Leichenschändungen US-Regierung fürchtet Racheakte in Afghanistan

Erneut muss sich die US-Regierung für schockierendes Verhalten ihrer Truppen in Afghanistan entschuldigen: Soldaten hatten mit Leichen posiert, nun werden Racheakte befürchtet. Verteidigungsminister Panetta kritisierte die "Los Angeles Times" wegen der Veröffentlichung der Fotos.
Leichenschändungen: US-Regierung fürchtet Racheakte in Afghanistan

Leichenschändungen: US-Regierung fürchtet Racheakte in Afghanistan 

Foto: JACQUELYN MARTIN/ AFP

Washington/Brüssel/Kabul - "Das ist Krieg, und Krieg ist schmutzig": US-Verteidigungsminister Panetta wollte sein Statement am Mittwoch aber nicht als Rechtfertigung für die neuen Gräueltaten amerikanischer Soldaten in Afghanistan verstanden wissen. Im Gegenteil: Der Pentagonchef entschuldigte sich am Rande einer Nato-Konferenz in Brüssel "im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten".

Denn die "Los Angeles Times" hatte zuvor 18 grauenvolle Bilder veröffentlicht: Auf ihnen ist zu sehen, wie US-Soldaten Leichen schänden. Die Aufnahmen zeigen Männer in Uniform mit blutigen abgetrennten Beinen. Auch ist zu sehen, wie zwei Armeeangehörige die Hand eines Toten halten - seinen Mittelfinger haben sie dabei ausgestreckt. Auf einem anderen Foto ist ein lächelnder junger US-Soldat zu sehen, hinter dem ein toter Aufständischer mit geöffneten Augen liegt, den ein zweiter Soldat zu halten scheint.

Die Aufnahmen sollen aus dem Jahr 2010 stammen. Sie zeigten nach Angaben der "Los Angeles Times" Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision. Ihre Aufgabe sei es gewesen, getötete Selbstmordattentäter zu identifizieren.

Jetzt fürchtet die US-Regierung Vergeltungsaktionen in Afghanistan. Präsident Barack Obama forderte denn auch umgehend eine Untersuchung. Das auf den Bildern dargestellte Verhalten sei "verwerflich" und entspreche nicht den Standards der US-Armee, sagte sein Sprecher Jay Carney am Mittwoch in Washington. "Es wird untersucht, und die Verantwortlichen werden zur Verantwortung gezogen."

Verteidigungsminister Panetta versuchte sich mit einer Erklärung des Vorfalls. "Ich weiß, dass junge Leute manchmal in der Hitze des Augenblicks sehr dumme Entscheidungen treffen." Panetta fuhrt fort: "Ich entschuldige sie nicht, ich entschuldige dieses Verhalten nicht. Aber ich möchte nicht, dass diese Fotos unseren Leuten und unserer Beziehung zum afghanischen Volk weiteren Schaden zufügen."

"Dieses Betragen verstößt gegen unsere Vorschriften und vor allem gegen unsere wichtigsten Werte. Es steht auch nicht für das Verhalten der großen Mehrheit unserer Männer und Frauen in Uniform", sagte der Minister.

Enttäuschung über Veröffentlichung der Fotos

Das Weiße Haus und Panetta zeigten sich aber auch "sehr enttäuscht" über die Entscheidung, die Fotos zu veröffentlichen. Die "Los Angeles Times" verteidigte sich gegen die Kritik. Herausgeber Davan Maharaj sagte, die Zeitung habe sich "nach sorgfältiger Prüfung" entschlossen, "eine kleine, aber repräsentative Auswahl" zu publizieren. Die "L.A. Times" sehe sich in der Pflicht, "unparteiisch über alle Aspekte des amerikanischen Einsatzes in Afghanistan zu berichten". Die Bilder seien von einem Soldaten zugespielt worden, der damit Führungsmängel und einen Zusammenbruch der Disziplin belegen wolle, berichtete das Blatt.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verurteile die Leichenschändungen ebenfalls scharf. Er müsse aufgeklärt werden, und die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Auch der Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan US-General John Allen und der US-Botschafter Ryan Crocker kritisierten den Zwischenfall. Die "moralisch abstoßenden" Handlungen der Soldaten "entehren die Opfer von Hunderttausenden US-Soldaten und -Zivilisten, die mit Auszeichnung in Afghanistan gedient haben", erklärte Crocker.

Das Bekanntwerden der Aufnahmen ist für die US-Armee in Afghanistan der vierte Skandal seit Jahresbeginn:

In Afghanistan hat der Fall noch keine große Aufmerksamkeit erregt. In den Abendnachrichten von Tolo TV, einem der größten Nachrichtensender des Landes, kam die Nachricht über Gräuel-Fotos gar nicht vor, auch im Radio wurde die weitere Entgleisung von US-Soldaten noch nicht thematisiert. Aus der Erfahrung mit anderen Vorfällen dieser Art jedoch wissen die Militärs der Schutztruppe Isaf, dass sich Stimmungen in dem Land rasend schnell verändern können. Oft ist die Mund-zu-Mund-Propaganda oder eine hitzige Predigt in einer der großen Moscheen entscheidender als moderne Massenmedien. Auch könnten die Taliban die Bilder für ihre Propaganda-Zwecke nutzen.

Die US-Armee hat nach Informationen von SPIEGEL ONLINE schon vor der Veröffentlichung der Bilder versucht, den Schaden in Afghanistan zu begrenzen. So traf sich der Kommandeur aller Isaf-Truppen bereits am Montag mit dem afghanischen Präsidenten, informierte ihn über die in der "Los Angeles Times" geplanten Story und warb gleichzeitig dafür, dass Hamid Karzai mögliche wütenden Reaktionen in der Bevölkerung nicht durch Statements anheizen möge.

Skandal kommt für Washington zu ungünstigem Zeitpunkt

Die US-Armee wusste bereits seit längerer Zeit, dass die Zeitung im Besitz der Bilder war und hatte versucht, eine Veröffentlichung zu verhindern. Bisher hat sich Karzai, der in den letzten Monaten gern gegen die USA und allgemein gegen die Schutztruppe der Nato im Land agitierte, noch nicht zu den Bildern geäußert. Aus seinem Palast hieß es jedoch, der Präsident könne jederzeit seine Meinung zu den Taten der US-Soldaten sagen.

Für Washington kommt die Veröffentlichung der Aufnahmen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Die USA führen mit der afghanischen Regierung komplizierte Verhandlungen über die strategische Partnerschaft der beiden Länder nach dem Ende der Nato-Mission im Jahr 2014. Die Amerikaner wollen aus eigenem Interesse dringend mehrere Luftstützpunkte am Hindukusch erhalten, allein die Nähe zum Konfliktland Iran macht solche Basen militärisch wertvoll.

Afghanistan hingegen erhofft sich durch die Partnerschaft, die in einem formellen Abkommen besiegelt werden soll, die Zusage einer langfristigen Unterstützung für die eigenen Sicherheitskräfte. Konkret forderte Präsident Karzai kürzlich stolze zwei Milliarden Dollar pro Jahr aus Washington - selbst für die USA nicht gerade ein Trinkgeld. Kommt es wegen der Fotos nun zu einem weiteren Zerwürfnis, dürfte dies auch den Abschluss des Deals zwischen Kabul und Washington gefährden.

als/mgb/sho/dpa/Reuters/AFP/
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.