Präsidentschaftswahl in Frankreich Ruck nach rechts

François Fillon tritt für Frankreichs Konservative bei der Präsidentschaftswahl an. Der Front National ist verunsichert, Politiker der Mitte wittern eine Chance, die Linken sehen den perfekten Gegner.

François Fillon
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François Fillon

Von , Paris


Die Stimmzettel sind kaum ausgezählt, da bejubeln Frankreichs Republikaner (LR) François Fillon schon: "Ein überwältigendes Plebiszit", dröhnt ein LR-Anhänger im "Haus der Chemie", dem überfüllten Hauptquartier des Kandidaten. Die Fans des Konservativen skandieren euphorisch: "Fillon Präsident, Fillon Präsident."

Fünf Monate vor dem Wahltermin hat der deutliche Sieg Fillons endgültig das Rennen um den Einzug in den Élysée eröffnet: Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy, im ersten Durchgang ausgeschieden, preist seinen ehemaligen Premier als künftigen Lenker der Republik. Alain Juppé, in der Stichwahl unterlegen, beglückwünscht Fillon zu seinem Sieg: "Viel Glück, viel Glück für Frankreich." Es ist noch nicht lange her, da hat er Fillon noch als "rückwärtsgewandt" oder "brutal" beschrieben.

Fillon ist binnen einer Woche vom Hoffnungsträger der Republikaner zum veritablen Heilsbringer aufgestiegen. "Ziel Élysée", titelt der konservative "Figaro", als "Flutwelle" beschreibt die katholische Tageszeitung "La Croix" den Triumph Fillons, die "Presse Océan" aus Nantes schreibt auf Seite eins: "Kurs auf 2017".

Der Front National ist verunsichert

Schon rechnen sich die Republikaner beste Chancen aus, den nächsten Präsidenten Frankreichs zu stellen. Bisher ist nur sicher: Der Erfolg Fillons verschiebt Frankreichs politisches Koordinatensystem. Das Votum für den Mann mit dem geraden Scheitel und den roten Socken steht für einen Ruck nach rechts.

Das hat Folgen für den rechtsextremen Front National (FN). Öffentlich betonen dessen Kader zwar, dass mit der Kür Fillons die Chancen für Parteichefin Marine Le Pen eher noch gewachsen seien: "Hier der Kandidat des Systems, dort die Kandidatin des Volkes", erklärt David Rachline, FN-Senator aus dem Departement Var. "Das schafft Klarheit für einen eindeutigen Wechsel."

In Wahrheit muss der FN befürchten, dass ein Teil des eigenen Lagers zu Fillon überläuft - zumal dessen Programm im Inhalt und Tonfall oft ähnliche Emotionen mobilisiert: Angst vor Überfremdung, Immigration, Gefahren der Globalisierung oder Identitätsverlust. "Wir waren nicht auf den Sieg Fillons eingestellt", gesteht Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete und Nichte der FN-Chefin.

Zumal Fillon ausgerechnet unter wertkonservativen Wählern noch einmal zugelegt hat. Der Abgeordnete von Paris ist so rechts wie Sarkozy, aber mit Manieren und ohne Bling-Bling. So staatsmännisch wie Juppé, aber gesellschaftlich stramm traditionell.

Die Linken sehen den perfekten Gegner

Mit seinem reserviert-aristokratischen Habitus erscheint Fillon als Idealbesetzung für den Élysée. Und er passt zum Wunschbild der stillen Mehrheit, die an der Spitze des Landes einen "Mann der Vorsehung" sehen will, eine Persönlichkeit, die Frankreichs kollektive Sehnsucht nach einem republikanischen Monarchen erfüllt.

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Franzose Fillon: Im Rennwagen, auf dem Bike, im Panzer

Unter Frankreichs Linken hingegen macht sich Freude breit. Denn mit Fillon schicken die Republikaner einen Politiker ins Rennen, der einen beinahe idealen Gegner abgibt - neoliberal, konservativ und erzkatholisch. Damit könnte die Präsidentenwahl einmal mehr zu einem ideologischen Richtungswettkampf geraten, nach jahrzehntealtem Muster: Fortschritt gegen Rückschritt, rechts gegen links.

Immerhin: Fillon, Bewunderer von Großbritanniens früherer Premierministerin Margaret Thatcher, verspricht nicht nur eine Schocktherapie für die angezählte ehemalige Weltmacht. Neben einer radikalen ökonomischen Runderneuerung samt drastischem Sozialabbau soll die Nation auch dank einer geistig-moralischen Wende zu früherer Größe zurückfinden. "Um Frankreich wieder aufzurichten, werde ich sein ganzes Betriebssystem austauschen", sagte Fillon.

Das Magazin "Marianne" sieht eine "konservative Revolution" herannahen und beschreibt den LR-Politiker als Vertreter der Bourgeoisie, tief verankert in einem rückwärtsgewandten Katholizismus. Fillon sei die Verkörperung eines ultraliberalen, ultrakonservativen Kurses, so der Informationsdienst Mediapart, sein Rezept: "Neoliberalismus plus reaktionäre Ideologie".

