Flugzeugentführung im Sudan Kidnapper lassen Passagiere frei

Erleichterung auf dem libyschen Flughafen al-Kafra: Die Entführer einer sudanesischen Maschine lassen die Passagiere frei - und verhandeln mit den Behörden. Die Besatzung ist noch in der Gewalt der Entführer.


Tripolis/Khartum - Es ist ein erster Hoffnungsschimmer: Ein Sprecher der libyschen Zivilluftfahrtbehörde sagte, die Entführer hätten in Verhandlungen zugestimmt, alle Passagiere freizulassen. Nur die Besatzung müsse an Bord bleiben. Insgesamt sollten sich vor der Freilassung 87 Passagiere und acht Crewmitglieder in dem Flugzeug befunden haben.

Der Direktor des Flughafens al-Kafra hatte zuvor berichtet, wegen der Hitze an Bord seien mehrere Passagiere ohnmächtig geworden.

Mehrere Insassen hatten die Boeing 737 der sudanesischen Fluggesellschaft Sun Air am Dienstag auf einem Flug von Nyala (Süd-Darfur) in die Hauptstadt Khartum in ihre Gewalt gebracht. Die Kidnapper gehören nach eigenen Angaben einer Rebellenorganisation aus Darfur an. Sie verlangten von dem Piloten, nach Paris zu fliegen, landeten dann jedoch am Abend in al-Kafra, um die Maschine aufzutanken.

Der arabische Sender al-Dschasira spricht von zehn Entführern. Sie seien Mitglieder der Rebellenorganisation Sudanesische Befreiungsbewegung (SLM). Auch ein Flughafensprecher sagte, die Entführer gehörten der SLM unter Führung von Abdul Wahid Nur an. Ein Sprecher der Rebellengruppe in London wies eine Beteiligung an dem Gewaltakt zurück und sagte: "Wir verurteilen diesen Akt."

SLM-Führungsmitglied Ibrahim al-Hillo vermutet einen Zusammenhang zwischen der Flugzeugentführung und der Krise in Darfur. Es handele sich um eine "Konsequenz dessen, was die Regierung in Flüchtlingslagern in Nyala tut", sagte Hillo. Am Montag waren sudanesische Sicherheitskräfte in das Flüchtlingslager Kalma nahe dem Flughafen von Nyala eingedrungen. Bei anschließenden Schießereien kamen mindestens 33 Menschen ums Leben.

Ein Behördensprecher in Nyala teilte mit, unter den Passagieren befänden sich auch ehemalige Rebellen, die jetzt der Übergangsregierung in Darfur angehörten. Ein Sprecher der Rebellengruppe Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit warf der sudanesischen Regierung vor, für die Entführung verantwortlich zu sein. Sie wolle auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von dem Angriff der Streitkräfte auf das Flüchtlingslager Kalma ablenken.

In Darfur kämpfen seit 2003 Rebellenorganisationen gegen regierungsfreundliche arabische Reitermilizen und die sudanesischen Streitkräfte. Dabei kamen nach Schätzungen der Uno bis zu 300.000 meist unbeteiligte Menschen durch Gewalt, Hungersnöte und Krankheiten ums Leben. Mehr als 2,2 Millionen Menschen mussten aus ihren Häusern flüchten.

Die Regierung gibt die Zahl der Toten mit rund 10.000 an. Die Rebellen sind in zahlreiche Gruppen gespalten.

han/dpa/AFP



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