Folter und Terror in Kenia Der vergessene Krieg am Mount Elgon

Zwei Jahre schon tobt im Westen Kenias ein Krieg, der auf dem Radar der Weltöffentlichkeit nicht auftaucht: Menschenrechtler berichten von Folter und hundertfachem Mord, doch die Regierung in Nairobi ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um das Gemetzel unter Kontrolle zu bringen.

Von , Nairobi


Nairobi - Es ist ruhiger geworden um Kenia. Keine Bilder mehr von machetenschwingenden Rüpeln, lodernden Wellblechhütten oder martialischen Spezialpolizisten. Regierung und Opposition haben sich auf ein Friedensabkommen und ein gemeinsames Kabinett mit sagenhaften 40 Ministerien geeinigt. Raila Odinga, der Herausforderer des Präsidenten Mwai Kibaki, ist mittlerweile zum Premierminister ernannt worden. Und nun streiten sie sich darüber, über wie viel Macht er als solcher tatsächlich verfügen soll. Politik eben; langweilig, bis es wieder knallt. In die Schlagzeilen schafft man es damit selten.

Volk in Not: Die Jäger und Sammler vom kenianischen Stamm der Ogiek am Mount Elgon sind zwischen die Fronten der Regierungstruppen und der Sabaot-Rebellen geraten
AFP

Volk in Not: Die Jäger und Sammler vom kenianischen Stamm der Ogiek am Mount Elgon sind zwischen die Fronten der Regierungstruppen und der Sabaot-Rebellen geraten

Bald könnten wohl auch die ersten Touristen wieder in die Safarizelte des Amboseli Nationalparks ziehen oder in den Wellen des Indischen Ozeans planschen und den beliebten Strandschlager "Jambo Bwana" summen, in dessen Refrain es heißt: "Hakuna Matata" – zu deutsch: "kein Problem". So hätte es wohl das "Kenya Tourism Board" gerne, das auf der "Internationalen Tourismus Messe" in Berlin kürzlich noch schwer in der Bredouille steckte, weil gerade niemand ins brennende Land der Massai reisen wollte. Nun also wieder Hakuna Matata?

Von wegen. In Kenia tobt ein fürchterlicher Krieg, von dem kaum jemand etwas wissen will, behaupten Menschenrechtsgruppen und legten verstörende Berichte vor. "Die Rebellen von der 'Sabaot Landesverteidigungsarmee' und das kenianische Militär sind für schreckliche Missbrauchsfälle verantwortlich", schreibt "Human Rights Watch" in einem sechsseitigen Report ("Kenia: Armee und Rebellenmiliz begehen Kriegsverbrechen am Mount Elgon")) und zählt "Tötungen, Folterungen und Vergewaltigungen von Zivilisten" auf.

Mehr als 600 Tote sollen auf das Konto der Aufständischen gehen – einer bewaffneten Rebellenarmee im Westen des Landes, die nach Schätzungen der kenianischen Tageszeitung "Standard" über 35.000 bewaffnete Kämpfer und Scouts verfügen soll. Doch zu allem Unglück werde die Bevölkerung nun auch noch vom Militär terrorisiert: "Kenianische Soldaten missbrauchen diejenigen, die sie beschützen sollen." Von Dutzenden Toten ist die Rede. Von Tausenden Verhafteten und Folteropfern.

400 Folteropfer in Kapkota

Anfang März hatte das kenianische Militär einen Großangriff auf das Rebellengebiet nahe der ugandischen Grenze unternommen und dabei die Region für Menschenrechtler und Journalisten weiträumig abgeschirmt. Nun kommen immer mehr Einzelheiten über die umstrittene Operation ans Tageslicht. So sollen während der Säuberungsmaßnahmen rund 1200 Menschen verhaftet und angeklagt worden sein, berichtet die kenianische Sektion der "International Commission of Jurists" in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung.