Hollande jubelt

Fillons soziale Abmagerungskur, so hoffen die regierenden Sozialisten, könnte das zerstrittene Spektrum von Kommunisten, Linkspartei, Trotzkisten und Grünen einen. Vielleicht gelänge gar der Schulterschluss hinter einem sozialistischen Kandidaten - eine linke Einheitsfront gegen Fillon. "Eine vom Himmel geschickte Überraschung", kommentierte Präsident François Hollande daher den Triumph des Republikaners.

Der Grund für Hollandes Jubel: Sollte sich der amtierende Staatschef - womöglich diese Woche noch - für eine weitere Amtszeit bewerben, böte ihm das Klassenkampf-Szenario vielleicht noch eine Chance auf die Wiederwahl: Bislang rangiert er in allen Umfragen am Ende der Beliebtheitsskala. Bei der Mehrheit der Parteigenossen ist er abgeschrieben und im Kabinett hat sich Premier Manuel Valls als Rivale für die Präsidentschaft angekündigt.

Nur gegenüber Fillon könnte Hollande sich als Alternative profilieren - Schutzpatron der Arbeiterklasse gegen den Kandidaten des Unternehmerverbandes, Verteidiger des Fortschritts gegen den Traditionalisten, der gegen Abtreibung wettert oder gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle.

Die Mitte wittert eine Chance

Der stramme Rechtskurs Fillons ist vielleicht nicht ausgewogen genug für die Zukunft Frankreichs, mutmaßt François Bayrou, Präsident der Zentrumspartei MoDem. Und auch Emmanuel Macron, Ex-Wirtschaftsminister von Hollande und selbsternannter Kandidat seiner Bewegung "En Marche", empfiehlt sich bereits als moderaten Gegenentwurf.

Fillon selbst gibt sich am Abend staatsmännisch und versöhnlich, er appelliert gezielt an die Wähler jenseits der Rechten und der Mitte - jene Millionen Landsleute, die er für einen Sieg 2017 gewinnen muss. "Für den Wiederaufbau Frankreichs brauchen wir alle", sagt Fillon, "was uns eint ist wichtiger als das, was uns trennt. Ich reiche all jenen die Hand, die unserem Land dienen wollen."

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MKAchter 28.11.2016
1. Gute Wahl
Wenn eine vernünftige konservative Partei antritt, Sorgen und Probleme vieler Bürger und Wähler aufgreift, und ihnen nicht nur die "Wahl der Protestwahl" ganz rechts außen bleibt... ist das doch eine gute Sache. Für unsere, deutsche Seite des Rheins wäre so etwas nur zu wünschen. Und die Sozialisten? Haben ersichtlich abgewirtschaftet. Ich drücke Monsieur Fillon jedenfalls die Daumen. Als Franzose hätte ich mich unter den drei Republicains-Kandidaten auch für ihn entschieden.
juliusjustus 28.11.2016
2. vernünftig
Fillon hat ein absolut vernünftiges und überfälliges, sinnvolles Programm. Logisch, dass das hierzulande wie immer als "rechts" gilt.
Beat.Adler 28.11.2016
3. Das Programm François Fillon
Das Programm François Fillon: Erhoehung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnerhoeung fuehrt in Frankreich zu Streiks ohne Ende. Erhoehung des Renteneintrittsalter fuehrt in Frankreich zu Streiks ohne Ende. Reduktion von 500'000 Arbeitsplaetzen beim Staat ueber 5 Jahre fuehrt in Frankreich zu Streiks ohne Ende. Maggie Thatcher brach den Gewerkschaften vor 35 Jahren das Genick. Ob Fillon das gelingt, bleibt abzuwarten. Wenn wegen der Streiks die Regale in den Supermaerkten nicht mehr nachgefuellt werden und die Tankstellen leergepumpt sind, Eisenbahn, Busse, Metro, Flugzeuge sich eh nicht mehr bewegen, dann wird klar, ob das Programm Fillon haelt oder nicht. mfG Beat
schmidthomas 28.11.2016
4. Wie man hört,
lag die Wahlbeteiligung bei ca. 4 Millionen. Das sind nochmal gleich wie viel Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung Frankreichs? Eben.
wahrsager26 28.11.2016
5. Fortschritt gegen Rückschritt
Tja,wer ist für Fortschritt?Vermutlich alle!Aber welches Lager maßt sich das an?Die Linken?Sicher,genau die,die unter Hollande das Sagen haben.Ob nun Marine Ke PEN das Rennen macht oder auch nicht ...Hauptsache die allgemeine Richtung wird gewechselt!Fillons Habitus würde auch Politiker bei uns schmücken-doch ich träume.Warten wir ab,was alles im Falle von Fillons Sieg umgesetzt wird,denn das Wahlprogramm beinhaltet ja Passagen,wo die Unsrigen 'durchdrehen' würden....Danke
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