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Krieg in Syrien Hier foltern Assads Agenten

Ihre Foltermethoden sind berüchtigt, doch sonst ist über Syriens Geheimdienste wenig bekannt. Jetzt hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die GPS-Daten von 27 Geheimdienstzentralen veröffentlicht - und die Namen der Leute, die dort im Namen des Assad-Regimes foltern.

Berlin - Zwischen den Fakultäten für Informatik und für Finanzlehre steht an der Hafis-al-Assad-Schnellstraße in Damaskus ein weiteres großes, graues Betongebäude. Hörsäle sind darin nicht zu finden - sondern die Hölle auf Erden. Folter ist hier alltägliches Handwerk. Menschen werden die Fingernägel ausgerissen. Sie werden mit Gürteln geschlagen. Elektrokabel werden an ihre Hoden angeschlossen, dann wird Strom hindurchgejagt.

Der graue Betonklotz ist der Sitz der "Abteilung Palästina" des syrischen Militärgeheimdienstes, auch bekannt als "235". Fast jede Geheimdienstzentrale hat Zellen, Folterräume - und einen solchen dreistelligen Zahlencode. Vielleicht damit intern immer klar wird, wer gerade gemeint ist.

Denn Syriens Spitzel und Folterer bilden ein Wirrwarr konkurrierender Dienste. Grob lassen sich die Folterzentralen vier Zweigen zuordnen: dem Militärgeheimdienst, dem Luftwaffengeheimdienst, dem Direktorat für politische Sicherheit und dem allgemeinen Geheimdienst. In der Praxis gibt es zwischen ihnen jedoch kaum einen Unterschied. Wichtiger ist oft der Zahlencode, scheinen doch manche Folterquartiere ein Eigenleben zu entwickeln - die "Abteilung Palästina" ist schon seit Jahren für ihre Brutalität berüchtigt.

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Fotostrecke: Syriens Folterzentren

Foto: Human Rights Watch

Bislang waren die Nummern und die Standorte der Folterzentren nur wenigen bekannt. Nun bringt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) mit einem neuen Bericht ein wenig Licht ins syrische Geheimdienst-Dunkel . HRW hat die GPS-Daten von 27 Folterquartieren veröffentlicht, genauer von 26 Geheimdienstzentralen und von einem normalen Gefängnis, in dem die Spitzel seit Ende April 2011 zwei Stockwerke bezogen haben. Offenbar wurde mit Beginn der Aufstände in Syrien der Platz in den eigenen Räumlichkeiten zu knapp.

Geheimdienste verhaften Zehntausende

Die Menschenrechtsorganisation hat seit April 2011 mehr als 200 ehemalige Gefangene der Folterkeller interviewt. Die meisten von ihnen waren junge Männer, aber auch Frauen, Kinder und Greise waren darunter. Gaben zwei oder mehr der Augenzeugen unabhängig voneinander dasselbe Gebäude an, in dem sie gefangen gehalten wurden, markierte HRW den Standort auf einer Satellitenkarte. Einige konnten jedoch keine Aussage machen - etwa weil ihnen auf der Fahrt zum Folterquartier die Augen verbunden wurden. HRW nimmt daher an, dass die tatsächliche Anzahl der Folterzentralen deutlich höher ist.

"Die Geheimdienste betreiben verstreut über das Land ein Inselmeer von Folterzentren", sagt Ole Solvang von HRW, der den Bericht geschrieben hat. "Indem wir ihre Standorte veröffentlichen, die Foltermethoden beschreiben und diejenigen identifizieren, die dort das Sagen haben, zeigen wir den Verantwortlichen, dass sie für diese schrecklichen Verbrechen Rede und Antwort werden stehen müssen."

Für 21 der Folterquartiere konnte HRW mithilfe der Zeugenaussagen die Verantwortlichen identifizieren, teils auch ihre Stellvertreter - insgesamt 30 Personen. Lediglich in fünf Fällen waren diese bereits bekannt und stehen auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. HRW fordert, dass nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch international Sanktionen gegen die Peiniger erlassen werden. Bisher sind solche Initiativen gegen das syrische Regime von Präsident Baschar al-Assad im Uno-Sicherheitsrat jedoch stets am Widerstand Russlands und Chinas gescheitert.

Wie viele Syrer derzeit in einem der unzähligen Folterkeller gequält werden, ist nicht bekannt. Meist verschwinden die Betroffenen, ohne dass die Angehörigen über ihr Schicksal benachrichtigt werden. Manchmal bekommen die Familien später die Leiche wieder - mit Blutergüssen und Verbrennungswunden.

Das Violations Documentation Center, eine syrische Beobachtergruppe, die mit dem oppositionellen Aktivistennetzwerk LCC in Syrien zusammenarbeitet, das sich bisher als sehr verlässlich erwiesen hat, konnte bisher 603 Fälle dokumentieren, in denen Syrer in Geheimdiensthaft ums Leben kamen. Insgesamt konnte die Gruppe bisher 25.420 Syrer identifizieren, die seit Beginn der Aufstände in Syrien im März 2011 von den Geheimdiensten verhaftet wurden. Weniger als ein Fünftel davon wurde inzwischen wieder freigelassen.

Experten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Verhaftungen deutlich höher ist und eher in den Hunderttausenden liegt. Aus Platzmangel dienen längst Fußballstadien, Schulen und Krankenhäusern als Kerker. Von dort werden Gefangene dann zum Verhör in die Geheimdienstzentralen gebracht, berichtet HRW.

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