Strache-Video "Die FPÖ ist nicht die Saubermannpartei"

Das Ibiza-Video zeigt: Im Inneren der FPÖ wird ganz anders gesprochen, als man sich nach außen gibt, sagt Forscherin Margit Reiter. Gestolpert ist die Partei jedoch nicht über ihr rechtes Gedankengut.

Zwei für die FPÖ: Heinz-Christian Strache mit dem verstorbenen Jörg Haider (r., im Jahr 2008)
Miro Kuzmanovic/ REUTERS

Zwei für die FPÖ: Heinz-Christian Strache mit dem verstorbenen Jörg Haider (r., im Jahr 2008)

Ein Interview von


Nach der Veröffentlichung des Strache-Videos steckt Österreich in einer Staatskrise. Alle Minister der FPÖ haben die Regierung verlassen, ihre Macht erodiert. Margit Reiter ist Dozentin für Zeitgeschichte in Wien und hat sich mit dem Entstehungsprozess der Partei auseinandergesetzt. Im Interview erklärt sie, wie sich die FPÖ gewandelt hat - und wie es für sie weitergehen könnte.

Zur Person
  • privat
    Margit Reiter ist Dozentin für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Nationalsozialismus und österreichische Parteiengeschichte. Im Herbst 2019 erscheint ihr aktuelles Buch: "Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ"(Göttingen: Wallstein Verlag).

SPIEGEL ONLINE: Die FPÖ gibt es seit 1955/1956. War sie schon immer so rechts wie heute?

Margit Reiter: Zunächst war die Partei ein politisches Sammelbecken von ehemaligen Nationalsozialisten, die sich nicht vom Nationalsozialismus lösen konnten und wollten. Ab den Sechzigerjahren wurde dann versucht, die Partei zu liberalisieren, um sie koalitionsfähig zu machen. Das hat auch funktioniert: In den Achtzigerjahren ging sie eine Koalition mit der SPÖ ein. Dagegen hat Jörg Haider rechts geputscht und die Macht übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Jörg Haider verändert?

Reiter: Bis in die Achtzigerjahre war die FPÖ eine sehr kleine Partei, die kaum über sechs Prozent kam. Haider hat die Partei breiter und wählbarer gemacht. Er hatte eine Doppelstrategie: Referenzen zum Nationalsozialismus und gleichzeitig die populistische Verbreiterung der Partei. Anstelle des bisherigen Deutschnationalismus wurde ein nationaler Österreich-Patriotismus gepredigt, der sich bis heute bei der FPÖ findet.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, von der Liberalisierung der früheren Jahre ist nicht viel übrig geblieben?

Reiter: Heute gibt es keinen liberalen Flügel in der FPÖ. Da hat sich die Partei schon sehr verändert. Unter der Führung von Heinz-Christian Strache wurde wieder auf die ideologische Struktur der Partei zurückgegriffen.

Lisi Niesner/REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist eine rechtspopulistische Partei wie die FPÖ so verankert in der Gesellschaft?

Reiter: Der Nationalsozialismus wird in der österreichischen Bevölkerung immer noch nicht als so problematisch wahrgenommen. Die ganze NS-Vergangenheit wurde hier erst später beleuchtet, lange Zeit hat Österreich sich als Opfer Hitlers dargestellt. Es gibt einfach sehr wenig Sensibilität in der breiten Bevölkerung für Antisemitismus und Rechtsextremismus. Das zeigt sich auch am Skandal um das Video.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Reiter: Der Bruch der Koalition kam nicht durch die unzähligen Skandale, die sich in letzter Zeit mehrten, wie die Nähe der FPÖ zu den rechtsextremen Identitären. Er kam durch ein Video, das Korruption aufdeckt, das also zeigt, dass die FPÖ nicht die Saubermannpartei ist, als die sie sich gern darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Was entlarvt das Video?

Reiter: Dass im Inneren ganz anders gesprochen wird, als man sich nach außen gibt - das war bei der FPÖ schon immer so. Dem versuchen sie jetzt auch mit der üblichen Strategie entgegenzuwirken: der Täter-Opfer-Umkehr. Strache stellt sich jetzt als Opfer der Medien dar, als Opfer einer Verschwörung.

SPIEGEL ONLINE: Die FPÖ hat immer wieder mit anderen Parteien koaliert und ist immer wieder gescheitert. Wird die Partei irgendwann wieder an die Macht kommen?

Reiter: Es wurde schon so oft gesagt: Jetzt sind sie wirklich weg! Und von einem Tag auf den anderen alle Machtpositionen zu verlieren, das tut der Partei richtig weh. Doch bei der FPÖ sind die Personen nicht so wichtig, sondern die Inhalte einer rechten Politik, die bei vielen in der Bevölkerung Anklang findet.

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