Folgen des Terrors Wie die USA eine Eskalation zwischen Indien und Pakistan verhindern wollen

Die Terrorserie von Mumbai soll in Pakistan geplant worden sein. Indien droht dem Nachbarn deshalb mit ernsten Konsequenzen, Islamabad faucht zurück. Jetzt soll US-Außenministerin Rice eine Eskalation zwischen den Atommächten verhindern.

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Berlin - Die Reise von US-Außenministerin Condoleezza Rice nach Europa hätte nett werden können. Ein Klavierständchen bei der britischen Queen, Austausch von Höflichkeiten und dazu Tee mit den EU-Kollegen, es gibt schlimmere Reisen. In Woche vier nach den US-Wahlen ist Rice mehr oder weniger Vergangenheit, die Visite in Europa wäre eine Abschiedstour der Karrierefrau im Bush-Kabinett gewesen.

US-Außenministerin Rice bei der Ankunft in Neu-Delhi: Schwierige Mission
AFP

US-Außenministerin Rice bei der Ankunft in Neu-Delhi: Schwierige Mission

Doch die Terrorattacke im indischen Mumbai hat Rice am Ende ihrer Amtszeit doch noch eine schwierige Mission aufgebürdet. Am Mittwoch wird sie in der indischen Hauptstadt erwartet.

Das Ziel der Bemühungen, eng mit dem Übergangsteam des neuen Präsidenten Barack Obama abgestimmt, ist klar: Die USA wollen verhindern, dass der Terror zu einer neuen Eskalation zwischen den beiden Atommächten Indien und Pakistan führt.

Wie heikel das wird, war schon an Rices bedachten Äußerungen abzulesen, die keine der beiden Regierungen weiter verärgern sollte. So forderte die Ministerin zwar "absolute Transparenz" von Pakistan bei der Suche nach den Tätern. Fast salbungsvoll aber predigte Rice auch, dass nun alle "in der zivilisierten Welt" zusammenhalten müssten. Zivilisiert, das meinte Rice wohl, sollen sich Islamabad und Neu-Delhi verhalten.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
Die Vermittlungsbemühungen der USA kommen zu einer Zeit, da in Indien viele Politiker auf Pakistan als Mitschuldigen zeigen. Jeden Tag sind neue Details zu lesen, wie der Terror gegen Inder und Touristen von Pakistan aus geplant worden sein soll. Die bisherigen Erkenntnisse stützen sich vor allem auf Aussagen des einzigen verhafteten Terroristen, Azam Amir Kasav. Der junge Mann soll indischen Medien zufolge detailliert von seiner Terrorausbildung in Pakistan berichtet haben.

Blame Game zwischen den Nachbarn

Details sind noch strittig. Bisher steht noch nicht einmal der pakistanische Ort fest, aus dem der 21-jährige Terrorverdächtige stammt. Ebenso klingen seine Beschreibungen, unter anderem von der militärischen Ausbildung durch einen Tschetschenen, zu sehr wie aus dem Musterbuch des islamistischen Terrorismus der vergangenen Jahre.

Doch abseits der Fakten eskaliert nun ein zwischen Indien und Pakistan bekanntes Verhaltensmuster, das in der Region blame game ("Spiel der gegenseitigen Beschuldigung") genannt wird. Schuld an der Misere, so die oberste "Spielregel", kann immer nur das jeweils andere Land sein. Diese gebetsmühlenartig vorgetragenen Beschuldigungen könnten lächerlich sein - wären die Äußerungen nicht stets mit harschen Drohungen versehen. Dass beide Staaten Atombomben besitzen, gehört zu dem "Spiel" dazu.

Die Gefahr einer nuklearen Eskalation schwang stets mit, wenn Indien seinem Nachbarn in den vergangenen Tagen mehrfach mit "ernsthaften Konsequenzen" drohte. Pakistan reagierte prompt: Armee- und Geheimdienstkreise streuten, eine Eskalation des Konflikts mit Indien werde die Verlegung von rund 100.000 Soldaten an der kaschmirischen Demarkationslinie erforderlich machen. Von der afghanischen Grenze müssten die Soldaten abgezogen werden.

USA begleitete Wiederannäherung

Spätestens seit dieses Szenario auf dem Tisch ist, wurden die USA aktiv. Nicht nur für Amerika, für die gesamte Nato würde ein pakistanischer Abzug aus den Stammesgebieten eine weitere Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan bedeuten. Zwar fordern alle westlichen Länder von Pakistan in stoischer Regelmäßigkeit mehr pakistanische Aktivität gegen den Terror - doch gänzlich verzichten will niemand auf die dortigen Truppen.

Indien jedoch stichelt weiter gegen den Nachbarn. Nach indischen Presseberichten hält sich ein hochrangiger Diplomat in Washington auf, um bei der US-Regierung mehr Druck auf Pakistan zu machen. Die Zeitung "Times of India" berichtete sogar, Indien wolle eine Uno-Resolution einbringen, die Angriffe auf jegliche Art von Terrorlagern auf pakistanischem Boden erlaube. Angeblich will Indien auch sondieren, ob Amerika der indischen Armee Drohnen liefern würde.

Beide Ideen sind Schläge ins Gesicht für Pakistan und eine gefährliche Probe der sich in den vergangenen Jahren langsam normalisierenden Beziehungen zwischen beiden Ländern. Die Entspannung war von Washington diplomatisch begleitet worden. Auch wenn die USA in den vergangenen Monaten Indien als wichtigen Wirtschaftspartner stärker hofierten, tat Washington viel, um den Ton zwischen den Nachbarn zu verbessern.

Der Weg zu einer Normalisierung im Ton wird nun erst einmal nur über Floskeln zu gehen sein. Beobachter rechnen damit, dass Rice Appelle an beide Länder richten wird, da beide Opfer des Terrors sind. Zahlen belegen diese traurige Wahrheit: In Pakistan kamen dieses Jahr bereits mehr als 3000 Menschen durch Anschläge ums Leben, in Indien waren es mehr als 2000. Nur gemeinsam, das wird Rices Botschaft sein, könne man den Terror stoppen.

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Einerseits setzen die USA Pakistan regelmäßig unter Druck und verlangen mehr Einsatz im Kampf gegen den Terror. Andererseits dürfte recht klar sein, dass die politische Führung in Islamabad nicht direkt in die Planung von Anschlägen wie jenen in Mumbai verwickelt ist. Erhöht sich jedoch der Druck auf die neue Regierung, die den dubiosen Geheimdienst ISI mit seinen alten Banden zu den Taliban zumindest zaghaft zu reformieren versucht, ist aus US-Sicht nichts gewonnen.

Einfacher wird die Aufgabe von Außenministerin Rice mit diesen Vorgaben nicht. Auf ihrer letzten großen Mission wird sie im besten Fall eine Normalisierung des Tons zwischen den beiden Nachbarn erreichen können. Den Konflikt an sich werden die Nachfolger von Rice und Co. erben.

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