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06. Mai 2012, 19:21 Uhr

Machtwechsel im Elysée

Sozialist Hollande wird Frankreichs neuer Präsident

Frankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte im zweiten Wahlgang den Amtsinhaber. Zehntausende Anhänger des Sozialisten feiern fahnenschwingend den Sieg. Nicolas Sarkozy kündigte seinen Rückzug aus der Politik an. 

Paris - Frankreich steht vor dem Machtwechsel. Nach den Hochrechnungen zur Präsidentenwahl liegt der Sozialist François Hollande vor dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Laut einer vom Sender TF1 veröffentlichten Hochrechnung erreichte er 52 Prozent der Stimmen, vier Punkte mehr als Sarkozy. Eine Hochrechnung von France 2 sah ihn bei 51,9 Prozent gegenüber 48,1 für Sarkozy.

Die letzten Wahllokale in Großstädten wie Paris schlossen erst um 20 Uhr. Erst danach durften die offiziellen Hochrechnungen veröffentlicht werden - doch inoffizielle Ergebnisse kursierten bereits Stunden zuvor.

Sarkozy räumte am Abend seine Niederlage ein. Vor seinen Anhängern erklärte er, er habe bereits mit Hollande gesprochen und ihm gratuliert. "Frankreich hat einen neuen Präsidenten", sagte Sarkozy. "François Hollande ist Präsident der Republik und muss respektiert werden." Er kündigte seinen Rückzug aus der Politik an. "Nach 35 Jahren in der Politik wird mein Platz nicht mehr derselbe sein. Mein Leben wird ein anderes sein", sagte er am Sonntagabend. Die Menschen im Publikum skandierten "Merci, merci" und "Nicolas, Nicolas".

Mit Hollande übernimmt nach François Mitterand erst zum zweiten Mal seit Beginn der Fünften Republik ein Sozialist das Amt des Präsidenten. Zuletzt regierten die Gaullisten 17 Jahre lang. Verlierer Sarkozy muss einer historischen Niederlage ins Auge schauen: Als erster Präsident Frankreichs seit 31 Jahren scheidet der 57-Jährige nun schon mit Ablauf seiner ersten Amtszeit aus.

Der Jubel bei den französischen Sozialisten kennt keine Grenzen. Schon gut eine Stunde vor der Schließung der letzten Wahllokale versammelten sich Hunderte fahnenschwingende Anhänger Hollandes vor dem Hauptquartier der Partei in Paris - wenig später waren es bereits Zehntausende. "Ich bin 24 Jahre alt, ich habe nur die Rechte an der Macht gekannt, ich bin sehr ergriffen", jubelte ein junger Mann. Fahnen und lautes Autohupen begleiteten die Begeisterung vor der Parteizentrale an der Rue de Solférino. Parteisprecher Benoît Hamon verkündete stolz, dass nun die "17-jährige Herrschaft der Rechten im Elysée-Palast zu Ende geht".

Die Place de la Concorde in Paris, wo Sarkozy seine Wahlparty abhalten wollte, ist Bildern des französischen Fernsehens zufolge leer. Die Place der Bastille, wo das Hollande-Lager feiert, füllt sich dagegen bereits am frühen Abend. Autokorsos sind unterwegs dorthin.

Die Frankreich-Wahl könnte auch Auswirkungen auf die künftige Ausrichtung der Europäischen Union haben. So hat Hollande erklärt, den europäischen Fiskalpakt neu aushandeln und ihn um eine Wachstumskomponente ergänzen zu wollen. Das hatte in Berlin für Verärgerung gesorgt. Einem Bericht der Zeitung "Le Figaro" zufolge will Hollande noch am Abend mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonieren.

Die Stichwahl hatte am Morgen mit einer relativ hohen Beteiligung begonnen. Insgesamt waren 46 Millionen Franzosen zur Wahl aufgerufen. Rund 900.000 Franzosen in den Überseegebieten konnten bereits am Samstag abstimmen.

Hollande war nach einem erbittert geführten Wahlkampf als großer Favorit in die entscheidende Runde der Präsidentenwahl gegangen.

Hollande punktete im Wahlkampf mit seinem vergleichsweise radikalen Programm. So will er Einkommen von mehr als einer Millionen Euro mit einem Steuersatz von 75 Prozent belegen, er will 60.000 Lehrer mehr einstellen und den Strompreis für Geringverdiener senken. Außerdem sollen noch bis Jahresende alle französischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden.

ler/dpa/dapd/AFP

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