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20. Januar 2014, 23:20 Uhr

Grausame Fotos

Assad-Regime soll systematisch Häftlinge ermordet haben

Mindestens 11.000 Menschen sollen in Syrien in Haft ermordet worden sein. Dies legen die Fotos eines übergelaufenen Militärpolizisten nahe. Experten gehen davon aus, dass die Bilder authentisch sind.

Berlin - Kurz vor der geplanten Konferenz in Genf mit dem syrischen Regime sind neue schwere Vorwürfe gegen Damaskus öffentlich geworden, welche die Verhandlungen belasten dürften. Mindestens 11.000 Menschen sollen in syrischen Gefängnissen seit März 2011 zu Tode gefoltert worden sein.

Die Toten dokumentiert hat ein syrischer Militärpolizist, der inzwischen aus Syrien geflohen ist und Fotos mitgebracht hat. Ein Untersuchungsbericht internationaler Experten, der dem US-Fernsehsender CNN und der britischen Zeitung "Guardian" vorliegt und hier veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass der Überläufer und seine Aufnahmen glaubwürdig sind.

Die Aussagen und Fotos des Militärpolizisten legen nahe, dass das syrische Regime "systematisch" Menschen in den Gefängnissen ermordet. Nach den Einschätzungen der Experten könnte Damaskus auch dafür wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. Die Uno-Menschenrechtskommission für Syrien hat Damaskus bereits wiederholt Kriegsverbrechen vorgeworfen. Doch Russland hat im Uno-Sicherheitsrat bisher jedes Mal eine Weiterleitung an den Internationalen Strafgerichtshof verhindert.

Fotos von geschundenen, ausgehungerten Körpern

Es ist wohl das erste Mal, dass ein derart detaillierter Einblick in die grausame Unterwelt eines autoritären Regimes möglich ist. "Caesar", wie der Überläufer nur mit Pseudonym in dem Bericht genannt wird, hat über 27.000 Fotos aus Syrien herausgeschmuggelt, sie zeigen zu Tode gequälte Häftlinge. Die Bilder stammen aus dem Zeitraum zwischen März 2011 und August 2013.

Seit Beginn der Aufstände vor fast drei Jahren sind über 100.000 Menschen in den Kerkern von Baschar al-Assad verschwunden. Unter ihnen sind viele Studenten, die von Damaskus als regimekritisch eingeschätzt wurden.

Die Bilder sind erschreckend. Sie zeigen Leichname, deren Oberschenkel kaum dicker sind als ein Handgelenk. Ausgehungerte, geschundene Körper, um deren Hals sich blau die Spur zieht von der Kette, die sie strangulierte. Einige der toten Häftlinge haben keine Augen mehr. Andere sind offenbar durch einen Stromstoß ums Leben gekommen oder zeigen Spuren von Schlägen mit Stangen oder anderen Gegenständen.

Caesars Aufgabe war es, die Leichname zu fotografieren. Sie wurden bei ihm, dem Militärpolizisten, im Militärkrankenhaus abgeliefert. Der Geheimdienst brachte die Toten regelmäßig vorbei - Menschen, die in Haft ums Leben kamen.

"Tötungen im industriellen Ausmaß"

Caesars Fotos sollten für die interne syrische Dokumentation beweisen, dass der fragliche Häftling tatsächlich ermordet wurde. Anschließend wurden die Toten in Massengräbern beerdigt. Angehörige bekamen den Leichnam nie zu sehen, nur einen Leichenschein, auf dem eine natürliche Todesursache wie "Herzinfarkt" oder "Atemprobleme" stand und der Hinweis, dass der Tote schon an einem ungenannten Ort beerdigt wurde. In der Regel handelte es sich bei den Verstorbenen um junge Männer zwischen 20 und 40 Jahren.

Drei frühere Ankläger von Kriegsverbrechertribunalen für Ex-Jugoslawien und Sierra Leone hatten Caesars Fotos und weitere Zehntausende Bilder gesichtet und ihn dreimal für ihren Bericht befragt: Dazu gehören der frühere Chefankläger des Kriegsverbrechertribunals für Sierra Leone, Desmond de Silva, der Ankläger im Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, Geoffrey Nice, sowie David Crane, der den liberianischen Präsidenten Charles Taylor angeklagt hat. Sie stuften die Aussagen des Überläufers sowie die Fotos als authentisch ein. Die Bilder seien ein Beweis für "Tötungen im industriellen Ausmaß" durch die Regierung von Staatschef Assad, sagte de Silva dem "Guardian".

Ihren Report fertigten die Experten dem Blatt zufolge im Auftrag einer Londoner Kanzlei an, die das Golfemirat Katar vertritt. Die Regierung des sunnitischen Landes gehört zu den wichtigsten Kritikern Assads, dessen Alawiten dem Schiitentum nahestehen.

Am Mittwoch sollen in der Schweiz Verhandlungen über Frieden in Syrien beginnen, die sogenannte "Genf 2"-Konferenz. Allerdings sind sich die verschiedenen Parteien über unzählige Fragen uneins. Für Verwirrung sorgte zudem Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon: Erst lud er die iranische Regierung ein, an den Gesprächen teilzunehmen - nur wenige Stunden später lud er sie wieder aus.

ras/heb/Reuters

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