Hollandes Amtseinführung Président Pitschnass

Frankreich wird ab jetzt von einem Sozialisten regiert. Am Vormittag hat François Hollande das Amt des Präsidenten übernommen. Bei der Ehrenfahrt im offenen Wagen über die Champs-Elysées ertrug er stoisch den Regen - am Ende war er komplett durchnässt.

AP

Paris - Um 10 Uhr war es soweit: Der scheidende Präsident Nicolas Sarkozy empfing seinen Nachfolger François Hollande im Élysée. Es gab ein Händeschütteln auf den Stufen des Palasts vor mehreren hundert Medienvertretern aus aller Welt. Kurz darauf verschwanden die beiden Politiker hinter verschlossenen Türen. Das Ritual verlangt, dass der Konservative Hollande die Regeln für den Umgang mit den Atomwaffen erklärt und sich mit ihm für eine rund 20-minütige Unterredung zurückzieht.

Während die beiden sprachen warteten die Gäste des Festakts zur Amtseinführung. Bereits mit diesem Empfang hebt sich Hollande von Sarkozy ab: Hatte der Konservative vor fünf Jahren seine Familie, Stars und reiche Freunde eingeladen, tritt Hollande nur mit seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler auftreten. Außerdem hat er Vertreter aller großen Gewerkschaften Frankreichs eingeladen.

Nach der Verlesung der Wahlergebnisse der Stichwahl vom 6. Mai, die der Sozialist gegen Sarkozy gewonnen hatte, wurde Hollande offiziell zum neuen Präsidenten ernannt. Danach hielt er eine kurze Ansprache: Sein Mandat bestehe darin, ein unter seiner Schuldenlast ächzendes Frankreich wirtschaftlich wieder aufzurichten und in Europa einen neuen Weg aufzuzeigen. Hollande kündigte an, dass er seinen europäischen Partnern einen Pakt vorschlagen will, der den Schuldenabbau mit der Wachstumsförderung verbindet. "Wir sind ein großes Land, das viele Krisen durchgestanden hat." Er werde Frankreich wieder aufbauen und zum Frieden in der Welt und der Bewahrung der Erde beitragen. "Die Kraft und die Talente unseres Landes sind unbestritten", sagte Hollande weiter. "Alle Franzosen sollen mit meiner Hilfe gemeinsam zusammenleben, unabhängig von Herkunft, Alter und Beruf", erklärte er.

Nasse Haare, nasser Anzug

Anschließend wurden ihm zu Ehren im Garten des Palasts 21 Salutschüsse abgefeuert und die Nationalhymne gespielt. Kurz vor Mittag fuhr Hollande im Auto über den abgesperrten Champs-Elysée und zeigte sich dort den Franzosen. Im Regen fuhr er stehend im offenen Wagen und winkte den Menschen zu. Nach wenigen Minuten war sein Anzug komplett durchnässt. Doch auch eine tropfnasse Brille und klatschnasse Haare hielten ihn nicht davon ab, unter dem Triumphbogen die dritte Marseillaise dieses Tages abzunehmen und anschließend über die Absperrgitter hinweg vielen Bürgern die Hand zu reichen. Anschließend folgt noch ein Empfang im Rathaus.

Am Nachmittag dann wird der Staatspräsident bei seinem ersten Auslandsbesuch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin treffen. Beide wollen über den europäischen Fiskalpakt und Hollandes Forderung nach mehr Wachstumsimpulsen sprechen. Vor einem gemeinsamen Abendessen werden beide vor die Presse treten. Hollande fliegt noch am Abend zurück nach Paris.

Ayrault soll Premierminister werden

Inzwischen ist das Geheimnis gelüftet, wer künftiger Premier werden wird. Jean-Marc Ayrault. Dies kündigte der Chef der Finanzmarktaufsicht AMF, Jean-Pierre Jouyet, im Radiosender RTL an. Eigentlich wollte Hollande diese Neuigkeit erst am frühen Nachmittag in einer Pressemitteilung verbreiten. Joyet, enger Freund von Hollande, hat sich mit seiner Ankündigung also möglicherweise zu weit vorgewagt. Allerdings galt Ayrault ohnehin als großer Favorit: Als langjähriger Abgeordneter und Fraktionschef kennt er die Regeln des Parlaments. Vor allem soll er als Deutschland-Kenner Kontakte im Nachbarland pflegen und kann so das deutsch-französische Tandem weiterbringen.

