Frankreichs Präsidentschaftskandidat Fillon Der angeschlagene Saubermann

François Fillon sollte Marine Le Pen stoppen. Doch der französische Präsidentschaftskandidat wird verdächtigt, seiner Ehefrau einen fiktiven Job auf Staatskosten beschafft haben. Seine Chancen sinken.
François Fillon

François Fillon

Foto: THOMAS SAMSON/ AFP

Es war als fulminanter Wahlkampfauftakt der Republikaner geplant: Am Sonntag wollte François Fillon vor Zehntausenden Fans mit einer großen, programmatischen Rede die zweite Stufe seiner Präsidentschaftskampagne zünden. Das Ziel: die Wiedereroberung des Élysée.

Jetzt erwarten seine Parteifreunde vor allem Erklärungen: Denn täglich wird der Kandidat mit immer neuen, belastenden Enthüllungen um die Beschäftigung seiner Frau als persönliche Assistentin konfrontiert: Eine satt dotierte Anstellung, bezahlt aus Steuermitteln, die aber offenbar nur auf dem Papier bestand.

Die Polemik torpediert die Strategie Fillons, der sich bei den Vorwahlen als Mann der "Integrität, Aufrichtigkeit und Transparenz" durchgesetzt hatte. Der Favorit der Umfragen - korrekt, katholisch und konservativ - galt seither als Hoffnungsträger gegen Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National (FN).

Mit der Polemik ist Fillons "politische Identität zusammengebrochen", so das Magazin "Marianne". Und seit die landesweit für Finanzverfahren zuständige Staatsanwaltschaft am Freitag Voruntersuchungen einleitete, wird in den Rängen der Republikaner bereits über Ersatz getuschelt. Die Affäre dreht sich um die Frage, ob die gebürtige Britin tatsächlich über Jahre als "parlamentarischer Attaché" gearbeitet hatte. Das Salär jedenfalls war nicht fiktiv, sondern summierte sich, so die Zeitung "Le Canard Enchaîné" , auf rund 500.000 Euro.

Fillon und seine Anwälte bestreiten den Anwurf "fiktiver Beschäftigungen". "Meine Gattin ist eine "bemerkenswerte und außergewöhnliche Frau", verteidigte sich der Kandidat und bekannte: "Ich werde sie verteidigen, ich liebe sie, ich werde sie beschützen."

Die Erklärung im Fernsehsender TF1 war eine bewegende Eloge an seine Gemahlin, handfeste Beweise für die Tätigkeit seiner Frau blieb Fillon jedoch schuldig. "Ich habe nie mit ihr gearbeitet", zitiert "Le Canard Enchaîné" eine ehemalige Assistentin des Abgeordneten.

"Sie war zu Hause"

Zweifel nähren zudem Darstellungen der Betroffenen selbst, die sich in der Vergangenheit stets als "unpolitisch" beschrieben hatte. "Als ich sie im Herbst 2007 traf", so die Journalistin Christine Kelly, die Madame für eine Biografie über Fillon mehrfach befragte, "hat sie nicht gearbeitet. Sie war zu Hause."

Im "Daily Telegraph"  bekannte die Gattin des französischen Premiers seinerzeit, dass sie sich nicht länger auf ihre alleinige Rolle als Mutter beschränken wollte und in Paris mit einem Literaturstudium begonnen hatte - Kurse über Shakespeare inklusive.

"Ich will wieder anfangen zu arbeiten und zu denken", so die Waliserin zu dem britischen Massenblatt. Und erzählte von ihren bukolischen Wochenenden am Stammsitz der Fillons im Departement Sarthe: "Ich kann da in alten Hosen rumlaufen, das hat keine Bedeutung, die Leute sagen: 'Ach, die gehört zu den Briten, die den Gärtner-Look pflegen….'" Das klingt nicht gerade nach dem Fulltime-Job eines "parlamentarischen Attachés" im ländlichen Sablé-sur-Sarthe.

Nach Darstellung von Fillon vertrat Penelope ihren Ehemann bei Vereinsfesten und Organisationen: "Sie empfing unzählige Menschen, die mich sehen wollten", "sie machte mir einen Pressespiegel" oder "sie berichtete von den Anfragen der Leute, den Entwicklungen unserer Gesellschaft."

Beschäftigung von Familienmitgliedern ist nicht generell verboten

Nur logisch, so Fillon, dass diese Arbeit, die Madame lange kostenfrei erledigt hatte, letztlich ordentlich bezahlt werden sollte. So geschehen, als Penelope 1997 den freiwerdenden Posten eines Mitarbeiters übernahm. Fillon: Die Arbeit von Penelope war "reell" und zudem völlig "legal".

Richtig ist: Ungesetzlich sind derartige Praktiken nicht. Frankreichs Abgeordnete verfügen für die Einstellung von Assistenten über eine monatliche Zulage von mehr als 9561 Euro - der durchschnittliche Verdienst beträgt 2300 Euro. Rund 20 Prozent der Parlamentarier nutzen diesen Bonus laut dem Portal Mediapart, um Familienmitglieder oder Verwandte zu entlohnen: 2014 beschäftigten die Volksvertreter der Republik 52 Ehefrauen, 28 Söhne und 32 Töchter. Auch Fillon räumte unterdessen ein, es "sei vorgekommen", dass er seine beiden Söhne bezahlt habe.

Wegen Scheinbeschäftigungen kamen Dutzende von Polit-Promis aller politischen Lager vor Gericht - sogar Ex-Präsident Jacques Chirac. Derzeit ist der Front National im Visier der Justiz, weil die Partei von Marine Le Pen Mitarbeiter am Pariser Hauptquartier mit Bezügen für "EU-Assistenten" bezahlt haben soll.

"Literarische Beraterin"

Die umstrittene Rolle als parlamentarische Hilfskraft war jedoch nicht die einzige Beschäftigung von Penelope Fillon. Zwischen Mai 2012 und Dezember 2013 erhielt sie von der Zeitschrift "La Revue des Deux Mondes" 100.000 Euro - ohne Wissen des damaligen Chefredakteurs. Michel Crépu, der von Madame binnen 18 Monaten "zwei, drei Kurzkritiken" abdruckte: "Ich habe Penelope Fillon nie empfangen, nie gesehen, nie mit ihr telefoniert."

Kein Wunder, beteuerte Marc Ladreit de Lacharrière, Herausgeber des Magazins." Der Milliardär teilte mit, er selbst habe Madame 2012 eingestellt und zwar als "literarische Beraterin". Der Job des großzügigen Gönners, den Fillon zwei Jahre zuvor mit dem Großkreuz der Ehrenlegion geehrt hatte, kam zum richtigen Zeitpunkt - mit der Wahlniederlage der Konservativen drohten dem Ehepaar finanzielle Einbußen.

Die Staatsanwaltschaft wird feststellen müssen, ob es sich auch in diesem Fall um eine "fiktive Anstellung" von Madame handelte. Fillon bezeichnete die Vorwürfe als "Stinkbomben" aus dem Lager seiner politischen Gegner. Er versprach allerdings, seine Kandidatur zurückzuziehen, sollte gegen ihn Klage erhoben werden.

In der Öffentlichkeit ist das Urteil über den Saubermann bereits gefällt: 61 Prozent der Franzosen, so eine Umfrage für den Sender France-Info haben eine schlechte Meinung von Fillon, nur ein Drittel hält ihn für ehrlich. Eine Mehrheit wünscht sich "die Beschäftigung von Familienmitgliedern per Gesetze zu verbieten".

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