ein Ticket erst am Tag vor der Reise gekauft und mit Bargeld bezahlt hat, wenn er dann zusätzlich auch noch ohne Gepäck reist, muss das Sicherheitspersonal aufmerksam werden.

SPIEGEL ONLINE: Datenschützer kritisieren, der Scanner verletze die Intimität dessen, der sich durchleuchten lassen muss. Stimmt das?

Icar: Das Bild, das die Körperscanner produzieren, hat mit Porno nichts zu tun. Wer behauptet, die Passagiere seien nackt zu sehen, überschätzt die Bildqualität maßlos. Man sieht schon, ob eine Frau zum Beispiel große oder kleine Brüste hat, aber in Körperöffnungen schaut der Scanner nicht hinein.

SPIEGEL ONLINE: Wissen potentielle Attentäter das?

Icar: Ja, und sie planen, es zu ihrem Vorteil zu nutzen. Im August 2009 gab es einen Präzedenzfall: Ein Selbstmordattentäter, der den stellvertretenden saudischen Innenminister töten wollte, hatte die Bombe in seinem Rektum versteckt.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Icar: Nach dem missglückten Anschlag – der Prinz wurde nur leicht verletzt, der Attentäter starb – gab es auf den einschlägigen Dschihadisten-Web-Seiten aufgeregte Diskussionen. Es gebe doch genug Ärzte unter den Sympathisanten, die potentielle Attentäter operieren und eine Sprengladung im Bauchraum verstecken könnten. Wenn es so weit kommt, sehen wir uns mit der sprichwörtlichen laufenden Bombe konfrontiert.

"Wir können nur versuchen, es den Terroristen so schwer wie möglich zu machen"

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Flugsicherheit: Die Tricks der Bombenbastler

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SPIEGEL ONLINE: Wann wird es so weit kommen?

Icar: Vorerst beunruhigen uns andere Szenarien: Männer können bis zu 400 Gramm Sprengstoff in ihren Körperöffnungen verstecken, Frauen sogar noch mehr. Was, wenn mehrere Verschwörer kleine Mengen mit an Bord bringen und dort zu einem Sprengsatz zusammenbauen? Wir wissen nur eins: Wir werden die nächste Bombe nicht verhindern. Wir können aber versuchen, es den Terroristen so schwer wie möglich zu machen, sie zu zünden.

SPIEGEL ONLINE: Sprengstoff an Bord von Flugzeugen zu bringen, wird immer schwieriger. Bomben in Bussen, U-Bahnen oder Zügen zu platzieren ist ein Kinderspiel. Warum sind Flugzeuge so beliebte Attentatsziele?

Icar: Anschläge auf Flugzeuge sind - wenn man so will - ein PR-Coup: Kaum je erlangen Terroristen so viel Aufmerksamkeit mit so geringem Einsatz. Bomben an Bord von Airlinern sind zudem deshalb so effektiv, weil die Maschine innen unter Druck steht. Ein Loch in der Außenhaut kann eine Katastrophe auslösen. Und zuletzt sind Flugzeuge ein sehr symbolisches Anschlagsziel, weil sie gut bewacht sind. Die Terroristen schicken eine Botschaft: "Selbst in der Luft seid ihr nicht vor uns sicher."

SPIEGEL ONLINE: Ihre Firma floriert, weil Staaten mit aller Macht versuchen, den Terror einzudämmen. Kann das gelingen?

Icar: Nein, nicht einmal auf lange Sicht. Das große Problem ist, dass das Internet jedem das Wissen zugänglich gemacht hat, wie man aus Drogerie-Produkten eine Bombe bauen kann. Dagegen können wir uns kaum schützen: Wenn wir jeden Kauf von beispielsweise Wasserstoffperoxid überwachen wollten, würde das nicht nur Unsummen kosten, sondern auch das Ende vieler Freiheiten bedeuten. Sind wir wirklich bereit, so viel zu opfern?

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Erfahrungen von Fluggästen Einfluss auf die Sicherheitsmaßnahmen haben, die sie über sich ergehen lassen müssen?

Bodyscanner

Icar: Wenn morgen ein Flugzeug vom Himmel gebombt wird, werden wir nicht mal mehr im Flüsterton Einwände gegen die hören. Wir lernen da anscheinend nur auf die harte Tour. Das Bedrohungsgefühl und damit die Akzeptanz von neuen Sicherheitsvorkehrungen wächst schubweise, mit jedem Anschlag. Deshalb werden die Bodyscanner erst jetzt international zum Einsatz gebracht, obwohl sie seit Jahren auf dem Markt sind. In Israel, wo wir uns täglich von Terrorismus bedroht sehen, werden sie schon seit Jahren eingesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Terroristen und den Sicherheitsbehörden weitergehen?

Icar: Die technologische Entwicklung wird nie mit dem Einfallsreichtum der Terroristen mithalten können. Staaten sind gegenüber Attentätern im Nachteil: Denn sie müssen die Rechte ihrer Bürger schützen, für Sicherheitsvorkehrungen zahlen, sind verantwortlich, wenn Tausende Passagiere ihre Flieger verpassen. Die Terroristen muss das nicht interessieren. Was wir hier sehen, ist eine neue Variante eines asymmetrischen Krieges.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Firma wirkt inkognito bei vielen der einschlägigen Terroristen-Web-Seiten mit. Juckt es Sie nicht manchmal in den Fingern, dort Bausätze für Bomben zu empfehlen, die nicht detonieren können – oder aber denjenigen töten, der versucht, sie zu bauen?

Icar: Nein, das überlassen wir den Behörden.

Das Interview führte Uli Putz.
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