ler/dapd/dpa/AFP

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Seite 1
ray4912 06.05.2012
1. schlau genig
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Sparen war mal, aber ob das wirklich so schlecht ist?? Die Kanzlerin wird auch für die neue Situation eine Formel finden, bei der auf sie selbst ein gutes Licht fällt. Die deutsche "Hegemonie" als Imagefaktor bleibt. 2013 naht ja schliesslich mit Riesenschritten. Schleswig zeigt in diesen Minuten, wie das etwa aussehen könnte (einfach die Linke anstelle der "Dänen" einsetzen). Weil die SPD auch nicht effizient performt, stehen ihre Chancen nicht mal schlecht.
eigentlicher_Schwan 06.05.2012
2.
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Hollande hatte ja versprochen, Fessenheim stillzulegen. Damit entfiele ein potentieller Grund für ein Zerwürfnis, das wäre gut.
peat53 06.05.2012
3.
und für die Franzosen auch. Sarkozy der sich von Ghadaffis Milliarden sicher eine dicke Scheibe abgeschnitten hat, hat jetzt mehr Zeit für seine Carla und Baby und kann sich nicht mehr als Mini-Napoleon aufführen und den Ölbaron spielen. Der gehörte nach Den Haag und all seine Konten überprüft. Wenn man Merkel und ihn zusammen sah, schnürte es mir immer den Magen zusammen.
68bella68 06.05.2012
4. Nein zum teutonischen Spardiktat
Wie es aussieht entscheiden sich die Franzosen und die Griechen heute gegen das deutsche Spardiktat, das Griechenland zum Drittweltland verarmte und die Länder Europas in die Rezession treibt. Besonders erfreulich ist, dass nach der Abwahl von Sarkozy dieser bald vor Gericht gestellt werden wird: Jetzt wird bald herauskommen, das Sarkozy sich seinen letzten Wahlkampf von Gaddafi finanzieren lies und bei einer Geheimdienstoperation 5 Franzosen ums Leben kamen. Sehr peinlich für Frau Merkel dass sie einen Ganoven zum Freund hatte, wahrscheinlich nicht den einzigen...
OlMan 06.05.2012
5. Was ändert sich? Nicht viel...
Zitat von sysopFrankreich hat einen neuen Präsidenten: François Hollande besiegte den Umfragen zufolge im zweiten Wahlgang den bisherigen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
..denn die französischen Sozialisten kann man nicht mit deutschem Maß messen. Ich erinnere mich noch an die Wahlkämpfe zu den französischen Präsidentschaftswahlen von 1974, wo bei einem Sieg des Sozialisten Mitterand die Horrorvision entstand, dass im Falle eines Wahlsieges von Mitterrand Paris zu einem neuen Gulag mit sowjetischen Panzern auf den Champs-Elysees werden würde. Er verlor. Am 10. Mai 1981 konnte er sich schließlich durchsetzen und wurde vierter Präsident der Fünften französischen Republik, übrigens das erste und bislang einzige sozialistische Staatsoberhaupt Frankreichs. Die anfangs befürchteten linken Weltverbesserungen traten nicht ein, denn der Sozialist Mitterand wurde sehr schnell von der Wirklichkeit eingeholt und musste erkennen, dass er so gut wie keine seiner sozialistischen Vorstellungen verwirklichen konnte. Auf dem Feld der Innenpolitik wurde er rechtsradikaler als die damals aufkommende Partei Front National, so schuf er 1982 eine Anti-Terror-Zelle, die außerhalb der gesetzlich zuständigen nationalen Polizei agierte, außenpolitisch beteiligte sich Frankreich an der Seite der USA am Einmarsch in den Libanon und lehnte Einbeziehung der französischen Atomwaffen in die Genfer Abrüstungsverhandlungen ab. Die Versenkung des Greenpeaceschiffs Rainbow Warrior I durch einen Bombenanschlag mit der Tötung eines Journalisten ging auf die Operation "Satanique" des französischen Geheimdienstes mit der Billigung von Mitterand zurück. Wirtschaftlich setzte er zusammen Jacques Delors (meine Erinnerung) eine strenge Führung des öffentlichen Haushaltes bei gleichzeitiger Politik der Einschränkung laufender Ausgaben im öffentlichen und privaten Bereich durch. Das er dabei auch noch Europa entdeckte und sich hier finanzielle Unterstützung versprach, sei nur noch am Rande erwähnt. So wie ich die Franzosen kennen und lieben gelernt habe, wird auch ein Hollande den gleichen Weg gehen.
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