Flugzeugabsturz von Smolensk Polen geben Russen Mitschuld am Kaczynski-Crash

Für Jaroslaw Kaczynski ist die Sache ohnehin klar: Nur die Russen sind für das Flugzeug-Unglück von Smolensk verantwortlich, bei dem sein Bruder getötet wurde. Eine polnische Untersuchungskommission weist dem Tower eine Mitschuld an der Katastrophe zu.

Wrack der Präsidentenmaschine: "Im Grunde tragen nur die Russen die Verantwortung"
REUTERS

Wrack der Präsidentenmaschine: "Im Grunde tragen nur die Russen die Verantwortung"

Von


Es war 8 Uhr und 41 Minute morgens, als die Tupolew 154 des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski am 10. April 2010 im Landeanflug auf den Militärflughafen von Smolensk in Russland mit dem linken Flügel eine Birke traf, sich überschlug und im Wald vor dem Rollfeld zerschellte. Außer dem Staatsoberhaupt und seiner Frau starben 94 Geistliche, Politiker, hohe Militärs und Angehörige der Opfer des Massakers von Katyn. Der Präsident und seine Entourage waren auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die fast 22.000 polnischen Soldaten, die Stalins Geheimdienst 70 Jahre zuvor in den Wälder der Gegend ermordet hatte.

Eine polnische Untersuchungskommission hat am Dienstagnachmittag einen vorläufigen Bericht zum Verhalten des Towers vorgelegt. Danach stand die russische Besatzung ebenso wie ihre Kollegen im Cockpit des polnischen Fliegers unter massivem Druck der Obrigkeit - schließlich hatte der Streit um das Verbrechen von Katyn das russisch-polnische Verhältnis über Jahrzehnte vergiftet. Die Feier im April 2010 sollte eine Phase der Entspannung bringen.

Die russischen Fluglotsen hätten "an der Grenze der psychischen Belastbarkeit" gehandelt, kritisierte Miroslaw Grochowski, ein Kommissionsmitglied, am Dienstag in Warschau: "Sie boten der polnischen Flugbesatzung nicht genügend Unterstützung."

Die jüngste polnische Analyse stützt sich auf Tonprotokolle der Dialoge im Tower. Warschau kritisiert, aus Moskau noch immer keinen technisch hochwertigen Mitschnitt erhalten zu haben. Rund zwanzig Prozent der Gespräche sind nicht zu verstehen. Sicher ist nur: Im Tower herrschte Hektik und Chaos, die Telefone klingelten, und aus Moskau kamen scharfe Anweisungen.

Der Tower habe es versäumt, rechtzeitig auf die "fatalen Wetterbedingungen", den dichten Nebel mit Sichtweiten unter 300 Metern hinzuweisen. Als die Maschine bereits kurz vor dem Aufsetzen war, kommandierte der Tower Smolensk "Horizont" - doch diese Order zum Durchstarten kam viel zu spät.

Bisher war die Schuld an der Katastrophe vor allem bei der polnischen Tupolew-Besatzung gesehen worden. Eine von Moskau eingesetzte Untersuchungskommission war zu folgendem Ergebnis gekommen: Pilot Arkadiusz Protasiuk und seine Männer hätten Smolensk durch den dichten Nebel gar nicht anfliegen dürfen. Sie hätten die Warnungen eines Computers ignoriert und auch den Horizont-Befehl des Towers, weil sie aus der Kabine des Präsidenten Kaczynski unter Druck gesetzt worden seien. Schuld treffe auch den polnischen Luftwaffenchef Andrzej Blasik, der sich mit 0,6 Promille Alkohol im Blut im Cockpit aufgehalten habe.

Die Regierung von Donald Tusk hatte diese Analyse unmgehend als einseitig zurückgewiesen. Natürlich müsse man die Fehler der Polen sehen, hieß es, doch müsse man auch die Arbeit der Towerbesatzung untersuchen.

Erkennbar bemühte sich Tusk, die Auseinandersetzung zu einem Streit unter Flug-Fachleuten abzustufen. Auf keinen Fall sollten die zuletzt verbesserten polnisch-russischen Beziehungen darunter leiden.

Doch einer macht diesen Beschwichtigungskurs nicht mit: Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des toten Präsidenten und Oppositionsführer, heizt schon länger Verschwörungstheorien zu dem Unglück an. Neulich äußerte er zum Beispiel Zweifel, im Grab seines Bruders auf der Krakauer Königsburg läge womöglich gar nicht dessen Leiche. Am Dienstag sagte er: Jetzt sei endlich ganz klar, wer am Unglück Schuld habe. "Im Grunde tragen ausschließlich die Russen die Verantwortung."

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.