Franjo Tudjman Vom Tito-General zum Vater der Unabhängigkeit


Zagreb - Franjo Tudjman präsentierte sich seinem Volk gern als Vater der kroatischen Unabhängigkeit und allzeit bereiter Kämpfer für die Interessen des Landes. Seine Kritiker behaupteten jedoch, in die Geschichte werde er als Autokrat eingehen, der den Übergang Kroatiens zur Demokratie gebremst und das Land vom Rest Europas isoliert hat.

Kurz vor seinem Tod büßte der charismatische Präsident, der aus keiner Wahl als Verlierer hervorging, jedoch stark an Popularität ein. Auf die Frage, wie er sich die Zeit nach der Ära Tudjman vorstelle, sagte ein junger Berufstätiger in Zagreb: "Wir fangen wieder von vorne an." Die Situation in Kroatien sei derzeit wie im Jahr 1990. Der Aufbau der Demokratie müsse neu in Angriff genommen werden.

Seit seinem überwältigenden Wahlsieg im April 1990 hat Tudjman seiner Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) zum Sieg bei acht Kommunal-, Parlaments- und Präsidentenwahlen verholfen.

Machthaber in allen Bereichen der Gesellschaft

Doch Tudjmans gewaltige Macht sollte auch das Haupthindernis auf dem Weg in eine demokratische Zukunft des Landes sein. Tudjman verschaffte sich Einfluss in buchstäblich allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Er ernannte Minister, verfügte darüber, welcher Parteifreund welche staatliche Firma kaufen durfte, ernannte Fernsehintendaten und die nationale Fußball-Mannschaft. Er machte in den höchsten Regierungsebenen den Weg frei für Korruption und schaffte es, der Gesellschaft in nur wenigen Jahren enorme Klassenunterschiede aufzuerlegen.

Das Haus in Veliko Trgovisce, in dem Tudjman am 14. Mai 1922 geboren wurde, ließ er in eine Gedenkstätte umwandeln. Tudjman trat im Zweiten Weltkrieg zu Marschall Josip Titos Partisanen über und wurde in den fünfziger Jahren der jüngste General in der jugoslawischen Volksarmee. Doch während seines Geschichtsstudiums in den 60er Jahren kam Tudjman zu der Erkenntnis, Tito habe historische Wahrheiten verfälscht, um Kroatien niederzuhalten.

Glühender Verfechter der Unabhängigkeit

Der außerordentliche Professor an der Fakultät für Politische Wissenschaften der Universität Zagreb wurde zum glühenden Verfechter der kroatischen Eigenständigkeit. Tito schloss ihn aus der Partei aus, entzog ihm seinen Posten als Direktor eines Instituts für Geschichte und ließ ihn wegen konterrevolutionärer Umtriebe und staatsfeindlicher Propaganda mehrmals zu langjährigen Haftstrafen verurteilen.

1989 gründete Tudjman die HDZ, die 1990 zur stärksten Partei Kroatiens gewählt wurde. Als Staatspräsident setzte Tudjman kroatischen Nationalismus gegen jugoslawischen Kommunismus. Im Juni 1991 erklärte sich Kroatien zusammen mit Slowenien für unabhängig.

Mit großer Mehrheit bestätigten die Kroaten Tudjman und die HDZ bei den folgenden Wahlen in ihrer Führungsrolle. Tudjman hielt das Land in fester Hand, unterdrückte die Opposition und kontrollierte die Medien. Kritik an seiner Person oder seinem Politikstil aus den eigenen Reihen beantwortete er mit Parteiausschluss.

Blockierer des Friedensabkommens

Kroatiens und Sloweniens Bestrebungen nach Unabhängigkeit stießen bei der jugoslawischen Führung auf Ablehnung. 1991 brach der jugoslawische Bügerkrieg aus: Plünderungen, Vertreibungen, Brandschatzungen und gewaltsame Übergriffe gegen Zivilisten brachten auch Kroatien heftige Kritik ein. Im Friedensabkommen von Dayton 1995 wurde das bis zuletzt zwischen Serben und Kroaten umkämpfte Bosnien-Herzegowina eine muslimisch-kroatische Föderation sowie ein serbisches Gebiet festgelegt.

Dass dieser Frieden bis heute so brüchig erscheint, liegt unter anderem an Tudjman selbst, der wiederholt zum Kampf gegen Moslems aufgerufen hatte. Tudjman verzögerte die Umsetzung der Bestimmungen des Abkommens.

Bis heute sind noch nicht alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt oder die mutmaßlichen Kriegsverbrecher an das UNO-Tribunal in Den Haag ausgeliefert. Tudjman wurde vorgeworfen, Menschenrechte missachtet und keine unabhängige Justiz zugelassen zu haben.



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