Geständnisse des französischen Präsidenten Hollande redet sich um Kopf und Kragen

Wie Hollande über seinen Amtsvorgänger Sarkozy denkt, lässt sich erahnen. Aber welche Gemeinheiten hält Frankreichs Staatschef für die Genossen, die Justiz, seine Frauen parat? Seit dieser Woche weiß es die Nation - und ist fassungslos.
Frankreichs Präsident François Hollande

Frankreichs Präsident François Hollande

Foto: MARTIN BUREAU/ AFP

Nicolas Sarkozy ist ein "kleiner Möchtegern-De Gaulle", Außenminister Jean-Marc Ayrault "so loyal, dass er unhörbar ist", Richter und Staatsanwälte stehen für eine "feige Justiz" und Frankreichs Nationalelf hätte dringend "Gehirntraining" nötig.

Solche und ähnlich überraschend rüde Bekenntnisse hat Frankreichs Präsident François Hollande zwei Journalisten anvertraut - ihr Buch, "Ein Präsident dürfte so etwas nicht sagen" , ist diese Woche erschienen und sorgt seitdem für Furore.

Denn die rücksichtslosen Einlassungen des Staatschefs sind keine kolportierten Bonmots aus dem Umfeld des Élysée, im Gegenteil: Hollande hat zwischen April 2012 und Juli 2016 ganze 60 Mal die "Le Monde"-Redakteure Gérard Davet und Fabrice Lhomme zu Gesprächen empfangen und dabei seine Haltung zur Nation, Parteifreunden und politische Gegnern zum Besten gegeben - wohlwissend, dass er es mit Profischreibern zu tun hatte.

Herausgekommen ist dabei ein tiefer Einblick in die Gedankenwelt des obersten Staatsmannes Frankreichs. Der 672-Seiten-Wälzer ist nicht das erste Buch der Saison, das auf Interviews zwischen Präsident und Journalisten beruht; schon als Parteichef der Sozialisten pflegte der joviale Hollande enge Kontakte zu den Medien, auch nach dem Einzug in den Elysée bediente er seine Pressefreunde mit Kommentaren per SMS.

Das 100-Stunden-Protokoll der Le Monde-Autoren erreicht allerdings eine neue, beinahe erschreckende Offenheit - zumal Hollande bekennt: "Ein Präsident dürfte das nicht sagen."

"Warum immer wieder diese Sucht nach Geld?"

Tut er aber. Als "öffentliche Psychoanalyse eines amtierenden Staatschefs" beschreibt daher das Magazin "Le Nouvel Observateur" das politische "Harakiri" von Hollande.

Das Gift wird reihum verspritzt, etwa gegen Vorgänger Sarkozy. "Wir hatten den kleinen Napoleon, jetzt haben wir den kleinen De Gaulle", mokiert sich Hollande. Vernichtender noch das Urteil über dessen Charakter: "Er kann nicht unterscheiden, was möglich ist oder nicht, was legal ist oder nicht, was anständig oder nicht. Und warum immer wieder diese Sucht nach Geld?"

Auch die Genossen werden nicht geschont. Die parteilinken Gegner etwa seien der Beweis, dass eine Versammlung von intelligenten Menschen zur Menge von Idioten werden könne. Über Gefolgsmann Jean-Marc Ayrault, zu Beginn der Amtszeit Ministerpräsident, sagt Hollande: "Ihm fehlt es an Glätte und Leichtigkeit und dem Geschick, ein Kompliment zu machen, um andere mitzuziehen. Aber wenn er das hätte, wäre er Präsident und nicht Premier." ´

Zu Ségolène Royal, langjährige Ex-Lebensgefährtin und Ministerin für Umwelt, bemerkt er kühl: "In dieser Beziehung war ich der politische Kopf." Selbst über seine derzeitige Freundin, die Schauspielerin Julie Gayet, spricht er. "Ich sage ihr oft: 'Ich weiß nicht, was ich in dieser Geschichte verbrannt habe, aber du hast jedenfalls dabei verloren." Nicht einmal als Frau an seiner Seite darf sie auftreten: "Sie leidet darunter. Aber es wird keine offizielle Stellung geben, auch nicht bei einer zweiten Amtszeit."

Hollande klingt manches Mal wie ein Hardliner der Konservativen

Verblüffend auch, wie sehr der private Hollande vom öffentlichen Präsidenten abweicht. Bei einigen politischen Tagesthemen klingt er beinahe wie ein Hardliner aus dem konservativen Lager. Der Islam? "Natürlich, wir haben ein Problem mit dem Islam." Immigration? "Ich glaube, es gibt zu viele Neuankömmlinge, die Zuwanderung dürfte nicht dort stehen, wo sie ist."

Publizistischer Befreiungsschlag oder journalistische Ohrenbeichte? Der Präsident torpediert mit seinen Verdikten die eigenen Chancen auf eine Wiederwahl im Mai 2017. Hollande, der nach den Terrorattentaten von Paris und Nizza wenigstens als Landesvater Anerkennung fand, hat binnen weniger Tage das Land gegen sich aufgebracht.

Wen wundert es? Die Grünen etwa, die er als "Zyniker und Korinthenkacker" abqualifiziert, Richter und Staatsanwälte, die er als feige Vertreter des Rechts beschimpft. Der fußballbegeisterte Präsident keilt gar gegen die Nationalelf: Die Kicker, so Hollande, seien von schlecht erzogenen Kids zu superreichen Stars aufgestiegen.

Giftig-galliger Miesepeter

Warum macht er das, rätselt die Nation über die geballte Ladung von menschenverachtender Bosheit. Ausgerechnet der Mann, der sich im Wahlkampf vom Bling-Bling-Stil Sarkozys absetzen wollte und versprach, einen normalen Präsidenten zu geben, erscheint in Wahrheit als giftig-galliger Miesepeter. Und wo ist der Charmeur, der umgängliche Strippenzieher, der geschickte "Mann der Synthese"? Angesichts seiner haarsträubenden Bekenntnisse schrumpft er zum verbitterten, isolierten Rumpelstilzchen des Élysée.

Hollande auf dem Titel vom "Nouvel Observateur"

Hollande auf dem Titel vom "Nouvel Observateur"

Foto: L`OBS

Mittlerweile hat Hollande offenbar verstanden, dass das Buch ein PR-Desaster erster Güte ist. Prompt folgte eine - vergebliche - Entschuldigung an die Vertreter der Justiz, ein Interview mit dem "Nouvel Observateur" wurde nachgeschoben, in der Hollande hehre Ansprüche auf eine zweite Amtszeit erhebt. Titel: "Ich bin bereit."

Das Wahlvolk wohl eher nicht.

Wenigstens als "mutig", wollte er in die Geschichte Frankreichs eingehen, bekannte er gegenüber seinen journalistischen Beichtvätern. Wahrscheinlicher ist, dass Hollande in der kollektiven Erinnerung seiner Landsleute der Präsident bleibt, der sagte, was er nicht sagen dürfte.