Foltervorwürfe Empörung über die Empörung

Amerika reagierte nur spät und auffallend verhalten auf die Folterberichte aus dem Irak. Das Wort "Folter" taucht in den meisten Medien bis heute nicht auf. Viel lieber widmen sich die Zeitungen den üblichen Heldenstorys wie der des gefallenen US-Footballstars Pat Tillman.

New York - Die "New York Times" brauchte geschlagene drei Tage, um sich zu einem Leitartikel durchzuringen. Und auch dann, mit ihrem gestrigen Kommentar zum "Alptraum von Abu Ghureib", übte sich die fraglos beste Zeitung der Welt im verbalen Eiertanz. Sie beklagte zwar, dass die Foltervorwürfe gegen das US-Militär einen "enormen Sieg" für die "antiamerikanische Propaganda" der al-Qaida-Terrorknechte darstellten.

Das Kunststück aber: Das Schlüsselwort "Folter" benutzte das Blatt nur einmal, indirekt, in einem beiläufigen Hinweis auf die blutige Geschichte dieses ehemaligen irakischen Regimegefängnisses.

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Fotostrecke: Die Folterer von Bagdad

Foto: AP / The New Yorker

Das ist offenbar redaktionelle Sprachregelung. Seit Bekanntwerden des Skandals um das Gefängnis Abu Ghureib bei Bagdad jedenfalls hat die "New York Times" - die dies erst meldenswert fand, nachdem US-Präsident George W. Bush reagiert hatte - das Wort "Folter" ausdrücklich vermieden (im Gegensatz zu ihrer Pariser Tochter "International Herald Tribune", die sich der europäischen Empörung anschloss).

Stattdessen schreibt die "Times" vorsichtig von "Misshandlung", "Sadismus" und "Erniedrigung", und selbst das nur durch das Schutzadjektiv "angeblich" abgeschwächt. Und die Folterfotos, die um die Welt gingen, vergrub die Zeitung ganz auf Seite fünf.

Längst überholte Halbdementis

Dahinter scheint mehr zu stecken als das übliche Credo zu "Akkuratesse und Fairness" allein, mit dem sich die "New York Times" seit jeher alle Gefühlsaufwallungen verbietet. Denn auch die anderen US-Medien reagierten auf die Vorfälle von Abu Ghureib, die Amnesty International klipp und klar als "ein Muster von Folter" einordnet, erst spät und mit ähnlicher Verwirrung und Unentschlossenheit: Während die meisten TV-Abendnachrichten - vornehmlich CNN und CBS, das die Fotos hier als erster veröffentlichte - mit den Vorwürfen und dem "Ripple Effect" in der arabischen Welt aufmachten, spielten vor allem viele US-Zeitungen die Sache als lästiges Randthema herunter und regten sich eher darüber auf, dass sie sich anderswo so darüber aufregen.

Die große Ausnahme blieb bisher das Magazin "New Yorker", das mit einer sauber recherchierten Geschichte über das Unterdrückungs- und Verhörsystem im irakischen Gefängnis glänzte und in der Folter-Affäre viele neue Details lieferte.

Die auflagenstarke "USA Today" konzentrierte sich gestern dagegen auf die Beschwichtigung des US-Generalstabschefs Richard Myers, bei den Vorfällen handele es sich um "schändliche" Ausnahmen. Das Bush-freundliche "Wall Street Journal", das die Geschichte in seine bleiernen Innenseiten verbannte, schoss gleich doppelt zurück: Amnesty sei ja immer schon bekannt dafür gewesen, "Amerika im schlechtesten Licht darstellen zu wollen"; außerdem sprängen die USA sowieso "mit den meisten verhafteten Irakern zu sanft um".

Starker Tobak. Doch auch die Meinung machenden US-Boulevardblätter, allen voran die "New York Daily News" und die "New York Post" mit ihren insgesamt 1,5 Millionen Lesern, sahen in der Folter von Abu Ghureib wenig Nachrichtenwert: Die "Daily News" versteckte die Meldung auf Seite 22, die "Post", herausgegeben von Bush-Kumpel Rupert Murdoch, quälte sich das längst überholte Halbdementi ab ("Nur eine Handvoll haben misshandelt"). Saftigere Titel-Schlagzeilen machten dagegen die Flucht des im Irak entführten US-Truckers Thomas Hamill und die Helden-Trauerfeier für den an der Afghanistan-Front gefallenen Ex-Footballstar Pat Tillman, der einen Millionen-Profivertrag sausen ließ, um "mein Land zu verteidigen".

Rügen für die Unterlinge

Selbst die zwei großen, unabhängigen US-Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek" widmen sich diese Woche in ihren Coverstorys lieber zwei Softie-Themen: der femininen Gesundheit und den "Geheimnissen des Teenager-Hirns". Nur der "New Yorker", dessen Bericht über die Details des Skandals am Wochenende mehr in Europa denn in den USA für Wirbel gesorgt hatte, ist hier nun auch am Kiosk zu haben: "Folter in Abu Ghureib", titelt das Magazin über dem Report des investigativen Journalisten Seymour Hersh und jenen Farbfotos, die schnell zu optischen Ikonen moderner Kriegsgräuel mutiert sind.

