Folterskandal CIA quälte Terrorverdächtige bis zu elf Tage mit Schlafentzug

Neue Enthüllungen im US-Folterskandal: Offenbar hat die CIA Terrorverdächtige bis zu elf Tage ununterbrochen mit Schlafentzug gepeinigt und wissenschaftliche Studien verfälscht. Doch der Geheimdienst will an der umstrittenen Methoden festhalten - und setzt Obama unter Druck.


Washington - Ihre Füße waren am Boden festgekettet, ihre Hände etwa in Höhe des Kinns. Tagelang mussten die Gefangenen in dieser Position stehend ausharren, oft ohne Essen, manche nur mit einer Windel bekleidet. Schliefen die Gefangenen ein, spritzten Folterer des US-Geheimdienstes CIA ihnen Wasser ins Gesicht.

Ex-CIA-Direktor Hayden, Ex-US-Präsident Bush: Signifikante Anstrengungen, Schlafentzug als Foltermethode zu erhalten
REUTERS

Ex-CIA-Direktor Hayden, Ex-US-Präsident Bush: Signifikante Anstrengungen, Schlafentzug als Foltermethode zu erhalten

Drohte ein Terrorverdächtiger vor Erschöpfung zusammenzubrechen, ketteten ihn seine Folterer im Liegen fest, in einer verdrehten, unbequemen Position, die das Einschlafen erschwert. Dazu wurden sie mit lauter Musik und Lärm beschallt.

Schafentzug ist eine von der CIA vielpraktizierte Verhörmethode, den Willen von Gefangenen zu brechen - jetzt protokollieren Memos des US-Justizministeriums, aus denen die " Los Angeles Times" am Samstag zitiert, neue, erschütternde Details über das Ausmaß, das diese Foltermethode unter der Regierung von George W. Bush erreicht hat.

CIA-Mitarbeiter quälten Gefangene den Memos zufolge weit länger als bislang bekannt - in einem Fall ließen sie mehr als 25 Terrorverdächtige elf Tage lang nicht schlafen. Später, so heißt es in den Memos weiter, sei die Obergrenze für durchgehende Schlaf-Folter auf sieben Tagen hinabgesetzt worden.

Missbrauch von Studien über Gefährlichkeit von Schlafentzug

Dem Bericht zufolge unternahm die Bush-Regierung zudem signifikante Anstrengungen, Schlafentzug als Verhörmethode zu erhalten. In den Jahren 2005 und 2006, als der US-Kongress drängte, besonders grausame Folterpraktiken zu unterbinden, verhinderte sie ein Verbot dieser Technik. 2007, als ein Urteil des US-Supreme Court die Bush-Regierung dazu verdonnerte, ihr CIA-Programm in Einklang zu den Regeln der Genfer Konvention ( mehr bei SPIEGEL Wissen...) zu bringen, definierte sie als Grundrechte von Gefangenen unter anderem "Nahrung, Essen und Kleidung" - Schlaf dagegen nicht.

Immer wieder betonte die Bush-Regierung dem Bericht zufolge die relative Ungefährlichkeit von Schlafentzug - und untermauerte diese Behauptung unter anderem mit Studien des Sleep Research Center an der britischen Loughborough-Universität. Die Universität wirft der Bush-Regierung allerdings inzwischen vor, ihre Daten ungefragt missbraucht zu haben. "Schockiert" und "besorgt" sei er gewesen, als er erfahren habe, in welchem Kontext die US-Regierung seine Daten verwendet habe, sagte James Horne, Direktor des Sleep Research Center, der "L.A. Times".

Es sei nicht zulässig, Schlafentzug als ungefährlich zu erklären und die erheblichen "psychischen Qualen" zu unterschlagen. Die Situation der Gefangenen sei mit der der Testpersonen überhaupt nicht vergleichbar: Am Sleep Research Center würden Probanden "freiwillig" die Effekte von Schlafentzug testen, CIA-Gefangene dagegen seien "erheblichen zusätzlichen Stressfaktoren" ausgesetzt, die einen "physischen und mentalen Zusammenbruch" provozieren könnten.

Schlafentzug könnte demnach weit gefährlicher sein als die Bush-Regierung es darstellt - internen Memos des US-Justizministeriums zufolge war die Methode auch innerhalb der CIA weit umstrittener als bislang bekannt.

Horne bezweifelt zudem, dass Schlafentzug die Gefangenen zu Geständnissen bewegt, die "unbeeinflusst und frei von Wahnvorstellungen sind". Eine Abteilung des US-Verteidigungsministeriums hegte 2002 denselben Zweifel: Sie riet bereits damals davon ab, Qaida-Gefangene zu foltern - aus Angst vor falschen Aussagen.

Widerstand gegen die Abschaffung von Schlafentzug

US-Präsident Barack Obama hat die von der Bush-Regierung erlaubten zweifelhaften Verhörmethoden kürzlich verboten, die Schließung von Geheimgefängnissen und die Freigabe von Folter-Memos angeordnet sowie CIA-Mitarbeitern für mögliche Rechtsverstöße bei Verhören Straffreiheit zugesichert. Auch die Anwendung von Schlafentzug ist seitdem verboten - allerdings untersucht eine Task Force der Regierung derzeit, ob das tatsächlich für immer und ewig so bleiben soll.

Denn noch immer stößt Obama auf heftigen Widerstand gegen die Abschaffung der Schlafentzugsfolter. Kurz bevor er die Veröffentlichung interner CIA-Memos anordnete, erreichten den US-Präsidenten laut "L.A. Times" gleich mehrere Proteste dagegen - einer kam laut einem hochrangigen Mitarbeiter des Weißen Hauses von Ex-CIA-Chef Michael Hayden persönlich.

Der habe angemahnt, dass es für Obama nicht tragbar sei, Verhörmethoden abzuschaffen, die die Regierung angesichts der vielfältigen Bedrohungen in der Welt künftig weiter brauchen werde.

ssu



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