Folterchef-Urteil in Kambodscha Der tränenreiche Schlächter

Das Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha hat sein erstes Urteil gesprochen. Kaing Guek Eav bleibt für viele Jahre im Gefängnis. Allerdings haben die Richter dem einstigen Lehrer einen Großteil der Strafe erlassen: Zu viel Milde für einen schauspielernden Massenmörder?

AFP/ ECCC

Ein Kommentar von Erich Follath


Hamburg - Der Prozess gegen den Folterchef der Roten Khmer, Kaing Guek Eav, erinnert gleich in mehrfacher Hinsicht an den Fall Adolf Eichmann: Beide gaben vor Gericht nur zu, was ohnehin nicht zu leugnen ist. Beide zeigten sich als überzeugte Diener einer Ideologie, sahen sich nur als kleines Rädchen im großen politischen Betrieb. Beide bemühten den Befehlsnotstand und sahen ihre eigene Schuld allenfalls als peripher - als "Schreibtischtäter", wie ihnen ihre cleveren Anwälte suggerierten.

Doch beide lögen dreist, wenn sie behaupteten, sie hätten als Handlanger des Apparats keinen Handlungsspielraum gehabt. Obersturmbannführer Eichmann hatte bis zum Schluss alles dafür getan, den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden nicht nur zu verfechten, sondern überzuerfüllen. Sechs Millionen jüdische Opfer waren ihm nicht genug, alle sollten ausgerottet werden.

Und auch Kaing Guek Eav, alias Duch, der am Montag in Kambodscha verurteilt wurde, verfasste einen Vorschlag an seine Parteichefs, wie das "reinigende Blutbad" intensiviert werden konnte, das in der Zeit zwischen April 1975 und Januar 1979 fast jeden vierten Kambodschaner dahinraffte, 1,7 Millionen Menschen insgesamt.

"Der finale Plan" nannte Duch sein Pamphlet - unverkennbar schon die sprachliche Nähe zur "Endlösung".

Dass sich der Khmer wirklich an dem Deutschen orientiert hat, ist Spekulation; die Folterhandbücher der Chinesen und Russen und das Werk des CIA-Direktors Allen Dulles ("Die Kunst des Geheimen") dienten ihm eher als direkte Anleitung. Aber auffallend war im Gericht dann seine Wortwahl schon: "Ich war ein Instrument der Rote-Khmer-Führung, meinen Chefs so treu ergeben wie ein deutscher Schäferhund."

Eichmann hatte ein Menschenleben zuvor, bei seinem Prozess in Jerusalem, kühl auf "nicht schuldig" plädiert. Er starb 1962 in Israel durch den Strang. Duch hatte während der 77 Verhandlungstage von Phnom Penh die "Grausamkeiten des Regimes" tränenreich bedauert, sich bei seinen Opfern angebiedert ("Ich sende der Seele ihres Gatten meinen Respekt") - und das Sondertribunal in seinem Schlusswort November 2009 dann mit der Forderung nach sofortiger Freilassung verblüfft. 40 Jahre Haft verlangten die Ankläger, lebenslang wäre ihr Höchststrafmaß gewesen.

Und nun also das Urteil, für das sich das mit internationalen wie kambodschanischen Richtern besetzte Gericht lange Zeit genommen hat: 35 Jahre Haft. Davon muss Duch, gute Führung vorausgesetzt, nur noch gut die Hälfte absitzen. Der Chef-Folterer der Roten Khmer wirkt mit seinen 68 Jahren drahtig und ziemlich fit; denkbar also, dass er mit 86 das Gefängnis als freier Mann verlassen und sich wieder unter das Volk mischen wird, dem er so unendlich viel Leid zugefügt hat.

Der Mörder kam gut weg

Zu viel Milde für einen Massenmörder? Oder eingedenk der schon zehnjährigen Inhaftierung Duchs - davon die ersten fünf in einem dubiosen Militärgefängnis - doch eine angemessene Strafe?