Die kühle Reaktion vieler US-Medien entsprach der offiziellen Linie hier. In Washington beschränkten sich Weißes Haus, Pentagon und State Department auf wohlklingende, doch wenig sagende und noch weniger bindende Verlautbarungen. Etwa die bemerkenswerte Versicherung von Regierungssprecher Scott McClellan, man werde "angemessene Aktionen gegen diejenigen ergreifen, die für diese beschämenden, abstoßenden Akte verantwortlich sind".

Diese Versicherung war unter anderem deshalb bemerkenswert, da das Militär intern ja schon seit Januar ermittelt, die ersten "Rügen" gegen sieben (nicht mal direkt beteiligte) Unterlinge aber erst erfolgten, als die Geschichte publik geworden war, und die Hauptverantwortliche, die damalige Gefängniskommandantin Janis Karpinski, bisher mit einer "Ermahnung" davon kam. Der Präsident selbst, der sich "angeekelt" gezeigt hat, hielt sich gestern gänzlich aus dem brisanten Thema heraus; er war auf Wahlkampf-Bustour im Mittleren Westen.

44 Prozent für Folter

Ähnlich verhalten-lakonisch wie in den Medien schien auch das Echo beim Volk. Typisch für das Schulterzucken vieler Amerikaner war wohl der Ausspruch einer Frau namens Dixie Long aus dem Landkreis Cumberland im Bundesstaat Maryland, aus dem die meisten der inkriminierten Reservisten der 372. Militärpolizeikompanie stammen: "Ich bin ein bisschen enttäuscht" war das Äußerste der Gefühle, das sich die Dame von der "New York Times" auf die Folterbilder entlocken ließ. "Heimat hält Soldaten die Treue", resümierte die konservative "Washington Times".

"Ich werde nie, unter keinen Umständen, glauben, dass er etwas falsch gemacht hat", sekundierte Bill Lawson, der Onkel des nunmehr vor einem Militärgericht stehenden Soldaten Chip Frederick, im Fernsehen. "Alles Bullshit", fand auch die pensionierte US-Offizierin Sharon Brennan, ebenfalls aus Cumberland. "Gleichzeitig ist wohl voll in Ordnung, dass die Iraker unsere Leute zerstückeln, verbrennen und vergewaltigen."

Diese Bemerkung war keine Ausnahme. Anders als in Europa hat der Krieg gegen den Terror - und der von der Regierung geschickt daran gekoppelte Irak-Krieg - in den USA tiefe emotionale Wurzeln: Der weltweite US-Militäreinsatz, erst in Afghanistan und jetzt im Irak, wird von nicht wenigen weiter als eine Art persönlicher Rachefeldzug für die Anschläge vom 11. September 2001 verstanden. Und da geht es Auge um Auge: Kein Wunder, dass noch im Oktober 2003 in einer Umfrage der "Washington Post" 44 Prozent der Befragten die Folter von Gefangenen als akzeptable Anti-Terror-Maßnahme der USA ausdrücklich begrüßten. (42 Prozent lehnten sie ab.)

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte"

In den USA ist dieses Thema offenbar weiter eine moralische Grauzone. Eine Grauzone, die das "New York Times Magazine" am Wochenende - rein zufällig - auszuleuchten versuchte, in einer Titelgeschichte, die schon vor Bekanntwerden der Abu-Ghureib-Vorwürfe geschrieben wurde. Die Kernfrage des Autors und Harvard-Dozenten Michael Ignatieff: Wie weit darf eine Gesellschaft bei der Verfolgung und Vorbeugung von Terrorismus gehen?

"Einige Beobachter", analysierte der Folter-Gegner Ignatieff, "halten solche physischen Mittel für unvermeidlich, wenn wir Terroristen brechen wollen, die bereit sind, im Kampf gegen uns zu sterben". Der Jurist Alan Dershowitz hat dazu sogar bereits eine gesetzliche Regelung parat: Man könne den zuständigen Vernehmungsbeamten doch einfach auf Bedarf eine Art "Foltererlaubnis" ausstellen. Dem jüngsten Amnesty-Menschenrechtsbericht zufolge warten viele US-Polizisten und Militärs darauf erst gar nicht: Da kritisiert Amnesty den weit verbreiteten "Missbrauch" von Insassen in US-Haftlagern in Afghanistan, im Jemen und in Guantanamo Bay, aber auch in Gefängnissen daheim.

Die einzig klaren Worte zu dem Skandal kamen diesmal, überraschenderweise, aus dem US-Kongress und dort aus der Regierungspartei. Abu Ghureib habe "die Millionen Akte von Güte und Großzügigkeit und Opferbereitschaft" der USA im Irak zunichte gemacht, schimpfte der republikanische Senator John McCain, selbst einst ein Kriegsgefangener: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Und auf diese traurige, doch in diesem Fall wahre Binsenweisheit wird die Debatte am Ende wohl auch hinauslaufen.