Fotos aus Abu Ghureib Die Kapuzenmänner

Neue Fotos über Folterungen im Gefängnis von Abu Ghureib befeuern die Diskussion darüber, wer der Kapuzenmann ist, der zum Symbol für Folterungen durch US-Soldaten wurde. Hadschi Ali gilt seit zwei Jahren als der Mann unter der Kapuze. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nimmt er Stellung zu Presseberichten, er sei es nicht.

Neue Nahrung für den amerikanischen Skandal um das Foltergefängnis Abu Ghureib: Es begann Anfang dieses Jahres, als am 16. Februar das Internet-Magazin "Salon" ,mit Hauptsitz in San Francisco, erstmals über umfangreiches Material des "Army Criminal Investigation Command" (CID) berichtete - den Internet-Redakteuren zugespielt durch einen Militär, der selbst in Abu Ghureib war.

Inzwischen wurde auch einer umfangreichen Sammelklage von mehr als 300 Abu-Ghureib-Inhaftierten im District of Columbia stattgegeben - und immer taucht neues Material auf, vor allem Fotos.

Sie belegen die schon bekannten Folterungen auf neuen Fotos, sie zeigen auch neue Nahaufnahmen von den Gepeinigten, so etwa den Häftling mit der Nummer 151716, der von seinen Folterern "The Claw", die Kralle, genannt wurde. Sein richtiger Name ist Ali Schalal Kaissi, sein Rufname Hadschi Ali, Fotos zeigen ihn mit einer Kapuze über dem Kopf in einer Folterzelle. Seine Wärter schrieben ihm "Claw" auf seinen orangefarbenen Overall, weil seine linke Hand verstümmelt ist. An zwei Fingern fehlt je ein Glied, Folge eines Schießunfalls, wie Hadschi Ali sagt, beim ungeschickten Hantieren mit einem Gewehr.

Diese neuen Fotos dokumentieren Hadschi Alis Berichte über seine Haftzeit, die unter anderem in "Vanity Fair", im SPIEGEL und im "Stern" gedruckt wurden. In einem Punkt allerdings schüren die Fotos Zweifel: Auf den Fotos, die einen Mann mit Kapuze und Umhang zeigen, sei ein anderer als Hadschi Ali zu sehen, schreibt das Internet-Magazin "Salon". Auch die "New York Times" bezweifelte - nachdem ihn die Zeitung eine Woche zuvor als Kapuzenmann portraitiert hatte - in ihrer Samstagsausgabe, dass der Mann auf diesen Fotos Hadschi Ali sei.

SPIEGEL ONLINE befragte Hadschi Ali telefonisch im jordanischen Amman.

SPIEGEL ONLINE: Gegenüber dem SPIEGEL, dem "Stern", "Vanity Fair" und anderen Medien haben Sie immer wieder behauptet, sich auf einem der Fotos, die Gefolterte mit Kapuze und Umhang zeigen, wieder erkannt zu haben. Bleiben Sie dabei?

Hadschi Ali: Ja. Ich weiß es, weil ich diese Foltermethode erlitten habe. Ich habe auf einer Kiste gestanden, eine Kapuze auf dem Kopf gehabt und so eine Decke getragen. Ich hatte die Elektrokabel an den Händen. Es war so wie auf dem Bild.

SPIEGEL ONLINE: Nun schreibt aber die "New York Times", Sie hätten der Zeitung gegenüber eingeräumt, dass Sie nicht der Mann auf diesem Bild seien.

Hadschi Ali: Ich habe nur eingeräumt, nicht der Mann auf dem Foto zu sein, das die "New York Times" gedruckt hat. Auf einem anderen Foto bin ich zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: In deutschen Zeitungen heißt es, Sie hätten der "New York Times" "tränenreich" gestanden, nicht der Mann auf dem Foto zu sein.

Hadschi Ali: Das stimmt nicht, das steht so auch nicht in der "New York Times". Im Gespräch mit der "New York Times" war ich verzweifelt darüber, das meine Glaubwürdigkeit angezweifelt wurde.

SPIEGEL ONLINE: In Medienberichten wird behauptet, dass in Abu Ghureib nur ein Mann wie auf dem Foto mit Elektrokabeln gefoltert worden sei, ein Mann namens "Gilligan".

Hadschi Ali: Das stimmt nicht. Ich bin bloß einer von vielen, die auf diese Art gefoltert worden sind. Ich könnte Ihnen Namen nennen, außer Saad, den die Soldaten "Gilligan" nannten, weiß ich von einem Schahin aus Mossul, den sie "Joker" nannten, oder von einem Saddam al-Rawi, der es wegen seines Vornamens besonders schwer hatte und nach den Elektroschocks verrückt wurde. Es waren Dutzende. Diese Foltermethode war etabliert, ein fester Bestandteil des Systems, wobei die Drähte bei den einen an den Zehen, bei den nächsten an den Genitalien und bei wieder anderen am Ohr befestigt wurden. Bei mir haben sie sie nur an den Händen festgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Das Bild, auf dem angeblich "Gilligan" abgebildet ist, und das Bild, von dem Sie behaupten, dass es Sie zeigt, wurden vermutlich innerhalb von drei Minuten geschossen. Das legt den Schluss nahe, dass auf beiden Bildern dieselbe Person zu sehen ist.

Hadschi Ali: Wer sagt das? Diese drei Minuten sind für mich kein Beweis. Wenn Sie die Bilder vergleichen, dann sehen Sie, dass ich viel dickere Beine haben; die Decke sieht anders aus, die linke Hand. Wenn Sie mich fragen, dann sind das zwei verschiedene Personen.

Nach Auswertung aller vorliegenden Bilder bleiben erhebliche Zweifel an der Behauptung von Hadschi Ali, auf einem der Fotos, die einen Gefolterten mit Drähten zeigen, abgebildet zu sein. Sicher aber ist, dass viele Gefangene in der auf den Fotos gezeigten Art gefoltert wurden.

Nach Experten-Meinungen, wie der des US-Historikers Alfred McCoy, der sich seit 20 Jahren mit der Folterpraxis von CIA und Militärs beschäftigt, ist die Prozedur, die der "Kapuzenmann" erleiden musste, Standard, eine alte CIA-Verhörmethode. Auch Jamie Fellner, Direktorin von "Human Rights Watch" sagt, dass noch weitere Häftlinge auf diese Weise gefoltert wurden. In dem offiziellen "Taguba-Report" des amerikanischen Militärs, verfasst von Generalmajor Antonio Taguba, wird die beeidete Aussage von "Specialist" - entspricht ungefähr einem Unteroffizier - Sabrina Harman, von der 372. MP Company, zitiert. Harman berichtet von mindestens einem Häftling, dessen Finger, Zehen, Penis mit Drähten versehen wurden. Beim "Kapuzenmann" sind jedoch nur Drähte an den Fingern zu sehen, was die Folgerung nahe legt, dass es weitere Fälle wie ihn gab. US-Ermittler berichteten, dass es mehrere Häftlinge gibt, die sich in dem Mann mit der Kapuze und den Drähten wiederzuerkennen glauben, so etwa ein ehemaliger Häftling namens Satar Dschabar -- ein weiterer Hinweis darauf, dass mehrere Gefangene in der abgebildeten Art gefoltert wurden.

Das Interview führten Ralf Hoppe und Marian Blasberg