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Fragen und Antworten Was die Protokolle wirklich aussagen

WAS ZEIGEN DIE PROTOKOLLE, WAS WURDE GESCHWÄRZT?

Es handelt sich meist um Berichte, die von Soldaten im Feld geschrieben wurden, in der Regel kurz nach den Einsätzen. Sie dienen dazu, das Geschehen auf dem Schlachtfeld und im Land innerhalb des Militärs nachvollziehbar und auswertbar zu machen. Selbst kleine Zwischenfälle werden dokumentiert, um ein Bild von den Ereignissen auch nach oben in der Befehlskette zu ermöglichen.

Vermerkt sind standardisiert unter anderem Tag, Uhrzeit, Ort in Koordinaten, Zahl der Toten und Verwundeten, Ereignistyp und eine Schilderung des Geschehens. SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben sich entschlossen, die Schilderungen aus Sicherheitsgründen nur bei einzelnen ausgewählten Protokollen zu dokumentieren - und dabei Namen von Personen zu schwärzen, die durch eine Veröffentlichung in Gefahr geraten könnten. Von den übrigen Hunderttausenden Dokumenten werden nur die standardisierten Angaben dokumentiert.

WIE LIEST MAN DIE DOKUMENTE?

Die Dokumente sind schematisch aufgebaut und enthalten immer die gleichen Felder. Sie sind voller militärischer Fachausdrücke und Abkürzungen, die für Außenstehende kaum zu entschlüsseln sind. Das Video oben und die Fotostrecke zeigen, wie das einzelne Protokoll zu lesen ist:

In der interaktiven Grafik zu den Dokumenten stellt SPIEGEL ONLINE die Protokolle auf einer Karte des Irak dar. Dargestellt werden die Ereignisse entweder nach Totenzahlen, wie sie im jeweiligen Protokoll vermerkt sind, oder nach Ereignistypen, wie das US-Militär sie definiert hat:

Die Ereignistypen

WIE ZUVERLÄSSIG SIND DIE PROTOKOLLE?

  • Schon dadurch, dass die Berichte unmittelbar nach dem Einsatz von Beteiligten verfasst wurden, ist zu befürchten, dass sie Fehler enthalten - es ist unvermeidbar, dass im Stress eines Kampfeinsatzes die Wahrnehmung leidet.
  • Soldaten sind anders als Wissenschaftler oder Journalisten nicht in erster Linie Berichterstatter , sondern müssen diese Aufgabe nebenher erledigen und empfinden sie nach einem aufwühlenden und erschöpfenden Einsatz wohl oft als Strafarbeit.
  • Die äußeren Bedingungen dürften zum Berichteschreiben häufig miserabel sein; auch deshalb sind wahrscheinlich viele Texte schwer lesbar.
  • Zu befürchten ist, dass teils absichtlich, teils unbewusst einseitig berichtet wird - also die Missetaten, Pannen und Verbrechen der anderen Seite deutlicher dargestellt werden als die eigenen.
  • Denkbar ist auch, dass eigene Verbrechen nachträglich in eine andere Geheimhaltungsstufe übertragen wurden und so aus dem Material verschwanden, das später WikiLeaks zugespielt wurde. Denn dieses enthält nur Protokolle der Stufe "geheim", nicht "streng geheim" (siehe unten). So findet sich das Massaker von Haditha, in dem US-Soldaten am 19. November 2005 24 irakische Zivilisten ermordet haben, nicht in den Protokollen - obwohl dort sonst selbst über Kleinigkeiten berichtet wird.
  • Es gibt innerhalb der Dokumente Widersprüche. Die SPIEGEL-Dokumentation hat schon nach Durchsicht von weniger als hundert zufällig ausgewählten Dokumenten mehrere solche Fälle gefunden. Im laufenden Text zum Beispiel wurden zwei Tote genannt, in den standardisierten Zeilen zur Zahl der Toten steht aber überall eine Null; andere Vorfälle wurden doppelt dokumentiert. Wegen solcher Probleme ist davon auszugehen, dass die Zahlen nicht akkurat sind. Auch technische Übertragungsfehler sind denkbar. David Leigh vom Guardian hält die Totenzahlen für "extrem unzuverlässig". Und wenn schon diese zentrale Angabe nicht immer stimmt, könnten andere Angaben erst recht fehlerhaft sein.

WIE VOLLSTÄNDIG, WIE WERTVOLL SIND DIE PROTOKOLLE?

Generell handelt es sich höchstens um Dokumente der Stufe "Secret - geheim", nicht aber "Top Secret - streng geheim". Zu vielen aufsehenerregenden Ereignissen wie dem Folterskandal von Abu Ghuraib und dem Massaker von Haditha findet sich mutmaßlich aus diesem Grund nichts in den Dokumenten. WikiLeaks hat aus dem Material außerdem Tausende Dokumente zum Quellenschutz herausgenommen, was zu einer gewissen Verzerrung führt.

Trotz dieser Schwächen ist das Material eine Fundgrube - zum einen, weil es zahllose Details enthält, die sonst nie bekannt geworden wären. Zum anderen liegt der besondere Wert in der großen Zahl der Dokumente, die es erlauben, Entwicklungen über längere Zeit nachzuzeichnen. Auf diese großen Linien wirken sich die erwähnten Schwächen in der Regel nicht gravierend aus.