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Die Regierung der Großen Koalition begehe "Verstöße gegen die fundamentalen Rechte der Bevölkerung am Mount Elgon – in historischen Dimensionen, in bislang nicht gekanntem Ausmaß". Allein das Kenianische Rote Kreuz habe 400 Folteropfer in einem Gefängnis in Kapkota versorgt – "einer Art Konzentrationslager", wie die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt. Was die Juristen im Einzelnen notierten, sind Geschichten aus dem Horrorkabinett. So seien den Opfern des Militärs Waffen in den Anus einführt worden. Einige hätten sich nackt ausziehen, sich gegenseitig an den Genitalien ziehen und sich gegenseitig die Brüste lecken müssen. Sie seien gezwungen worden, Mitgefangene auszupeitschen und hätten "Jeshi ni moja", ein Loblied auf die Armee, singen müssen. Ob sich unter derart Misshandelten tatsächlich viele Rebellen befinden, darf hingegen bezweifelt werden. Die hatten von der Militäroffensive nämlich rechtzeitig Wind bekommen und sich in den Südsudan oder nach Uganda gerettet.

Der Konflikt reicht - wie so oft - in die Kolonialzeit zurück

Der Krieg am 4300 Meter hohen Mount Elgon, Kenias zweithöchstem Massiv, begann im Mai 2006. Damals griffen Angehörige der Sabaot, einer Untergruppe der Kalenjin, zu den Waffen. Es geht, wie meistens in Afrika, um Landfragen und um verfeindete Stämme, um Sesshafte und Ackerbauern. Die Sabaot fühlen sich von der Regierung betrogen. Diese, so der Vorwurf, habe ihr Land den verfeindeten Ogiek gegeben. Deshalb müsse man kämpfen und werde nicht eher ruhen, bis dem eigenen Volk Gerechtigkeit widerfahre – so schildern die Rebellen den Fall.

Wie so oft reicht aber auch dieser Konflikt bis zurück in die Kolonialzeit. Die britischen Kolonialherren hatten, um Platz für weiße Siedler zu schaffen, die Sabaot in den 30er Jahren aus ihrem angestammten Gebiet (im Trans Nzoia District) vertrieben und sie am Mount Elgon, rund 140 Kilometer nordöstlich vom Victoriasee, angesiedelt, wo sie auf die Ogiek stießen, die die Hochmoore am Berg bewohnten.

Als der 169 Quadratkilometer große Mount-Elgon-Nationalpark 1968 gegründet und im Jahr 2000 dann auch das Hochmoor in ein Naturschutzgebiet umgewandelt wurde, verschärfte sich der Konflikt. Nun wurden die Ogiek – Jäger und Sammler, die sich als eigenständige Ethnie betrachten, immer weiter in die tieferen, fruchtbaren Siedlungsgebiete am Fuß des Bergs gedrängt – in jene Gegenden, in denen mittlerweile die Sabaot Landwirtschaft betrieben. Irgendwann eskalierte der Krieg.

Die Waffen kommen aus Uganda und dem Sudan

Mittlerweile haben sich auch die Ogiek organisiert – in sogenannten "Moorland Forces", die von den Sicherheitskräften unterstützt werden. "Die humanitäreSituation der Menschen in der Region verschlechtert sich zunehmend" , berichtete "Ärzte ohne Grenzen" bereits im September 2007, "die Zivilbevölkerung ist in Gewalt gefangen." Den Hilferuf der Notärzte wollte damals niemand hören. Mittlerweile herrscht im Westen Kenias Krieg, und die Regierung in Nairobi scheint zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um das Gemetzel der verschiedenen Gruppen in den Griff zu bekommen. Waffen jedenfalls scheint es genug zu geben. Gegenüber einem Reporter der "Neuen Zürcher Zeitung" brüstete sich ein Sabaot-Rebell damit, seine Truppe würde aus Uganda und dem Südsudan versorgt.

Dort toben seit Jahrzehnten blutige Bürgerkriege.



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