Franco-Diktatur Señor Garzón wühlt Spaniens Geschichte auf

Sie wurden erschossen, ihre Leichen in Straßengräben oder Minen verscharrt: Im Blutrausch töteten Franco-Anhänger Tausende Menschen. Jetzt verspricht Richter Garzón Aufklärung - und zieht damit den Unmut von Kirche und Opposition auf sich.

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Hamburg - In einer mondlosen Augustnacht 1936 holten Schergen der "Schwarzen Schwadron" Federico García Lorca aus dem Gefängnis von Granada und schafften ihn aus der Stadt hinaus an den Fuß der Berge. Dort, bei der Quelle der Tränen, wie der Ort seit der Herrschaft der Araber heißt, wurde der weltberühmte Dichter der "Zigeunerromanzen" erschossen.

Der Mord an dem verhassten "Roten" durch die falangistische Spezialeinheit geschah einen Monat nach dem Putsch von General Francisco Franco gegen die linke Regierung der Spanischen Republik. In den sechziger Jahren zeigte ein Augenzeuge dem irischen Forscher Ian Gibson eine Stelle nahe Alfacar, an der er im Morgengrauen des 19. August 1936 angeblich die Grube für den Dichter und drei Leidensgenossen – einen Dorfschullehrer und zwei anarchistische Toreros – ausheben musste. Andere Bewohner der Gegend behaupten allerdings, die Ermordeten seien 400 Meter weiter verscharrt. Es gibt aber auch Vermutungen, die Familie des Poeten habe bald nach der Hinrichtung die Leiche freigekauft und in aller Stille beigesetzt.

Jetzt soll es endlich Klarheit geben. Vor vier Wochen beantragten Hinterbliebene bei Baltasar Garzón, Untersuchungsrichter am Nationalen Gerichtshof in Madrid, die Leichen exhumieren zu dürfen. Erstmals haben auch die Angehörigen von García Lorca zugestimmt. "Es gefällt uns zwar nicht, aber wir respektieren den Wunsch der anderen Familien", sagte Nichte Laura.

Dass der Tod des genialen spanischen Poeten nun aufgeklärt werden könnte, gibt all jenen Hoffnung, die 72 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs und 33 Jahre nach Ende der Diktatur noch immer nach verschleppten und ermordeten Verwandten suchen. Denn Franco ließ ab 1940 nur seine eigenen Toten ordentlich begraben. Die anderen – Anhänger der Republik – gelten als "Verschwundene", García Lorca ist der prominenteste von ihnen.

Verscharrt in Straßengräben, Flussbetten oder Minen

Julián Casanova von der Universität Saragossa, herausragender Kenner der Franco-Zeit, rechnet im ganzen Land mit bis zu 30.000 verschollenen Toten. Es sind Menschen, die ohne Gerichtsurteil getötet wurden, die in keinem Register auftauchen, die verscharrt wurden in Straßengräben, Flussbetten oder Minen. Meist fielen sie dem Blutrausch der Franco-Anhänger im Sommer und Herbst 1936 zum Opfer.

Garzón, der sich nun dieses Themas annimmt, wurde weltweit bekannt, als er 1998 den chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet in London verhaften ließ. Von der Regierung in Madrid verlangte er Aufschluss über die im Bürgerkrieg und während der Franco-Diktatur Verschwundenen. Ende vergangenen Jahres hatte das Parlament endlich ein Gesetz verabschiedet, das den Betroffenen moralische Wiedergutmachung und Unterstützung versprach. Seither passierte so gut wie nichts.

Nun gab Garzón Ministerien, Gemeinden und der Bischofskonferenz genaue Anweisungen, ihre Archive zu öffnen und alle Informationen über die Opfer an ihn weiterzugeben. Er will eine Zählung vornehmen – was die Behörden bislang versäumt hatten. Möglicherweise wird der Richter noch einen Schritt weitergehen: Er will in den nächsten Tagen entscheiden, ob er Klagen verschiedener Hinterbliebenenvereine wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit annimmt.

"Genozid am ideologischen Feind"

Garzón, der gefürchtete Jäger von Terroristen und Drogenhändlern, lässt sich auch nicht einschüchtern von Anfeindungen der konservativen Opposition, ihrer Medien und der Kirche. Die nämlich werfen dem Untersuchungsrichter vor, er reiße nur alte Wunden auf. Er sei gar nicht befugt zu ermitteln, befand auch die Staatsanwaltschaft, da die Verbrechen unter das Amnestiegesetz von 1977 fielen.

Emilia Silva, Präsident des "Vereins zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung", hofft dagegen, dass Garzón sogar Beweise für den "Genozid am ideologischen Feind" auch aus jenen Ländern zusammentragen kann, die Francos Verbündete waren. Nach internationalem Recht kann Völkermord weder verjähren noch durch Amnestie straffrei gestellt werden. Der Journalist hatte 2000 im Heimatdorf seiner Familie selbst nach dem Schicksal und den Gebeinen seines Großvaters geforscht – und damit die landesweite Suche nach den Verschwundenen ausgelöst. In privater Initiative sind seither 171 Massengräber geöffnet und die Überreste von 4054 Menschen geborgen worden.

Angehörige brachten in den vergangenen Wochen Kisten, Koffer und Tüten mit Informationen über Franco-Opfer in den Nationalen Gerichtshof. Nach Durchforstung vieler Gemeinderegister, gestützt auch auf Forschungen von Historikern, konnten sie bislang 143.353 Namen zusammentragen.

Auch die Geschichtswissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass Franco und seine Offiziere schon vor dem Putsch einen "Plan zur systematischen Vernichtung des Gegners" gefasst hatten, sagt Casanova: Die Militärs hätten "Spanien nach ihrem Hygieneplan säubern" wollen.

Dennoch hält der Historiker nichts von einem Strafprozess gegen die Täter von damals. Es gehe jetzt darum, die Wahrheit über die jüngste Geschichte zu klären. Im Franco-Regime sei ein "Ungleichgewicht der Erinnerung" entstanden, und das wirke bis heute fort. Die Politiker müssten dafür sorgen, dass die spanischen Schüler endlich lernen, was damals tatsächlich in ihrer Heimat passierte.



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