Folterskandal von Abu Ghureib Lynndie England bekennt sich schuldig

Die wegen Misshandlung irakischer Häftlinge im Gefängnis Abu Ghureib angeklagte US-Soldatin Lynndie England hat sich schuldig bekannt. Im Zuge einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft stimmte sie sieben Anklagepunkten zu, dafür wurden zwei weitere fallen gelassen. Das Gericht akzeptierte das Geständnis.


Hamburg - Englands Anwälte Jonathan Crisp und Rick Hernandez setzten zum Prozessauftakt auf einen Deal: Zum einen wollten die Verteidiger psychische Probleme der 22-Jährigen geltend machen, sie als verführbares, etwas beschränktes Mädchen vom Lande darstellen.

Viel wichtiger aber ist, dass sich England vor dem Militärgericht in Fort Hood in Texas bereits zu Beginn der Verhandlung in sieben Anklagepunkten schuldig bekannte: Verschwörung in zwei Fällen, Misshandlung von Gefangenen in vier Fällen und Pflichtversäumnis in einem Fall. Die Vorwürfe von unzüchtigen Handlungen und Befehlsmissachtung würden im Gegenzug von Richter Oberst James Pohl fallen gelassen, hoffen die Verteidiger.

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Photo Gallery: Lynndie England Sentenced to Three Years

Der Handel mit der Staatsanwaltschaft sei im besten Interesse ihrer Mandantin, sagen ihre Anwälte. Denn statt einer Höchststrafe von 16 Jahren und 6 Monaten würden der Gefreiten der 372. US-Militärpolizei somit nur noch maximal elf Jahre Haft drohen.

Schon im Februar wurden zehn Vorwürfe von ursprünglich 19 fallen gelassen. Nach Informationen der "New York Times" geht der Deal jedoch noch weiter: Im Gegenzug zu einem umfassenen Schuldeingeständnis könnte die Armeereservistin mit zweieinhalb Jahren Haft davonkommen.

Dabei wollte England zunächst auf nicht schuldig plädieren. Die von ihren Anwälten ursprünglich geplante Verteidigungslinie, dass die Soldaten nur auf Befehl handelten, um die Gefangenen "weich zu klopfen", wurde aber schon im Januar im Prozess gegen den Rädelsführer Charles Graner zunichte gemacht. Graner zeigte keine Reue und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er ist der ehemalige Geliebte von England und Vater des Babys, das sie im vergangenen Oktober zur Welt brachte.

England wurde vergangenes Jahr zum Symbol des Skandals, der die USA und die Welt erschütterte. An den Misshandlungen in Abu Ghureib waren zwar mindestens sieben US-Soldaten beteiligt. Doch die knabenhafte Reservistin aus Fort Ashby in West Virginia, gab dem Gefangenenskandal ein Gesicht: Auf zahlreichen Fotos aus dem US-Gefängnis bei Bagdad posiert die heute 22-Jährige feixend und grinsend, mit einer Zigarette im Mundwinkel, vor nackten Irakern und zeigt auf deren Genitalien. Sie soll mit anderen Soldaten nackte Häftlinge zu einer menschlichen Pyramide aufgetürmt und fotografiert haben.

Besonders ein Bild wurde zum Symbol des gesamten Skandals: Sie hielt einen am Boden liegenden Mann wie einen Hund an der Leine. Doch die wahre Demütigung dieser Fotos ist nur im Zusammenhang mit den Ehrvorstellungen in der arabischen Welt zu verstehen: Eine tiefere Erniedrigung als die pornografische Assoziation mit einem Hund ist dort kaum denkbar.

Richter Oberst James Pohl fragte England am Montag, unter welchem Umständen das Foto mit dem Gefangenen an der Hundeleine entstanden sei. England erklärte, der Soldat Charles Graner habe dem Häftling die Leine angelegt, um diesen in eine andere Zelle zu bringen. Als sich der Mann wehrte, habe Graner zu ihr gesagt: "Halt mal, ich mache ein Foto." Auf die Frage, ob sie den Einsatz der Leine für angemessen gehalten habe, sagte England, sie habe Graners Erfahrung vertraut.

Mehrere Pentagon-Untersuchungen kamen bereits zu dem Schluss, dass in Abu Ghureib chaotische Zustände herrschten. Verantwortlich gemacht wurden jedoch nur untere Ränge: US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld konnte sich weitgehend den Vorwürfen entziehen, er stehe am Anfang der Befehlskette, die diese Misshandlungen erst möglich machten.

Vier der ranghöchsten US-Offiziere, darunter der Befehlshaber der US-Streitkräfte im Irak General Ricardo Sanchez, wurden kürzlich freigesprochen. Für Brigadegeneralin Janis Kapinski, die für das Gefängnis zuständig war, wurde die Militärkarriere mit einem Verweis beendet. Von den insgesamt sieben angeklagten Soldaten wurden einige unehrenhaft aus der Armee entlassen, andere mit bis zu achteinhalb Jahren Haft bestraft. Der Prozess gegen die Beschuldigte Sabrina Harman steht noch aus.

Lars Langenau



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