Das Gericht hat offensichtlich die Kooperation des Angeklagten belohnt und die zwischenzeitlich gezeigte Reue als ernstzunehmend eingestuft. Dass Duch zugegeben hat, wie im Vernichtungslager S-21 ("Tuol Sleng") gefoltert wurde, musste man ihm nicht unbedingt strafmildernd anrechnen; wie die Nazis waren ja auch die Roten Khmer auf ihre Taten stolz und haben sie akribisch dokumentiert. Auf vielen Akten findet sich Duchs kühler Befehl, geschrieben in roter Tinte: "Auslöschen". Von mindestens 14.000 Insassen seines Lagers kamen nicht einmal ein Dutzend mit dem Leben davon.

Und was echte Reue betrifft: Da überwiegen dann die Zweifel, wenn Duch im Gerichtssaal ganz nonchalant die Angehörigen seiner Opfer dazu einlädt, ihn doch einmal im Gefängnis zu besuchen, um sein "wahres Ich" kennenzulernen. Womöglich sind die Richter da auf die Schauspielkunst des ehemaligen Lehrers hereingefallen, der offensichtlich auch mit seinen Bibelkenntnissen und der Konversion zum christlichen Glauben punkten konnte.

Vier Hauptverantwortliche warten noch

Dennoch muss man sagen, dass die "Außerordentlichen Kammern" von Phnom Penh mit ihrem Strafmaß innerhalb eines Ermessensspielraums geblieben sind. Kein Skandalurteil. Aber auch kein Grund, über die angeblich schon geglückte kambodschanische Vergangenheitsbewältigung zu jubeln. Der entscheidende Schritt dazu wird das Verfahren ECCC 02 sein - der Prozess gegen vier der politisch Hauptverantwortlichen für den kambodschanischen Genozid. Denn Kaing Guek Eav hat sich zwar entsetzlicher, unentschuldbarer Gräueltaten - einschließlich der Tötung von Babys - schuldig gemacht, aber er gehört so wenig in die erste Reihe der Völkermordverantwortlichen wie Eichmann.

Seit nunmehr zweieinhalb Jahren sind auf dem ECCC-Gelände außerhalb Phnom Penhs auch Chefideologe Nuon Chea ("Bruder Nr. 2"), Ex-Staatschef Khieu Samphan sowei die Ex-Minister Ieng Say und Ieng Thirith inhaftiert - alle Ende 70 oder älter, alle gebrechlich. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen, noch in diesem Herbst könnte die Anklage erhoben werden. Und zwar nicht "nur" wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie bei Duch, sondern auch wegen Völkermords. Vielen Kambodschanern ist es wichtig, dass die Untaten der Roten Khmer auch juristisch als "Genozid" eingestuft werden.

Am ehesten dürfte Pol-Pot-Stellvertreter Nuon Chea noch zu fassen sein - von ihm unterschriebene Dokumente rücken ihn in die direkte Nähe der Killing Fields. Aber wird die Beweislage auch gegen den smarten Khieu Samphan reichen, der dem Regime der Roten Khmer als diplomatisches Aushängeschild diente und darauf verweisen kann, dass er selbst nach dem Ende des Terrors noch jahrelang ein hochangesehener Gesprächspartner des Westens war? Gegen Ex-Außenminister Ieng Sary, der wie Khieu Samphan einst von einer Amnestie der neuen Herren Kambodschas profitierte, die ihm nach seiner - von einigen internationalen Juristen geteilten - Auffassung vor jeglicher Strafverfolgung schützen sollte?

Die Fesseln der Aufarbeitung

Spätestens jetzt zeigt sich: Die Völkergemeinschaft ist Kambodschas jetziger Regierung zu weit entgegengekommen, das Rote-Khmer-Tribunal leidet unter Geburtsfehlern. Ministerpräsident Hun Sen, 57, war einst selbst ein mittlerer Rote-Khmer-Kader, bevor er dann 1979 an der Seite der einmarschierenden vietnamesischen Truppen das Land befreite. Er hat der Uno bei der Einrichtung des Gerichtshofs viele Fesseln angelegt.

