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07. November 2017, 21:13 Uhr

Marine Le Pen

Tour de Ratlos

Aus Fontenay-Trésigny berichtet

Marine Le Pen versucht den Neustart: Auf ihrer Tour durch Frankreichs Provinz umwirbt die Chefin des Front National die Parteibasis. Sie drischt alte Parolen - wie also will sie die Rechten inhaltlich erneuern?

Ist das der richtige Name für den Ort eines Neuanfangs? Marine Le Pen, seit Wochen auf ihrer "Tour de France", hat in den Mehrzweckhangar "Les Espaces Ulysse" geladen. Hier, gleich neben der Autobahn im Industriegebiet von Fontenay-Trésigny südöstlich von Paris, absolviert sie eine Etappe auf ihrer ganz privaten Odyssee: Sechs Monate nach ihrer Niederlage bei der Präsidentschaftswahl kämpft die Chefin des Front National (FN) um ihre Position als Führungsfigur der rechtsextremistischen Formation.

In die Halle, ansonsten ein Veranstaltungsort für Hochzeiten, Taufen und Firmenfeste, sind mehr als 350 Anhänger und Sympathisanten gekommen. Das Publikum, gut- bis kleinbürgerlich, durchweg weiß und nicht mehr jung, ist um Zehner-Tische gruppiert.

"Vorwärts für eine Neue Front", ist das Motto von Le Pens Tournee. Doch ihre routiniert vorgetragene 12-Minuten-Ansprache enthält lauter wiederaufgewärmte Parolen. Sie spult die alten Feindbilder des FN herunter, wettert gegen Immigration und Islamismus, beschwört die Identität der Nation und attackiert Präsident Emmanuel Macron und dessen "methodische Dekonstruktion des französischen Modells."

Marine Le Pen blickt zurück auf eine "sehr lange Wahlkampagne" im Frühjahr und äußert sogar ein bisschen Selbstkritik: "Wir müssen analysieren, was gut geklappt hat, was weniger und was manchmal gar nicht", gibt die FN-Chefin zu. Doch damit sind die eigenen Fehler auch schon abgehakt, die strategischen Versäumnisse bleiben ungenannt. "Wir müssen uns voll und ganz der Zukunft stellen", ruft sie, "wir dürfen uns nicht mit der Vergangenheit aufhalten."

Warum auch? Zwar bekennt Marine Le Pen, es werde vor dem Programmparteitag im März 2018 "keine Tabus geben, keine Skrupel, alles auf den Tisch zu legen". Aber persönliche Fehler oder gar die Frage nach der Parteiführung werden nicht erwähnt.

Marine Le Pen ist angeschlagen. Trotz des historischen Rekordergebnisses beim zweiten Durchgang der Präsidentenwahl, als die FN-Frau rund 10,6 Millionen Stimmen erhielt, empfinden viele ihrer Anhänger die Niederlage ihrer Kandidatin noch immer als traumatisch. Ihr herablassendes und fahriges Auftreten bei der entscheidenden TV-Diskussion mit Macron wurde zu einem Desaster vor Millionenpublikum.

Der Auftritt wirkte sich auf die Parlamentswahlen aus: Statt der erhofften zwei Dutzend Abgeordneten zogen nur acht FN-Vertreter in die Nationalversammlung ein - nicht genug für die Bildung einer eigenen Fraktion.

Abschied vom Euro ist kein Thema mehr

Die Niederlage brachte den FN nicht nur an die Grenze zur Pleite, auch der Linienkampf zwischen dogmatisch-rechten Traditionalisten und den modernen Pragmatikern flammte wieder auf. Wochenlang drohte gar die Spaltung der Partei: Als Folge verabschiedete sich Marion Maréchal Le Pen, Nichte der FN-Chefin und hartleibig rechts vom politischen Tagesgeschäft. Und Parteivize Florian Philippot, verantwortlich für den Anti-Euro-Kurs der Wahlkampagne, wurde zum Sündenbock abgestempelt und aus der Partei gemobbt.

Nachdem sie wochenlang abgetaucht war, startete Marine Le Pen erst im September ihren langen Marsch zur FN-Neuorientierung. Eine Fragebogenaktion soll die frustrierte Basis in die Kursbestimmung einbinden, neue Gremien, PR-Gimmicks wie Blogs, Internet-Auftritte sollen für Transparenz sorgen. Eine "mehr horizontale Parteistruktur" verspricht künftig innerparteiliche Demokratie.

Doch Dogmen der Vergangenheit bleiben bestehen: der populistische Feldzug gegen Einwanderer, Überfremdung und salafistische Prediger, gepaart mit Attacken auf die neoliberale Regierungselite aus Bankern, Politikern und Eurokraten.

Nur in einem Punkt hat die FN-Frau eingelenkt. Sie beschimpft die EU zwar weiter als "Staubsauger der Souveränität" Frankreichs und fordert stattdessen eine "Union der europäischen Nationen". Doch auf Bekenntnisse zum Rückzug aus dem Euro verzichtet sie: "Damit haben wir manche unserer Anhänger verunsichert", sagte Marine Le Pen dem SPIEGEL .

Das Hauptproblem der 1972 gegründeten Formation bleibt indes ihre mangelnde Glaubwürdigkeit: Marine Le Pen hat die rechtsextreme Partei zwar aus ihrer reflexhaften Protesthaltung herausgeführt. Aber es gelang ihr nicht, den FN als überzeugende Alternative zu etablieren. "Wir müssen von der Oppositions- zur Regierungspartei werden", sagt die Parteichefin nun vor ihren Fans und fordert eine "interne Kulturrevolution".

Doch bevor Dessert und Kaffee serviert werden, widmet sich Marine Le Pen noch Reizthemen wie Terrorismus, Globalisierung und dem Versagen des Staates in puncto Sicherheit der eigenen Bürger. Sie lobt unter dem Beifall der Zuschauer Wladimir Putin und Donald Trump als Sachwalter nationaler Souveränität. "An die Arbeit, auf zum Sieg", schließt die FN-Chefin: "Lang lebe Frankreich."

Der Saal feiert sie. Bei der abschließenden Fragestunde bleiben die FN-Genossen dann freilich unter sich, Journalisten werden mit Nachdruck vor die Tür komplimentiert. Mögliche Klagen der Basis sollen nicht nach außen dringen. Und Kritik an Marine Le Pen anzuhören ist im 20-Euro-Gedeck nicht eingeschlossen.


Zusammenfassung: Nach der verheerenden Niederlage gegen Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl versucht Marine Le Pen, Chefin von Frankreichs Front National, einen Neuanfang an der Basis, sie umwirbt bei einer Tournee durch das ganze Land die Wähler. Wie sie die Partei tatsächlich inhaltlich erneuern will, bleibt jedoch unklar, sie setzt weiterhin auf bekannte rechte Parolen. Nur der Abschied Frankreichs vom Euro gehört nicht mehr zu ihren Forderungen.

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