Fillons Russland-Kontakte Liebesgrüße aus Moskau

Russland feiert François Fillon: Der Überraschungssieger der republikanischen Vorwahlen wird in den staatlichen Medien als "französischer Freund" beschrieben: Steilvorlage für Konkurrent Juppé.

François Fillon (r.) mit Russlands Präsident Putin (2011)
AFP

François Fillon (r.) mit Russlands Präsident Putin (2011)

Von , Paris


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Applaus kommt zur Unzeit und eher von der falschen Seite: Vier Tage bevor Frankreichs Bürger endgültig über die Kandidatenkür der Republikaner (LR) abstimmen, wird François Fillon, Überraschungssieger der ersten Runde, von Russlands staatlichen Medien mit Lobpreisungen überschüttet.

"Ein prorussischer Kandidat" freut sich das Wirtschaftsblatt "Wedomosti" über das Abschneiden Fillons, dessen außenpolitische Vorstellungen "ausgewogener" seien als die seines Gegners Alain Juppé. Auch der TV-Sender Rossija 24 beschreibt den Franzosen als "Russland entgegenkommend" und rühmt die persönliche Nähe zwischen Fillon und Präsident Wladimir Putin: "Die beiden sind per Du."

Das Magazin "Expert" wägt bereits die Konsequenzen ab, sollte - nach dem Einzug von Putin-Bewunderer Donald Trump ins Weiße Haus, nun "Freund François" bei den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2017 Nachmieter im Élysée werden. "Eine für Russland extrem nützliche Tendenz ist da im Werden", so das Blatt, das schon eine Generation von Führern im Kommen sieht, die Moskau gegenüber "geneigter" sind und gar "eine Bresche in die gemeinsame Haltung des Westens schlagen könnten".

"Putin hat die französischen Wahlen gewonnen"

Die Liebesgrüße aus Moskau - kurz vor der TV-Debatte am Donnerstag - sind vor allem eine Steilvorlage für den LR-Konkurrenten Alain Juppé. Hatte er Fillon bislang als ultraliberal gerügt, mit einem "brutalen Wirtschaftsprogramm" und "rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Entwürfen", so könnten nun auch Fillons außenpolitische Vorstellungen in die Schusslinie geraten.

Zumal auch angelsächsische Medien über die Auswirkungen der Männerfreundschaft Fillon-Putin orakeln. "Fillon glaubt, dass der Westen Russland schlecht behandelt", schreibt die Londoner "Times". Die US-Nachrichtenagentur Bloomberg News orakelt schon: "Wladimir Putin hat die französischen Wahlen gewonnen."

Die pessimistische Vision von einem Lakaien Moskaus im Élysée "fast so russophil wie Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National, ist freilich überdreht. Fillon wie Juppé sind überzeugte Europäer, mit denselben Zielen: Stärkung der gemeinsamen Grenzen, Konvergenz in der Politik in den Feldern Budget, Steuern, Wirtschaft. Und Fillon plädiert gar für ein "politisches Direktorium", zusammengesetzt aus den Regierungschefs der Eurozone.

Fotostrecke

9  Bilder
Franzose Fillon: Im Rennwagen, auf dem Bike, im Panzer

Außenpolitisch setzt er auf einen eigenen Kurs - in bester Tradition von General de Gaulle. Doch wenn er unter Frankreichs Republikanern zu den Politikern mit den engsten Kontakten zu Wladimir Putin zählt, liegt das vor allem an der Zeit, als beide Politiker als Ministerpräsidenten amtierten - und damit protokollarische Partner waren.

"Sie begegnen sich seither mit gegenseitiger Wertschätzung", sagt Jean de Boishue, ein Berater Fillons. Schon beim ersten Treffen 2008 war der Franzose von seinem russischen Partner fasziniert. "Drei Stunden hat er mir gewidmet", jubelte Fillon seinerzeit, schreibt das Magazin "Le Point" und zitiert einen Zeugen: "Es war, als sei er Gottvater begegnet."

Private Zusammenkünfte in Putins Datscha

Der diplomatischen Begegnung folgten private Zusammenkünfte in der Datscha des russischen Präsidenten außerhalb von Moskau, in Putins Residenz von Sotschi gab es Treffen bei einer Partie Billard.

Trotz der Männerfreundschaft blieben Differenzen - vor allem in der Beurteilung des Syrien-Krieges. "Wie kannst Du den Halunken von Baschar al-Assad unterstützen, den Henker des syrischen Volkes?" rügte Fillon seinen Gesprächspartner 2011. "Und Du, François, weißt Du, wer die Leute sind, die Baschar gegenüberstehen? Nein, weißt Du nicht."

Das Argument gab Fillon offenbar zu denken. Zwei Jahre später, während eines Auftritts im Moskauer Forum "Club Wladai", schlug sich der Ex-Premier auf die Seite seines "lieben Wladimir": Fillon rügte Frankreichs Unterstützung für die US-Luftangriffe gegen das Regime in Damaskus. "Ich wünsche, dass Frankreich in dieser Frage seine Unabhängigkeit in der Beurteilung und seine Freiheit im Handeln wiedergewinnt."