Es ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Ohne diesen zweiten Prozess, ohne Verurteilung der noch lebenden Führungsspitze der Roten Khmer wird das Tribunal nur eine Fußnote der Geschichte bleiben, das Verfahren gegen den Massenmörder Duch nicht viel mehr als eine aufwendige, mit 150 Millionen Dollar von der Weltgemeinschaft zu teuer bezahlte Farce.

Die juristische Aufarbeitung der Rote-Khmer-Zeit hat gerade erst begonnen. Kambodschas "Nürnberger Prozess" geht hoffentlich bald in die zweite, entscheidende Runde. Oder er ist gescheitert.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
elfenlied 26.07.2010
1. Fragezeichen?
Zitat von sysopDas Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha hat sein erstes Urteil gesprochen. Kaing Guek Eav bleibt für viele Jahre im Gefängnis. Allerdings haben die Richter dem einstigen Lehrer einen Großteil der Strafe erlassen: Zu viel Milde für einen schauspielernden Massenmörder? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708531,00.html
Was soll eigentlich das Fragezeichen, jeder weiß was so ein Mensch verdient. Man sollte ihn häuten und die Augen ausstechen und jeden restlichen Tag seines Lebens der Folter seiner ehemaligen Opfer aussetzen. Aber da man sowas nur denkt und nicht sagt wir es dieser Beitrag wohl kaum durch die Zensur schaffen.
Spinatwachtel 26.07.2010
2. Stafe?
Zitat von sysopDas Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha hat sein erstes Urteil gesprochen. Kaing Guek Eav bleibt für viele Jahre im Gefängnis. Allerdings haben die Richter dem einstigen Lehrer einen Großteil der Strafe erlassen: Zu viel Milde für einen schauspielernden Massenmörder? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708531,00.html
Es gibt für diesen Verbrecher keine Strafe, die auch nur annähernd das gewaltige Unrecht mildert, das er begangen hat. Nur die Opfer könnten ihn richten, verurteilen und ihm vielleicht vergeben. Sie sind tot. Menschliche Gerechtigkeit nimmt sich angesichts des teuflischen Unrechts immer zwergenhaft klein aus.
saul7 26.07.2010
3. ++
Zitat von sysopDas Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha hat sein erstes Urteil gesprochen. Kaing Guek Eav bleibt für viele Jahre im Gefängnis. Allerdings haben die Richter dem einstigen Lehrer einen Großteil der Strafe erlassen: Zu viel Milde für einen schauspielernden Massenmörder? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708531,00.html
Dieser Unmensch hat öffentlich gezeigt, was er für ein feiges Würstchen ist und hat dafür noch eine recht milde Strafe bekommen....
raju1956, 26.07.2010
4. Hat Man Was Anderes Erwartet !
Damit war doch zu rechnen. Wenn solche Prozesse erst Jahre später erfolgen, ist das doch fast normal. Leider. Auch unsere alten Nazi's sind doch nie gerecht bestraft worden für ihre Greueltaten. Da hat damals schon die Regierung Adenauer für gesorgt. Und dann sind sie wieder in unserer Gesellschaft aufgetaucht, oft als führende Regierungsmitglieder. Man kann nur hoffen, dass das den Kombodschanern erspart bleibt.
Silberstreif86, 26.07.2010
5. interessant ist ja...
...dass ausgerechnet ein Lehrer groß mit dabei war, als es darum ging die gesamte Akademikerschicht oder auch nur Leute mit einer Brille abzuschlachten. Was das Urteil angeht, braucht man nicht viel sagen, das kann sich jeder selbst denken. Was ich nicht verstehe, inwiefern konnte er denn mit seiner Konversion zum christlichen Glauben "punkten"?
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