Folterskandal US-Soldatin England beschuldigt Vorgesetzte

Im Skandal um die Misshandlung irakischer Gefangener will die verurteilte US-Soldatin Lynndie England nicht allein der Sündenbock sein. Ihre Vorgesetzten hätten von den Vorgängen gewusst, sagte sie. Sie wisse außerdem von weitaus schlimmeren Misshandlungen in dem irakischen Gefängnis Abu-Ghoreib.


Washington - Ein Häftling sei beispielsweise in die Dusche eingesperrt worden und habe anschließend vor Schmerzen wie am Spieß gebrüllt, sagte England dem US-Fernsehsenders MSNBC. "Das verfolgt mich, ich höre es noch als ob es gestern passiert ist", fügte sie hinzu.

US-Soldatin Lynndie England: "Es tut mit leid"
REUTERS

US-Soldatin Lynndie England: "Es tut mit leid"

Die 22-Jährige entschuldigte sich öffentlich bei den Misshandelten: "Ich hatte kein Recht, ihnen das anzutun. Es tut mir Leid. Ich hoffe, dass sie mir eines Tages vergeben."

England war eine der Hauptpersonen im Abu-Ghoreib-Skandal. Fotos von England mit Häftlingen an einer Leine hatten weltweit für Entsetzen gesorgt. Zwei Jahre nach den Gefangenenmisshandlungen wurde sie in der vergangenen Woche von einer Militärjury in Fort Hood in Texas zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Nach den Worten von England haben Vorgesetzte die Bilder von ihr mit nackten irakischen Soldaten gesehen. "Die Bilden waren im ganzen Gefängnis verbreitet. Die Vorgesetzten wussten das. Sie haben die Bilder gesehen. Aber sie haben so getan wie 'Ich habe das nicht gesehen'", sagte England. Mitarbeiter der Militäraufklärung hätten gesagt: "Macht weiter mit der guten Arbeit (...) Können wir einen Abzug des Bildes haben?".

Die Vorgesetzten hätten nur jemanden gesucht, dem sie die Schuld zuweisen und auf den sie mit dem Finger zeigen könnten. Das sei sie gewesen, weil ihr Gesicht auf den Bildern zu sehen sei, sagte England. US-Soldatinnen sind nach den Worten von England bei den Misshandlungen nackter Iraker anwesend gewesen, um die Häftlinge zu demütigen und für die anschließenden Verhöre weich zu klopfen. England begründete ihre Teilnahme an den Misshandlungen damit, dass sie ihren 14 Jahre älteren Freund Charles Graner geliebt und ihm blind vertraut habe. Graner sei außerdem vor dem Einsatz im Irak Gefängniswärter gewesen und sie habe sich gesagt: "Okay, er weiß, was er tut."

Sie wolle jetzt dafür Sorgen, dass Graner nie im Leben das gemeinsame Kind zu Gesicht bekomme, sagte England. Graner war selbst wegen der Misshandlungen in Abu Ghoreib zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.



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