"Lakai der Wolga"

Ein Statement, was Fillon von einem erbosten Sozialisten den Titel "Lakai der Wolga" einbrachte. Doch der lobte noch im vergangenen Jahr Russlands militärische Operationen. "Man kann nur froh sein, dass Moskau intervenierte", so der Republikaner in einem Interview mit dem Magazin "Valeurs actuelles". "Anderenfalls hätten wir uns gegenüber einen noch mächtigeren 'Islamischen Staat'."

Annäherung an Moskau sucht Fillon auch und trotz Russlands Einmischung in der Ukraine. Im Widerspruch zu LR-Konkurrent Juppé, der von Putin verlangt, die "internationalen Verträge zu respektieren, auf denen der Frieden Europas beruht", fordert Fillon das Ende der Wirtschaftssanktionen: "Eine verrückte Geste", nennt er die EU-Reaktion - eine Bewertung, mit der Fillon allerdings nicht mehr alleine ist.

Grund genug für Putin, auch künftig die Beziehung zum neuen starken Mann Frankreichs zu pflegen. Und der Kreml-Zar versteht sich auf Gesten: Zwei Wochen nach dem Tod von Fillons Mutter 2012 empfing er seinen Gast in Moskau und überreichte eine Flasche Mouton Rothschild - mit dem Hinweis: "Schau, François, sie stammt aus dem Geburtsjahr deiner Mutter."


Zusammengefasst: Dem Sieger bei den Vorwahlen der französischen Konservativen, François Fillon, wird eine ungute Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Die beiden mögen sich persönlich, Fillon bringt Verständnis für Russlands machtpolitische Ambitionen auf. Doch das macht ihn,, sollte er wirklich französischer Präsident werden, nicht unbedingt zu einem willfährigen Diener Moskaus.

insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
CharlesderGaul 22.11.2016
1. Umzingelt
So langsam sind wir ja von Russlandfreunden umzingelt. Frankreich, Bulgarien, Griechenland.. ja selbst die USA unter Trump werden zum Russlandfreund. Deutschlands Scharfmacher stehen aber langsam alleine da. Nicht dass am Ende nur ein paar einsame Hochhäuser an der Elbe als letzte Anti-Russland-Bastion stehen bleiben...
chwe 22.11.2016
2. Merkels / Obamas Anti- Russland Politik kommt an ihr Ende
Erst Trump, dann Radew (Bulgarien) und demnaechst Fillon (oder Le Pen). Aber auch wenn man Putin nicht mag ist es doch besser ein gutes Verhaeltnis zu seinen Nachbarn zu pflegen statt sie mit immer mehr Waffen zu bedrohen.
Paul Max 22.11.2016
3. ....
vielleicht sind die Franzosen insgesamt russophiler als sich das mancher deutsche Politiker und Journalist vorstellen kann, und es nützt Fillon? Man wird sehen. Ich begreife ohnehin nicht, wie sich Journalisten ständig hinstellen und von Demokratie schwafeln, aber schon im Vorfeld von Wahlen aufgrund von "Umfragen" zu wissen glauben (dass sie es nicht tun, wurde gerade kürzlich eindrucksvoll demonstriert) was die Wähler denn jetzt entscheiden. Demokratisch ist, wenn man die Leute möglichst (ausser von den Wahlkämpfern) unbeeinflußt wählen läßt. Warten wir einfach (wie früher ohne Umfrage-"demokratische" Vorauswahl und Beeinflussung) wer oder was gewählt wird. Übrigens, so russophob wie manche deutsche Medien (und einzelne Politiker) sich in den letzten Jahren gerieren, sind wenige in der Welt; vielleicht mal von Mr. YesWeCan abgesehen, und den bösen Russen aus der Tasche zu ziehen, reicht nicht immer, um "Böses" (Trump) abzuwenden und "Gutes" (Clinton) "zu tun". Zumindest sie ist uns erspart geblieben - siehe Lybien etc.
pauschaltourist 22.11.2016
4.
Ein tolles Land, dieses Russland. Beste Verbindungen zu den zuverlässigsten Diktatoren weltweit - von Lukaschenko über Assad bis Kadyrow. Und man begeistert sich öffentlich für Trump und Berlusconi und den ultrakonservativen Fillon, vergibt großzügige Kredite an die FN und sympathisiert mit der AfD. Wie klärt die deutsche Linkspartei eigentlich diese ideologischen Widersprüche in ihrer Russlandbegeisterung?
joG 22.11.2016
5. Wenn ich mich recht entsinne...
....ist auch Frau Le Pen dem Russen nicht abgeneigt. Es wird schon interessant, wenn Frankreich einen Russlandversteher zum Chef hat, nachdem auch Moldawien und Bulgarin in diese Richtung gekippt sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.