Flugzeugabsturz Terrorakt oder versehentlicher Abschuss?

Die Ursache für die Explosion eines russischen Passagierflugzeuges über dem Schwarzen Meer ist nach wie vor ungeklärt. Es gibt die These, dass die ukrainische Marine bei einem Manöver die Maschine versehentlich abgeschossen haben könnte. Russlands Präsident Wladimir Putin hält dagegen einen Terroranschlag für möglich.


Eine Maschine vom Unglückstyp
AFP

Eine Maschine vom Unglückstyp

Moskau - Das Verteidigungsministerium in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wies eine Schuld an dem Unglück zurück. Zuvor hatten Medien berichtet, Regierungskreise hätten den versehentlichen Abschuss bestätigt.

Sicher ist: Die ukrainischen Streitkräfte hielten am Schwarzen Meer Raketentests ab. Im Osten der Halbinsel Krim sei mit scharfen Boden-Luft-Raketen auf mindestens 20 unbemannte Flugzeuge, so genannte Drohnen, geschossen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Die von ukrainischen und russischen Schiffen im Schwarzen Meer beobachteten Manöver hätten mindestens bis 12.30 Uhr MESZ angedauert, das Unglück ereignete sich gegen 11.44 Uhr.

Sollte der Abschuss eines Flugzeuges geübt werden?

Die ukrainischen Streitkräfte kommentierte die Berichte zunächst nicht offiziell. Die Armee habe zwar auf der Krim Schießübungen verantstaltet, sagte Nikolai Sawtschenko, Sprecher der ukrainischen Kriegsmarine. Die Marine habe dabei aber Waffen mit einer Reichweite bis zu zehn Kilometer eingesetzt, erklärte er. Die Absturzstelle der Tupolew-154 sei jedoch 240 Kilometer entfernt gewesen. Die ukrainische Luftwaffe habe 300 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt geübt, sagte Sawtschenko.

Russlands Präsident Putin bezweifelte einen versehentlichen Abschuss. Die bei dem ukrainischen Manöver eingesetzten Waffen "konnten ihren technischen Daten nach nicht das Gebiet erreichen, in dem die Tupolew-154 flog", sagte Putin nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax. Außerdem seien russische Beobachter bei den Schießübungen zugegen gewesen.

Putin war vorher davon ausgegangen, bei dem Absturz könne es sich um einen Anschlag handeln. "Ein ziviles Flugzeug ist heute abgestürzt, und es ist möglich, dass dies das Resultat eines terroristischen Aktes ist", hatte Putin während eines Treffens mit europäischen Justizministern in Moskau gesagt.

Der Pilot eines in der Nähe fliegenden armenischen Flugzeugs hatte zuvor berichtet, die Maschine der sibirischen Fluggesellschaft Sibir sei in 11.000 Meter Höhe explodiert. Die Teile seien etwa 190 Kilometer südlich der russischen Hafenstadt Noworossijsk ins Wasser gestürzt, wo es zu einer erneuten Explosion kam. Das Meer soll dort ein Kilometer tief sein.

Israel stoppt Flüge ab Tel Aviv

An Bord des Flugzeuges befanden sich 64 Passagiere und zwölf Crew-Mitglieder. Noch zwei weitere Passagiere sollen in Tel Aviv eingecheckt aber sich nicht ins Flugzeug gesetzt haben. Alle Passagiere waren Israelis, zwei davon sollen Kinder sein. Die Maschine sollte in der sibirischen Stadt Nowosibirsk landen. Israel stoppte zunächst alle Flüge vom Airport Tel Aviv. Am Abend wurde der Luftraum dann wieder frei gegeben.

Die israelische Regierung habe keinen Hinweis darauf, dass der Absturz des russischen Passagierflugzeugs über dem Schwarzen Meer einen terroristischen Hintergrund hatte, machte Verkehrsminister Ephraim Sneh am Avbend deutlich. Nach dem Absturz seien die Sicherheitsvorkehrungen auf den Flughäfen überprüft und dabei keine Mängel festgestellt worden. Zuvor hatte die BBC berichtet, Sneh gehe von einem Terroranschlag aus.

Tupolew 154 - die Unglücksmaschine

Wie die russische Internetzeitung "Strana.ru" berichtet, soll die Maschine vorher bereits in Bulgarien notgelandet sein. "Strana.ru" beruft sich auf Angaben des Flughafens von Tel Aviv. Anderen Meldungen zufolge war es eine Zwischenlandung, bei der weitere Passagiere an Bord genommen wurden. Der bulgarische Flughafen Burgas dementierte den Aufenthalt.

Die Unglücksmaschine ist seit 1991 in Betrieb, eine Reparatur soll nach Angaben von russischen Medien zuletzt im Jahre 1999 vorgenommen worden sein. Die Tu-154 ist das russische Passagierflugzeug, mit dem am meisten Katastrophen verbunden werden. Von 950 Maschinen, die in den letzten 30 Jahren gebaut wurden, verunglückten bereits 50. Im vergangenen Juli war in Sibirien eine Tupolew 154 abgestürzt. Beim Landeanflug auf den sibirischen Flughafen Irkutsk verunglückte die Maschine. Mindestens 145 Menschen stürzten mit der Maschine in den Tod. (SPIEGEL ONLINE berichtete.)



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